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Adoption: Mama, war ich in deinem Bauch?

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Offenheit zählt: Fragen zur Adoption hat jedes betroffene Kind, auch wenn es diese nicht direkt, sondern vielleicht nur über Umwege äußert.

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Thomas erfuhr es mit zwölf. Von seinem Freund. Von einem Augenblick auf den anderen stürzte seine bis dahin als sicher empfundene Welt in sich zusammen. Im Internet beschreibt Thomas (Name geändert) den Moment, als er von seiner Adoption erfuhr, so: „Eines Tages kam der Tag der Wahrheit. Ich werde es nie vergessen. Ich geriet mit meinem Freund und Nachbarn mal wieder wegen irgendeiner Belanglosigkeit in Streit.

So wie es bei Kindern halt üblich ist. Aber dieses Mal warf er mir etwas an den Kopf, das mich zutiefst erschütterte. „Was willst denn du! Du hast ja nicht mal richtige Eltern. Du bist ja adoptiert!“ Ich verstand nicht, was er sagte. So lief ich nach Hause, um meine Eltern zu fragen. Und da erklärten sie mir, dass ich tatsächlich adoptiert bin. Nun verstand ich auch den Satz in der Geburtsurkunde, die ich ein paar Jahre zuvor zufällig in die Hände bekam. Da stand: ‚An Kindesstatt angenommen.‘ Doch meine Welt um mich herum, die verstand ich jetzt nicht mehr.“

Aufklärung im Kleinkindalter

Thomas hat einen der schlechtesten aller möglichen Fälle von Adoptions-Aufklärung erlebt. Die Katastrophe. Sein Freund wusste besser über seine Herkunft Bescheid als er selbst. Es wird ihm in seinem weiteren Leben schwergefallen sein, seinen Adoptiveltern je wieder richtig vertrauen zu können.

Natürlich ist es eine Herausforderung für Mütter und Väter, ihrem Kind ehrlich und offen zu sagen, dass es andere leibliche Eltern hat. Doch gerade weil genau das so wichtig ist für die Identitätsbildung des Kindes, sollten Adoptiveltern möglichst früh mit der Sprache herausrücken: im Kleinkindalter. Auf diese Weise hat das Kind die Chance, die Information am unkompliziertesten aufzunehmen.

Darüber sind sich die Fachleute inzwischen einig, ebenso darüber, dass es nicht die einzige richtige Methode für solch ein Gespräch gibt. „Gut ist, wenn Eltern Geschehnisse aus ihrem Alltag als Aufhänger nutzen“, sagt Carmen Thiele, Fachreferentin beim Bundesverband der Pflege- und Adoptivfamilien in Berlin. Etwa, wenn die Nachbarin schwanger ist, wenn im Freundeskreis ein Baby ankommt oder spätestens dann, wenn das Kind selbst wissen will: „Mama, war ich auch in deinem Bauch?“

Betrogen und belogen fühlen

Wichtig ist, dass die Adoption in der Familie im Laufe der Kindheit immer wieder thematisiert wird. Sonst fliegt dem Kind spätestens im Pubertätsalter das ganze Thema um die Ohren und es bewertet das innerfamiliäre Schweigen als gravierenden Vertrauensbruch. Zu Recht.

Eva (Name geändert), ebenfalls adoptiert, wusste früh, dass sie andere leibliche Eltern hat. „Dass ich ein adoptiertes Kind bin, haben meine Eltern mir schon als kleines Kind erklärt. Dafür bin ich ihnen unendlich dankbar. Es wäre sicher schlimm gewesen, dies erst spät zu erfahren. Ich kann mir vorstellen, dass man sich dann betrogen und belogen fühlt“, schreibt sie in einem Internetforum für Betroffene.

Und ergänzt: „Wenn man früh ehrlich zu seinem Kind ist und das Gespräch nie verweigert und die immer wieder aufkommenden Fragen aufgeschlossen beantwortet, dann entsteht eine sehr enge Verbindung. Meine Eltern haben nie schlecht oder wertend über meine leibliche Mutter gesprochen, was ich ihnen hoch anrechne.“

Kinder spüren an Tonfall und Stimme der Erwachsenen, ob ihnen das Sprechen über die Adoption schwerfällt. Wenn sie Unsicherheit und Angst der Eltern wahrnehmen, behalten viele Kinder ihre Sorgen für sich und trauen sich kaum, weitere Fragen zu stellen. Doch Fragen zur Adoption hat jedes betroffene Kind, auch wenn es diese nicht direkt, sondern vielleicht nur über Umwege äußert.

Mit einer einmaligen Erklärung ist es nicht getan

Wenn die Aufklärung im Alter von drei oder vier Jahren noch nicht passiert ist, rät die Adoptions-Expertin Carmen Thiele, gemeinsam ein passendes Bilderbuch anzuschauen und das Gespräch zu eröffnen. Der Klassiker ist „Der Findefuchs. Wie der kleine Fuchs eine Mutter bekam“ von Irina Korschunow, es ist nur eines von inzwischen einigen Kinderbüchern zum Thema. Andere Titel heißen „Das grüne Küken“ von Adele Sansone oder „Paule ist ein Glücksgriff“ von Kirsten Boie.

Nicht ideal ist es, wenn die Eltern an einem beliebigen Tag nach dem Abendbrot sagen: „So, wir müssen etwas bereden.“ Ohne jeden konkreten Bezug erhält das Kind dann eine Information, die es in diesem Moment als deplatziert empfinden kann. Mit einer einmaligen Erklärung ist es ohnehin nicht getan, das Thema wird im Laufe der Jahre immer wieder auftauchen. Gut ist es, wenn sich die Gespräche möglichst natürlich ergeben, wenn Eltern Bereitschaft zum Reden signalisieren oder wenn das Kind selbst nachfragt. Die Fragen des Kindes sind in der Regel die besten Führer zu seinen Gedanken und Bedürfnissen.

Abgabesituation möglichst positiv beschreiben

Die schwierigste Frage, bei der wohl alle Adoptiveltern erst einmal schlucken: „Warum haben meine leiblichen Eltern mich damals weggegeben?“ Carmen Thiele findet es wichtig, dass Adoptiveltern die Abgabesituation möglichst positiv beschreiben, etwa mit den Worten: „Deine leibliche Mutter wollte, dass du gut aufwachsen kannst und dir mit der Adoption die besten Möglichkeiten bieten.“

Auch die liebevollsten Adoptiveltern können ihrem Kind nicht jeden Schmerz nehmen. Aber durch eine positive Sicht und Beschreibung könne das Kind am ehesten ein wertschätzendes Bild seiner biologischen Abstammung verinnerlichen. Schlecht über die leiblichen Eltern zu reden, verunsichert das Kind dagegen stark. Kinder leiden vor allem dann, wenn es den Eltern generell sehr schwerfällt, über die Adoption zu reden.

Ihr Zögern liegt häufig an der tiefliegenden, aber meist unbegründeten Angst, die Liebe des Kindes zu verlieren. Und auch an der Hürde, möglicherweise die eigene Unfruchtbarkeit zu thematisieren. „Nur wenn dieses Thema von den Eltern gründlich aufgearbeitet wurde, wenn es durch Kopf und Herz durch und nicht mehr mit einer negativen Selbstbewertung behaftet ist, können Eltern wirklich offen kommunizieren“, glaubt Carmen Thiele.