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Farhad Vladi handelt seit fast vierzig Jahren mit Inseln. Es ist in Mode gekommen, sich den Traum von einem freieren Leben zu kaufen: Makler der Sehnsucht

HAMBURG. Auf dem Schreibtisch von Farhad Vladi steht ein Globus, er dreht sich, ohne dass man ihn bewegt. Meere und Kontinente ziehen vorbei, präsentieren sich dem, der auf sie blickt, und das passt ganz gut zu Farhad Vladis Art, die Welt zu sehen. Sie macht ihm ein Angebot, er wählt daraus aus. Von Interesse ist jedes ansehnliche Stück Land, allerdings muss es von Wasser umgeben sein. Farhad Vladi ist Makler für Inseln. Wer eine Insel kaufen will, irgendwo auf der Welt, wird ihn kennen lernen, denn Vladi hat es in der Branche zur Marktführerschaft gebracht. Man kann auch sagen, er hat die Branche mitbegründet.Er kam ins Geschäft vor beinahe vierzig Jahren, als der Privatbesitz einer Insel nur als Ausweis einer Exzentrik denkbar war, die mit unvorstellbarem Reichtum einhergeht. Wie bei Aristoteles Onassis und seiner griechischen Insel. Inzwischen haben auch Menschen wie der Komiker Didi Hallervorden ihre eigene Insel. Die von Hallervorden liegt vor Frankreichs Küste, Farhad Vladi hat sie ihm verkauft.Inseln stehen allein, sie sind nur mit Aufwand zu erreichen und was einen erwartet, weiß man erst, wenn man auf ihnen steht. Einst machte das den Menschen Angst. Seit der Schriftsteller Daniel Defoe einen Mann namens Robinson Crusoe auf einer Insel stranden ließ, vor bald 300 Jahren, erfüllt es sie mit Sehnsucht. Viele Kinderbücher spielen auf Inseln, es sind geheimnisvolle Orte, an denen die Regeln der Erwachsenenwelt nicht gelten.Die Erwachsenen träumen weiter von der Insel. Von einem Leben, das selbstbestimmter und glücklicher wäre als das, mit dem man auskommen muss.Von seinem Hamburger Büro aus blickt Farhad Vladi auf die Binnenalster, es ist eine feine Adresse und Vladi, 63, spricht mit dem Selbstbewusstsein eines Mannes, der seine Ideen zu Geld zu machen versteht. Es ist schwer zu sagen, ob seine Karriere mit seiner Liebe zu Inseln begann oder mit seinem Sinn für ein gutes Geschäft und vermutlich lässt sich das in seinem Fall auch nicht trennen. Er sagt, dass er von der Ferne fasziniert war, seit er als Kind die Globen im Schaufenster eines Hamburger Landkartengeschäfts betrachtete. Vor dem Laden wartete er immer auf seinen Vater, ein Kaufmann persischer Abstammung, wenn der am Wochenende die Post aus dem Büro holte.Vladi war Anfang zwanzig, Student der Volkswirtschaft, als er in der Zeitung von einem Mann las, der sich eine Insel gekauft hatte, für 5 000 Mark. Ihm gefiel der Gedanke. Er schrieb an eine Zeitung auf den Seychellen und bat um die Veröffentlichung einer Anzeige: Insel gesucht. Es kam ein Angebot, 100 000 Dollar wollte der Besitzer haben. Zu viel für Vladi. Er schrieb Briefe an vermögende Hamburger, legte Bilder bei, auf denen eine Insel mit Palmen und weißem Sand zu sehen war. Er fand drei Käufer, die sich die Insel teilen wollten. Für sich veranschlagte er fünf Prozent Provision. 5 000 Dollar. Leicht verdientes Geld, fand er. Er hatte im Gefühl, dass sich mehr davon verdienen ließ.Er begann in Frankreich. Mietete Flugzeug und Pilot, flog die Küste entlang, fotografierte. Kleine Inseln mit nur einem Haus drauf sind meist in Privatbesitz. Er bat Bürgermeister um Auskunft aus dem Katasteramt, sah Grundbücher ein, engagierte Notare, rief Finanzämter an, fragte Einheimische. Er arbeitete sich voran, Europa, Nordamerika, Karibik. Wenn er den Namen eines Eigentümers erfuhr, schrieb er ihm. Anfangs hätten viele es gar nicht erwarten können, ihre Inseln loszuwerden, sagt Vladi. Briefe schreibt er heute noch, jedes Jahr an Weihnachten bekommen Inselbesitzer, mit denen er noch nicht ins Geschäft gekommen ist, den dicken Hochglanzkatalog mit den aktuellen Angeboten der Firma "Vladi Private Islands". Sie sollen nicht vergessen, was zu tun ist, sollten sie doch noch verkaufen wollen.Farhad Vladi legte ein Archiv an, das er immer noch benutzt. Inseln bleiben. Schwere Schubladenschränke füllen einen großen Raum neben seinem Büro, darauf stehen Ländernamen, alphabetisch geordnet. In den Schränken hat jede Insel eine Mappe. Es ist ein Archiv aller Inseln, die Vladi für vermittelbar hält. Für ihn gibt es Gestein, das aus dem Wasser ragt und es gibt das, was er Qualitätsinseln nennt. Etwa 12 000 Qualitätsinseln hat die Erde hervorgebracht, so viel kann er mit Sicherheit sagen. Nur ein Teil könnte zu diesem Zeitpunkt auf den Markt kommen. Viele Inseln sind in Staatsbesitz. Andere liegen in Indonesien oder gehören zu den Philippinen, da dürfen Ausländer nicht kaufen.Die Qualitätsinsel verfügt über Bewuchs und über Buchten für die Ankunft per Boot. Sie ist stellenweise flach genug, um den Bau eines Hauses zu erlauben. Sie hat keine Bewohner außer den Eigentümern. Das Land, zu dem sie gehört, ist politisch stabil, weshalb sie nicht unbedingt dort liegt, wo Inseln wie Trauminseln aussehen. Nach Trinkwasser kann gebohrt und das nächste Krankenhaus zügig erreicht werden.Farhad Vladi betrachtet neue Inseln zunächst aus der Luft. Er fotografiert von oben, weil Kunden immer zuerst die Übersicht wollen. Sie wollen die Formen der Insel sehen, wollen sie mit dem Finger umfahren wie ein Schmuckstück, das ihnen gehören könnte. Vladi rät, eine Insel, die von Preis und Lage her in Frage käme, nicht gleich auszusortieren, weil sie auf dem Foto nicht einladend wirkt. Sondern hinzufahren. Denn es gibt Inseln, die von oben aussehen wie eine alte Schuhsohle und charmant erst werden, wenn man auf ihnen steht.Dann geht es ganz schnell, sagt Vladi, man merke gleich, ob eine Insel zu einem passt. Auch bei ihm war es so. Er stand auf Forsyth Island vor Neuseeland und spürte, dass dieser Ort richtig war für ihn. Eigentlich sollte er nur den Preis der Insel schätzen, für die Familie, der sie gehörte. Ein paar Jahre später rief die Familie an. Er habe so begeistert gewirkt damals, wenn er wolle, könne er die Insel nun haben. Er überlegte ein paar Tage. Dann kaufte er. Achtzehn Jahre ist das her.Die Insel ist groß, zwanzig Kilometer Küste, 150 Schafe und Ziegen leben auf ihr, ein Verwalter und sechs Wochen im Jahr Farhad Vladi mit Frau und Kindern. Den Rest des Jahres kann man sie mieten. Kommende Woche wird er wieder da sein, für zwei Tage. Er hat beruflich ohnehin in der Gegend zu tun.Er sagt, dass er auf seiner Insel ein anderer Mensch wird, "schauen Sie mich an, hier bin ich jemand mit Krawatte und weißem Hemd". Jemand, der sich anpasst, soll das heißen, der funktioniert in der Welt der Geschäfte. Jemand, der auch anders kann. Auf der Insel trägt er T-Shirt. Er geht ins Bett, wenn die Sonne untergeht und steht auf, wenn es hell wird. "Man wird eins mit der Insel", sagt er. Er empfinde Glück dabei.Das Leben auf der eigenen Insel ist in Mode gekommen - für ein paar Wochen in Jahr. Die meisten Menschen, die sich eine Insel leisten können, sind in ihrem ersten Leben fest verankert, es hat ihnen Wohlstand gebracht. Manche der neuen Inselbesitzer haben bekannte Namen. Der Schauspieler Johnny Depp hat mit Farhad Vladis Hilfe eine Insel in den Bahamas gefunden, Nicholas Cage auch.Farhad Vladi merkt seit einigen Jahren, dass sich etwas verändert. Die Preise steigen, das Angebot schrumpft. Achtzig Inseln bietet er gerade an, es waren mal mehr. Es gibt die Great Hans Lollik Island auf den Virgin Islands: 200 Hektar grüne Hügel und Sandstrände, unbebaut, 30 Millionen Euro. Es gibt Lundhufushi auf den Malediven, ein palmenbestandener Tupfen im Meer, neun Millionen Euro. Sanda Island in Schottland mit eigenem Leuchtturm, vier Millionen Euro. In einem See in Kanada liegt Blueberry Island, knapp eine Million Euro, eine Blockhütte steht schon.In Deutschland steht nur eine Insel zum Verkauf, im Bodden vor Rügen, für 400 000 Euro. Den vorhandenen Gebäuden, ein Vogelbeobachtungsturm und ein Geräteschuppen, darf allerdings kein weiteres hinzugefügt werden, die Insel steht unter Naturschutz.Handy, Internet, Sonnenenergie, sagt Farhad Vladi, es ist eine Antwort auf die Frage, warum das Geschäft mit Privatinseln zunimmt. Die Annehmlichkeiten modernen Lebens lassen sich heute an nahezu jedem Ort der Welt installieren. "Ein Börsenmakler kann auch von einer Insel in der Karibik aus arbeiten", sagt Vladi, es klingt nicht, als ob er das für eine schlechte Entwicklung hält. Nur allein auf einer Insel habe man dieses Gefühl von Freiheit, sagt er noch. Inselbesitzer seien eben Individualisten. Das hätten alle seine Kunden gemeinsam. Im Übrigen sei all das gar nicht so exklusiv wie man immer glaube.Es bleibt das Gefühl, dass der Wunsch nach der eigenen Insel auch mit Eitelkeit zu tun hat. Mit der Idee, selbst so unabhängig und autark zu sein wie eine Insel. Und dass auf einem von Wasser umgebenen Stück Land ein angenehmes Gefühl besonders klar zu Tage treten kann: man besitzt. Man herrscht vielleicht sogar.Mit der Frage, ob es nicht vermessen ist, eine Insel für sich haben zu wollen, kann man den freundlichen Herrn Vladi verstimmen. Etwas Besseres als ein rücksichtsvoller Besitzer können einer Insel nicht passieren, antwortet er. Zudem könne man sich eine Insel nicht untertan machen. Der Mensch sei es, der sich anpassen muss, an Natur, Winde und Gezeiten.Vor einer Weile ließ Farhad Vladi eine Insel-Überlebens-Tasche designen, mit Zelt, Angel, Kompass und anderen Dingen. Sie ist elegant, aus weißem Leder und von Gucci. Für 385 Euro kann man sich die Verheißung eines Abenteuers kaufen. Vielleicht reicht das schon.------------------------------Foto: (2) Knappe Ware: Farhad Vladi hat zurzeit etwa achtzig Inseln im Angebot, es waren mal mehr. Die Nachfrage steigt, der Preis auch.



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