Film

Bob Marley-Film: „Marley“: Musik und Marihuana

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Kevin Macdonalds unterhaltsame Dokumentation über die Reggae- und Polit-Ikone Bob Marley ist mehr als nur eine Biografie, sondern zeichnet ein kluges Bild des Sängers. Das Beste: Macdonald verzichtet auf idolatrische Überhöhung und sonnige „One-Love“-Klischees.

Gleich in den ersten Bildern macht uns Kevin Macdonald klar, dass er in seinem Film über Bob Marley mehr erzählen will als nur eine Biografie. Zunächst führt er uns durchs „Tor ohne Wiederkehr“ an der ghanaischen Küste, wo seit dem 17. Jahrhundert afrikanische Sklaven Richtung Amerika verschwanden. Von dort fliegen wir über die grünen Hügel im Inneren Jamaikas zur Wellblechhütte, in der Marley seine Kindheit verbrachte: ein unwahrscheinlicher Startpunkt für den Aufstieg zur Ikone, in der sich der Pop-Appeal von Elvis und den Beatles mit der politischen Aura von Ali und Che verband.

Der Regisseur erzählt unaufgeregt entlang der Chronologie, die in der bayrischen Krebsklinik endet, wo Marley 1981 bis kurz vor seinem Tod im Alter von 36 Jahren an sein Überleben glaubt. Die konventionelle Erzählung entfaltet Macdonald dabei aus einem eindrucksvollen, liebevollen Detailreichtum. In der Fülle des Archivmaterials und einer großen Zahl von interviewten Familienmitgliedern, Freunden, Musikern und anderen Zeitzeugen klingt immer der soziokulturelle Kontext an.

Marleys Schattenseiten

Kevin Macdonald (u.a. „One Day in September“, „Last King of Scotland“) hatte es dabei neben der überlebensgroßen Statur seines Protagonisten auch mit vielgestaltigen und notorisch streitbaren Nachlass- und Ruhmesverwaltern zu tun. Nicht umsonst waren zuvor Martin Scorsese und Jonathan Demme an dem Projekt gescheitert, das nun sowohl von der Familie als auch von Chris Blackwell produziert wurde, dem Gründer von Island Records, der Marleys Siegeszug im Westen begründet.

Umso überraschender wird Marley hier weder idolatrisch überhöht, noch auf sonnige „One-Love“-Klischees reduziert. Stattdessen zeigt der Film auch das nicht nur vorteilhafte Bild Marleys als Vater und Gatte. Einige der elf Kinder von sieben Frauen sprechen über die Strenge des Vaters und die schmerzhafte Beziehung zu seiner Frau Rita, heute Chefin der Erbengemeinschaft. Chris Blackwell wiederum erzählt, wie er den ambitionierten Marley in London überzeugte, seinen Stil für den Rockmarkt zu bearbeiten. Das trieb die weniger aufgeschlossenen Weggefährten seiner Jugend, Bunny Wailer und Peter Tosh, aus der Band.

Musiker, kiffender Rastafari, Außenseiter

Obwohl es kaum Bilder aus Bob Marleys Jugend gibt, zeichnet der Film ein kluges Bild des jungen Marley, dessen musikalische Besessenheit ebenso wie die Wendung zur friedlichen Kifferreligion der Rastafari seine Rolle als doppelter Außenseiter reflektiert. Der Vater, ein britischer Offizier und Plantagenbesitzer, ließ die 16-jährige Mutter mit dem Kind sitzen, das in bitterer Armut, mit dem Stigma der gemischten Herkunft aufwächst. Als Bob zwölf Jahre ist, ziehen Mutter und Sohn ins Kingstoner Ghetto Trenchtown, wo Marley schon mit 17 erste Singleerfolge feiert – was nicht bedeutete, dass er seinen Tagesjob als Schweißer aufgeben konnte. Stattdessen probt er mit der Band nachts.

        

Bob Marley (links) kurz vor seinem Tod in der Krebsklinik Rottach-Egern
Bob Marley (links) kurz vor seinem Tod in der Krebsklinik Rottach-Egern
Foto: studiocanal

Mit zunehmender Bekanntheit agitiert er als naiver Politromantiker, der bei seinen Auftritten in Afrika übers Ohr gehauen wird und in Jamaika solange ein offenes Haus führt, in dem er großzügig sein Geld an bittstellende Besucher verteilt, bis ihn ein beinahe tödliches Attentat 1976 ins Exil treibt. Zwei Jahre später versöhnt er symbolisch die beiden verfeindeten Staatsparteien auf einem riskanten Konzert.

In ebenso deutlichen wie oft amüsanten Interviews mit Gangstern, Politikern und Musikern beleuchtet der Film knapp, aber anschaulich die Entstehung des Reggae und gibt einen Einblick in dessen einheimische Musikwirtschaft, deren Korruptheit den politischen Verhältnissen im Land entspricht.

„Marley“ ist tatsächlich der erste Film über den Popstar. Weil er alles erzählen will, kommt einiges naturgemäß zu kurz. Aber wie er seinen Helden als aktiven Spielball der zeitgeschichtlichen Umstände umreißt, das macht den Film zu einem gleichermaßen lehrreichen wie überaus unterhaltsamen Erlebnis.

Marley GB/USA 2011: Regie: Kevin Macdonald, Kamera: Alwin Küchler, Mike Eley. 132 Minuten, Farbe.

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