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Film

Historiendrama "Ludwig II.": Der Träumer

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Oh, ein Schwan wie in Wagners „Lohengrin“: König Ludwig  II. (Sabin Tambrea) freut sich mit Sophie von Bayern (Paula Beer).
Oh, ein Schwan wie in Wagners „Lohengrin“: König Ludwig II. (Sabin Tambrea) freut sich mit Sophie von Bayern (Paula Beer).
Foto: dapd

Das Historiendrama über den Märchenkönig: "Ludwig II." von Peter Sehr und Marie Noëlle ist weniger eine Filmbiographie, es ist das Psychogramm eines Menschen, der seiner Rolle nicht gewachsen ist.

Alles Militärische ist Ludwig II. fremd. Das ist keine so gute Voraussetzung für einen König, von dem herkömmliche Mannhaftigkeit erwartet wird. Als Ludwig im Jahr 1864 mit 18 Jahren, nach dem Tod seines Vaters Maximilian, zum bayerischen König ernannt wird, sieht er sich in eine Rolle gedrängt, die ihm nicht behagt, ja die ihm zuwider ist. Wobei er sich mit Rollen auskennt: Eine der ersten Szenen in „Ludwig II.“ zeigt diesen Thronfolger Otto Friedrich Wilhelm von Bayern, Rufname Ludwig, in der Oper, hingebungsvoll der Musik von Richard Wagner lauschend. Sie erfüllt und erhebt ihn; diese Musik ist die machtvollste Liebe seines Lebens und ihre angemessene Inszenierung sein Interesse.

Der neue Film von Peter Sehr und Marie Noëlle („Kaspar Hauser“) führt den Titelhelden als Anwalt der Künste und der Schönheit ein. Die Kunst und die Bildung setzt Ludwig II. denn auch als Höchstes ein in seinem Regierungsprogramm: Sie soll das Volk veredeln, die Welt besser machen. Nicht nur Ludwigs Vater hielt die Neigung des Sohns für Schwäche. Ein Träumer sei Ludwig, so heißt es. Aber nun ist dieser Träumer an der Macht. Vom tragischen Scheitern einer Utopie und vom heilsuchenden Verschwinden eines Menschen in der Inszenierung erzählt dieser Film eindrucksvoll.

Idol Richard Wagner

Es gibt einige „Ludwig“-Filme, darunter die berühmten mit O.W. Fischer und Helmut Berger in der Hauptrolle. Es lohnt indes, diesen neuen anzusehen, auch wenn man nicht mehr weiß über Ludwig II. (1845−1886), als dass er der Märchenkönig genannt wird und, neben anderen architektonischen Auffälligkeiten, das Schloss Neuschwanstein bauen ließ. Ludwig II. finanzierte den lange hochverschuldeten Komponisten Richard Wagner und bezahlte auch das Bayreuther Festspielhaus. Ludwigs Wagner-Verehrung lässt ihn zu Anfang dieses Films eine Partitur seines Idols zusammenkleben, die der Vater im Zorn über die „Schwäche“ des Sohns zerrissen hatte.

„Ludwig II.“ ist allerdings keine Filmbiografie, sondern vielmehr das Psychogramm eines Menschen, der eben in eine Rolle gedrängt wird, die er weder wünscht, noch der er gewachsen ist. Der sehr groß gewachsene, schöne, junge, dabei durchaus androgyn wirkende Mann flüchtet sich bald in das, was er kennt und liebt: die Inszenierung. „Wie geht ein König?“ fragt er sich, als er zum Monarchen ernannt wird – und probiert Schritte aus. Im weißen Hermelinmantel posiert er. Und natürlich will er Bayern zum „Mittelpunkt der Schönheit“ machen, denn Kunst – so seine Überzeugung – ist wichtiger als das tägliche Brot.

Sabin Tambrea in seiner Rolle als Märchenkönig Ludwig II..
Sabin Tambrea in seiner Rolle als Märchenkönig "Ludwig II.".
Foto: dpa

Hauptrolle doppelt besetzt

Filmische Psychogramme stehen und fallen mit den Darstellern. Hier wurde die Hauptrolle doppelt besetzt, weil sich Ludwig II. im Verlauf seines Lebens stark verändert haben soll. Und vielleicht war das keine so gute Idee. Der überaus charismatische, rumänischstämmige Schauspieler Sabin Tambrea vermag als junger Ludwig jene kognitive und emotionale Differenz wunderbar anschaulich zu machen, die den Mann aus dem Geschlecht der Wittelsbacher so eigen und fremd auf seine Umwelt wirken ließ. Sebastian Schipper überzeugt indes weniger als älterer Ludwig, was vielleicht auch daran liegen mag, dass hier ein Rückzug zu vermitteln ist – dieser in die Jahre gekommene Ludwig zeigte sich nicht mehr in der Öffentlichkeit und bedeckte sein Gesicht, wenn ihn jemand sprechen musste. Tambrea weht wie ein kühler Wind, der einem den Kopf frei macht, durch den Film, während Schipper eher als Lüftchen wirkt.

Schulreform statt Aufrüstung, völkerverbindende Kunst und Liebe statt Krieg − zu Anfang scheinen sich Ludwigs Ambitionen zu erfüllen, umgibt er sich doch mit Vertrauten, die seine Politik stützen, etwa dem Kabinettssekretär Johann Lutz. Natürlich unterwirft sich auch der bald jener Staatsräson, der Ludwig II. geopfert wird, nachdem seine Selbstinszenierung auch der Staatsfinanzen wegen zum Problem geworden ist. Lutz wird von Justus von Dohnány verkörpert; auch in den anderen Rollen wirken die sattsam bekannten deutschen Schauspieler. Katharina Thalbach als Ludwigs Mutter, Samuel Finzi als Lakai und dann Edgar Selge gar als Wagner! Selten hat man einen so gewöhnlichen Richard Wagner gesehen – was auch wieder interessant ist. Unterm Strich bleibt die rätselhafte Geschichte eines Menschen, dem zum Verhängnis wurde, dass er sich in eine Realität verwickelt sah, die er überwinden wollte. Und es bleibt ein großartiger Sabin Tambrea!

Ludwig II. Dtl./Österr. 2012. Regie: Peter Sehr, Marie Noëlle, Kamera: Christian Berger, Darsteller: Sabin Tambrea, Sebastian Schipper, Hannah Herzsprung u. a.; 143 Minuten, Farbe. FSK ab 6.

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