Film

Berlinale Wettbewerb: Film ist Spiel

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Aurora (Laura Soveral) liegt im Sterben.
Aurora (Laura Soveral) liegt im Sterben.
Foto: Berlinale
Berlin –  

Ein junger Bursche und eine verheiratete Frau verlieben sich und planen die Flucht: Der Wettbewerbsfilm „Tabu“ des portugiesischen Regisseurs Miguel Gomes beginnt als fantastische Romanze und endet in der Nähe des Dokumentarischen.

Junger Bursche und verheiratete Frau verlieben sich und planen die Flucht. Der portugiesische Regisseur Miguel Gomes, der Kino ausdrücklich als Spiel begreift, hat in seinem Wettbewerbsfilm „Tabu“ das einleitend zusammengefasste gewöhnliche Geschehen für eine filmische Versuchsanordnung hergenommen. Der Film beginnt als fantastische Romanze und endet in der Nähe des Dokumentarischen.

In einer fernen Stummfilmvergangenheit wandert ein liebeskranker, verlassener Melancholiker durch Afrika und springt einem Krokodil ins Maul – dieses Tier wird mehr für die Geschlossenheit von „Tabu“ leisten als Geschichte oder Personal. Dann sind wir eine Dreiviertelstunde in der Gegenwart und beobachten Pilar bei ihren Versuchen, Nächstenliebe zu üben. Unzählige Male hilft sie ihrer greisen Nachbarin Aurora aus der Patsche und wird dafür von deren afrikanischer Haushälterin schief angesehen. Als Aurora im Sterben liegt und sich zur Verwunderung aller nach ihrem Krokodil erkundigt, macht Pilar in ihrem Auftrag einen alten Italiener ausfindig. Er trifft Aurora nicht mehr lebend an, erzählt dann aber Pilar die ganze Geschichte seiner Liebe zu Aurora – und vom Krokodil, das sie einst von ihrem Gatten geschenkt bekam. Die Stummfilmvergangenheit ist nun deutlich lokalisiert: eine portugiesische Kolonie kurz vor dem Kolonialkrieg, also in den späten 1950er-Jahren.

Nervige Aspekte, aber auch rührender Humor

Gewiss, da gab es längst Ton- und Farbfilme. Aber Gomes erzählt einerseits mit Referenzen an Friedrich Wilhelm Murnaus „Tabu“ von 1931, andererseits reizt ihn das Auseinandertreten von Bild und Erzählung. Manche sprechende Geste, manch ausdrucksvolles und geschichtstiefes Bild hätte sich in einer realistischen Filmerzählung so vielleicht nicht unterbringen lassen, und gegen Ende werden die Liebesbriefe des getrennten Paares unterlegt mit Bildern eines zunehmend unabhängigen Afrika.
Gomes’ „Tabu“ hat seine nervigen, der späteren akademischen Auswertung und filmgeschichtlichen Kanonisierung entgegenfiebernden Aspekte. Aus ihrer Sicht erscheinen menschliche Schicksale und auch die politischen Perspektiven des Films lediglich als geistreich arrangiertes Material. Aber es gibt daneben Momente eines sehr rührenden melancholischen Humors. Sie offenbaren einen originellen, bei aller Genauigkeit liebevollen Blick auf die schrulligen Figuren. Dank solcher erzählerischer Substanz ist „Tabu“ mehr als ein lediglich intelligenter Film.

Tabu 15. 2.: 12 Uhr, Friedrichstadt-Palast; 18.30 Uhr, Haus der Berliner Festspiele; 16. 2.: 22.45 Uhr, Friedrichstadt-Palast; 19. 2.: 10 Uhr, Berlinale Palast.

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