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Django Unchained: Wegen "Django": Amerika redet über Sklaverei

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Jamie Foxx  als Django (l.) und  Leonardo DiCaprio als Sklavenhändler Calvin Candie in „Django Unchained“ von Quentin  Tarantino.
Jamie Foxx als Django (l.) und Leonardo DiCaprio als Sklavenhändler Calvin Candie in „Django Unchained“ von Quentin Tarantino.
Foto: Sony Pictures

In den USA setzen zwei Filme eine längst überfällige Diskussion in Gang. „Lincoln“ und „Django Unchained“ sorgen dafür, dass sich Amerika mit seiner Vergangenheit als Sklavenhalternation beschäftigt.

Kirchen verschiedener protestantischer Glaubensrichtungen in den USA halten zu Silvester keinen Gottesdienst ab, sie begrüßen das neue Jahr erst am nächsten Tag. Eine Ausnahme gibt es – die schwarzen Kirchen.

Die Tradition des Mitternachtsgottesdienstes in der schwarzen Kirche geht auf den Neujahrstag 1863 zurück, als man in den afro-amerikanischen, meist baptistischen Gemeinden des Landes zusammenkam, um das Ende der Sklaverei zu feiern.

Watch-Night Services heißen diese Gottesdienste und es sind bewegende Feiern. Wer einmal dabei war, bekommt einen Eindruck, wie tief das Trauma der Sklaverei bei der schwarzen Bevölkerung der USA noch immer sitzt.

Unbekannte Tradition

Der weiße amerikanische Mainstream nimmt von diesen Gottesdiensten gewöhnlich kaum Notiz. Die meisten Amerikaner kennen die Tradition gar nicht. In diesem Jahr widerfuhr den Mitternachtsfeiern in Harlem und Atlanta und auf der South Side von Chicago jedoch eine ungewohnte Medienaufmerksamkeit. Das lag daran, dass Amerika den 150. Jahrestag der Sklavenbefreiung feierte. Es lag auch daran, dass sich Amerika derzeit mit neuer Intensität mit seiner Vergangenheit als Sklavenhalternation beschäftigt.

Schuld sind zwei Filme, die genau zur Wiederwahl des ersten schwarzen Präsidenten in den amerikanischen Kinos anliefen. Da ist das Geschichtsdrama „Lincoln“ von Steven Spielberg, das sich auf die Wochen zum Ende des Bürgerkriegs und den Kampf um die Verabschiedung der Emanzipationsproklamation konzentriert. Und da ist „Django Unchained“, das neue Werk von Quentin Tarantino, das die Fantasie des Ex-Sklaven als Rächer in drei Stunden opulenter Bilder und cartoonhafter Gewaltorgien umsetzt, die man von Tarantino kennt.

Es ist nicht das erste Mal, dass Hollywood sich mit der Sklaverei auseinandersetzt. Die Toni-Morrison-Verfilmung „Beloved“ (1997) ist in Erinnerung, ebenso der Spielberg-Film „Amistad“ (1998) über eine Revolte auf einem Sklavenschiff. Doch beide Filme waren kommerziell bestenfalls mäßig erfolgreich. Eine breite Diskussion lösten sie nicht aus.

„Lincoln“ und „Django“ dagegen haben zwischen Thanksgiving und Neujahr die Kinos gefüllt und wie schon lange keine Hollywood-Produktion mehr die Gemüter erhitzt. Die Zeit scheint reif dafür, dass sich Amerika offen über die Sklaverei oder zumindest über deren Darstellung streiten kann.

Leichte Entkrampfung im Diskurs über "Race"

Das hat mit Obama zu tun. Sein zweiter Wahlsieg wurde von vielen Seiten als Anbruch eines neuen Amerikas gedeutet, eines Amerikas, in dem es keine Mehrheit und keine Minderheit mehr gibt, sondern nur ein multi-ethnisches Miteinander. Ob die sozialen Realitäten das überall im Land wider- spiegeln muss man anzweifeln. Aber immerhin scheint das Bewusstsein eines solchen Wandels zu einer gewissen Entkrampfung im Diskurs über „Race“ bewirkt zu haben.

Natürlich wird gestritten. Konservative Kritiker werfen Spielberg vor, er zeichne Lincoln in einem allzu rosigen Licht. Mit der Aufgeklärtheit des Präsidenten, den sich Obama mehr als einmal zum Vorbild genommen hat, sei es lange nicht so weit her gewesen, wie der liberale Filmemacher das gern hätte. Im Gegenteil – bei der Sklavenbefreiung sei es dem zutiefst rassistischen Lincoln mehr als mulmig gewesen. Von echter Gleichberechtigung wollte er trotz humanistischer Überzeugung nichts wissen.

Afro-amerikanische Kritiker werfen dem Film dagegen vor, er folge einem klassischen Erzählmuster, wenn es um die Darstellung von Rassendiskriminierung gehe. Die Schwarzen seien passive Beobachter, ganz auf die Wohltätigkeit ihrer weißen Fürsprecher angewiesen. Außerdem werde das gesamte Phänomen der Sklaverei auf das Politische reduziert. Der Kampf um die Emanzipation der Afro-Amerikaner sei bei Spielberg ein blutleerer Vorgang in Hinterzimmern von Washington.

Grausamkeiten aufgezeigt

Das kann man von „Django Unchained“ nicht behaupten. Der Film zeigt die Grausamkeiten der Sklaverei in einer Deutlichkeit, wie man das auf der großen Leinwand noch nicht erlebt hat. Selbst der Hauptfigur King Schultz, einem skrupellosen deutschen Kopfgeldjäger (Christoph Waltz), wird es unerträglich, den Sadismus des Plantagenbesitzers Calvin Candie (Leonardo di Caprio) mit anzusehen. Als dieser einen Sklaven von Hunden zerfetzen lässt, wird ihm grün um den Mund, während Django (Jamie Foxx) keine Miene verzieht. „Er ist noch nicht so an Amerikaner gewöhnt“, entschuldigt sich Django für den Freund.

Dass er die Sklaverei beschönigt, lässt sich Tarantino also nicht nachsagen. Stattdessen wird ihm aus dem schwarzen Lager vorgeworfen, nicht mit der gebotenen Ernsthaftigkeit an das Thema zu gehen. „Die Sklaverei war kein Spaghetti-Western“, schrieb Spike Lee auf Twitter. „Es war ein Holocaust. Meine Vorfahren waren Sklaven, die man aus Afrika gestohlen hat. Ich werde sie ehren.“

Lees Vorwurf an Tarantino ist, dass er nun eben Tarantino ist. „Django Unchained“ ist ein Meta-Film, ein Spiel mit Gepflogenheiten eines halben Dutzend Genres – angefangen vom Spaghetti-Western über die Blaxploitation-Filme der 70er Jahre, bis hin zum klassischen Hollywood-Western. Für Spike Lee und andere Kommentatoren ist diese Verspieltheit, mit der Tarantino bereits das Dritte Reich bedacht hatte, kein angemessener Umgang mit einem ernsten historischen Thema.

Was bei der ganzen Diskussion nicht gab, waren indes Stimmen, die die Gräuel der Sklaverei verharmlosen oder gar Aspekte davon verteidigen wollten. Es geht nur noch um die angemessene Art der Historisierung – eine lange und zähe Debatte, wie wir in Deutschland wissen.

In den USA ist sie nach 150 Jahren nun endlich aus der Akademie heraus in die breite Öffentlichkeit gedrungen.

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