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„Nicht lebensfähig“: Was ein später Schwangerschaftsabbruch für Eltern bedeutet

Schwangere schaut sich ein Ultraschallbild an

Warum? Ich hatte mich doch so auf dieses Kind gefreut.

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imago/Westend61

Hurra, ein Mädchen! Sie hatten bereits einen zweijährigen Sohn, nun freuten sich Sandra und ihr Mann auf die Tochter. Sie planten eine Hausgeburt, besuchten einen Hypnobirthing-Kurs, damit sie ihr Baby möglichst entspannt auf die Welt bringen konnte. Doch beim 3D-Ultraschall in der 20. Schwangerschaftswoche wurde Sandra skeptisch.

„Ist alles in Ordnung?“, fragte sie die Ärztin. Die beruhigte. „Alles bestens! Bis in vier Wochen“. Sandra erinnerte sich an den tollen Moment, in dem sie ihren Sohn zum ersten Mal im Ultraschall gesehen hatte. Dieses Mal war es anders. Das Gesicht war nicht richtig zu erkennen. Lag es daran? Sie recherchierte, glich Daten ab und stellte fest: Der Kopf war viel zu klein. Sie rief die Ärztin an. Die beruhigte wieder. Kinder wachsen halt in Phasen.

Ultraschallbild

Schon in der 10. Woche ist das Ungeborene deutlich zu erkennen und man kann seinen Herzschlag auf dem Ultraschallgerät sehen.

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dpa-tmn

Vier Wochen später, Sandra war bereits im sechsten Monat, konnte man das Gesicht von ihrer Tochter noch immer nicht erkennen, die Ärztin schickte sie zum Spezialisten. Während der Untersuchung brummte der Professor nur in sich hinein. Als Sandra wieder angezogen war, setzten sie sich ihm gegenüber an einen Tisch. „Ihr Kind ist leider schwerst behindert.“ Das sagte er und legte einen Flyer auf den Tisch. Infos. In Sandras Kopf drehte sich alles.

Das Ende aller guten Hoffnung

„Ich verstand nichts“, sagt Sandra. Gerade war aus ihrer guten Hoffnung ein Alptraum geworden. Die Gehirnhälften ihrer Tochter hatten sich nicht geteilt, es war zu viel Wasser im Kopf, sie hatte einen schweren Herzfehler, eine Lippen-Kiefer-Gaumenspalte, einen fehlerhaften Blutkreislauf und keine Nase. Diagnose: „letal“. Nicht lebensfähig.

Sollten sie warten, bis sie von selbst sterben würde? Oder sollten sie sie vorher erlösen?

Es ist genau diese Geschichte, die der einzige deutsche Beitrag der diesjährigen Berlinale zum Thema machte: das Tabu Spätabtreibung. Julia Jentsch und Bjarne Mädel spielen in „24 Wochen“ ein Paar, das vor genau dieser Entscheidung steht – und holt darin den Zuschauer mit in die Entscheidung herein. Sollen sie? Sollen sie nicht?   

„Eine unmenschliche Entscheidung“

„Es ist eine schier unmenschliche Entscheidung, die Eltern nach einer solchen Diagnose treffen müssen“, sagt Sandra. Welches Leben ist lebenswert? Welches nicht? Dürfen wir richten? Es gibt keine eindeutigen Antworten auf diese Fragen.

99.715 Schwangerschaftsabbrüche wurden laut Statistischem Bundesamt im Jahr 2014 in Deutschland durchgeführt. 584 davon wurden nach der vollendeten 22. Schwangerschaftswoche durchgeführt, so genannte „Spätabbrüche“. Regulär sind in Deutschland Schwangerschaftsabbrüche nur bis zur 12. Woche erlaubt.

Die rechtlichen Bedingungen

Ein Abbruch nach der 12. Woche ist nur unter bestimmten Voraussetzungen möglich. Dafür muss etwa die „seelische oder körperliche Gesundheit der Schwangeren“ durch die Fortsetzung der Schwangerschaft stark gefährdet sein. Und: zwischen der Mitteilung der Diagnose und dem Abbruch müssen mindestens drei Tage liegen.

Eine weitere Untersuchung bestätigte den schlimmen Verdacht, wie Sandra zu ihrer Entscheidung fand - lesen Sie weiter auf der nächsten Seite.

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