Film

"Der Hobbit" im Kino: Der Ring des lieben Jungen

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Mit "Der Hobbit: Eine unerwartete Reise" von Peter Jackson wird ein Märchen Wirklichkeit. Jetzt ist der neue Film von Regisseur Peter Jackson endlich in den Kinos angekommen.

Geifernde Wölfe mit verwutzelten Widerlingen auf ihren Rücken hetzen schreiende Zwerge erbarmungslos durch die Nacht; Burgen brennen, Berge bersten, schaurige Flugechsen spucken auf wimmelnde Winzlinge Feuer; im Kampf unterlegene Herrscher werden hämisch kichernd enthauptet und giftige Gnome im Rahmen eines Massengemetzels amputiert: „Der Hobbit“ von J.R.R. Tolkien gehört zu den beliebtesten Kinderbüchern des 20. Jahrhunderts.

1937 erschienen, führte „Der Hobbit“ erstmals in die mythische Welt Mittelerde, in der dann knapp zwei Jahrzehnte später auch Tolkiens Hauptwerk „Der Herr der Ringe“ spielt. Hier wie dort begleiten wir einen Vertreter des kleingewachsenen Hobbit-Volks auf einer gefährlichen Reise. Im „Herr der Ringe“ muss Frodo Beutlin den Ring der Ringe im Schicksalsberg Mordor versenken, um die Welt vor der Herrschaft des bösen Sauron zu retten. Im „Hobbit“erfahren wir die Vorgeschichte hierzu – wie nämlich Frodos Onkel Bilbo einstmals in den Besitz dieses Ringes gelangte, als er sich mit dreizehn Zwergen und einem Zauberer auf dem Weg zu dem Einsamen Berg Erebor befand.

Regisseur Jackson kehrt nach Mittelerde zurück

Der ursprünglich als Splatterfilmer ausgebildete neuseeländische Regisseur Peter Jackson hat Anfang des vergangenen Jahrzehnts aus dem „Herrn der Ringe“ eine gewaltige, ebenso epische wie visuell spektakuläre Filmtrilogie erschaffen. Neun Jahre später kann der geneigte Betrachter mit ihm noch einmal nach Mittelerde zurückkehren: Donnerstag kommt der erste Teil einer wiederum als Trilogie angelegten Verfilmung des Tolkien’schen „Hobbit“-Romans in die Kinos.

Viele vertraute Figuren und Fabelwesen, Schauplätze und Schauspieler begegnen uns wieder: der weise Zauberer Gandalf (Ian McKellen) und der allerdings sechzig Jahre jüngere Hobbit Bilbo Beutlin (Martin Freeman); wir treffen auf Zwerge, Elben und Orks. Der Blick kann noch einmal über die grünen Hügel von Auenland schweifen und sich an den arkadischen Bergschlössern der mysteriösen Elben erfreuen.

Und doch gibt es einen grundlegenden Unterschied gegenüber der„Herr der Ringe“-Verfilmung: Den „Hobbit“ hat Tolkien in den 1930er-Jahren ausdrücklich als Kinderbuch geschrieben; er geht auf die Stegreif-Märchen zurück, die er seinen Kindern vor dem Einschlafen erzählte. Erst später hat Tolkien die „Hobbit“-Geschichte durch erläuternde Schriften, hintergrundschaffende Variationen des Textes und geänderte Stammes- und Figurennamen in die Genealogie Mittelerdes gefügt.

Peter Jackson hat die überschaubare Kinderbuchhandlung nun von vornherein mit dem Epos verbunden – sonst hätte der Stoff auch kaum für gleich drei überlange Filme gereicht. Zu diesem Zweck hat er diverse weitere Epen-Fragmente von Tolkien genutzt, etwa den dritten Anhang aus dem „Herrn der Ringe“ sowie den erst postum in den „Nachrichten aus Mittelerde“ veröffentlichten Bericht Gandalfs über die „Fahrt zum Erebor“.

Ein erzählerisches Wagnis

Das ist ein erzählerisches Wagnis, denn wo im „Herrn der Ringe“ der heitere Märchenton angesichts der finsteren Bedrohung aus Mordor erst allmählich – und dadurch umso effektvoller – weicht, muss das Verhältnis zwischen Idyllik und Grauen, zwischen naivem und epischem Ton im „Hobbit“ vom Drehbuch selbst gesetzt, neu erschaffen werden. Der Film beginnt denn auch nicht mit dem ebenso berühmten wie zunächst auch recht harmlos erscheinenden ersten Satz des Romans – „In einer Höhle im Boden, da lebte ein Hobbit“ –, sondern mit einer vollwertigen mythopoetischen Einführung in die Genealogie des mittelerdischen Zwergengeschlechts; in prachtvoll gepinselten Schlachtengemälden wird die Vertreibung der Zwerge durch den Drachen Smaug aus ihrem angestammten Reich im Einsamen Berg Erebor geschildert.

Doch alle Zweifel, ob Jackson und seine Ko-Autoren sich an dieser Aufgabe nicht überhoben haben, verfliegen alsbald: Mit größtem Geschick und rhythmischer Geschmeidigkeit haben sie die verschiedenen Erzählstränge ineinandergefügt; mit gleichsam philologischer Treue zum ursprünglichen Text sowie dem richtigen Gespür für kleine Freiheiten und Variationen haben sie aus den verstreuten Quellen ein einheitliches Werk erschaffen.

Mit gelegentlichen Rückblenden beschmückt, begleiten wir die Gefährten nun auf ihrer gefahrvollen Reise und werden – kurz vor dem Ende dieses ersten Teils – Zeuge dabei, wie Bilbo in einem Stollen dem glibschigen Gnom Gollum einen goldenen Ring entwindet, mit dessen Hilfe er unsichtbar wird.

Visuelles Spektakel

Das visuelle Spektakel, das Peter Jackson entfacht, ist noch bestrickender als im „Herrn der Ringe“ – nicht, weil es (was ohnehin kaum möglich erscheint) noch opulenter wäre, sondern weil es noch differenzierter, scheinbar selbstwidersprüchlicher ist. Die „Hobbit“-Filme hat Jackson nicht nur in 3D gedreht, sondern zugleich mit einer erhöhten Bilderbewegungsgeschwindigkeit: Statt 24 – wie im Kino sonst üblich – sind es hier nun 48 Bilder pro Sekunde. Die extreme Bildschärfe, die dabei entsteht, hat manche Betrachter schon stark irritiert – freilich kann sie nur dann irritierend erscheinen, wenn man von einer Märchenerzählung notwendig unscharfe Bilder erwartet.

Bei Peter Jackson hingegen sind die Protagonisten mit voller Absicht hyperreal konturiert. Vor den prächtig ausgepinselten Hintergründen und noch in den schlimmsten Schlachtengemälden kommen sie mit der ganzen Präsenz echter Menschen, Zwerge und Orks ins Bild: So wird aber – und besser kann man den Geist der Tolkien’schen Epen und Märchen gar nicht bewahren und zeigen – der Widerstreit zwischer „kleiner“ Psychologie und „großem“ Epos nicht nur in der Geschichte ausgetragen, sondern in jeder Figur, in jedem einzelnen Bild.

Wie Jackson diese Spannung zwischen dem Fantastischen und dem Menschlichen, dem Märchen und der Wirklichkeit, dem Erfundenen und dem Vorgefundenen aufbaut und variiert – darin liegt seine eigentliche inszenatorische Kraft, darin zeigt sich sein ganzes Talent. Er ist nicht nur ein großer Spektakelmeister. Er ist zugleich der fantasievollste Realist, den das Kino gegenwärtig besitzt.

Der Hobbit – Teil 1: Eine unerwartete Reise USA/Neuseel. 2012. Regie: Peter Jackson, Kamera: Andrew Lesnie, Darsteller: Ian McKellen, Martin Freeman u.a.; 169 Minuten, Farbe. FSK ab 12.

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