Film

Oscars 2013: Rezension "Beasts of the Southern Wild"

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Furchtlos stellt sich  Hushpuppy (Quvenzhané Wallis) einer seltsamen Kreatur.
Furchtlos stellt sich Hushpuppy (Quvenzhané Wallis) einer seltsamen Kreatur.
Foto: MFA

Besser kann ein Kinojahr kaum enden: Benh Zeitlins Endzeitdrama „Beasts of the Southern Wild“ ist das großartigste Filmdebüt seit Langem und ein Stück Kinopoesie.

Zum Jahreswechsel ziehen die großen Hollywood-Studios ihre letzten Trümpfe hervor. „Der Hobbit“ ist gerade in den Kinos angetreten, und „Django Unchained“ steht schon in den Startlöchern. Aber besser als jetzt wird es kaum werden: Mit „Beasts of the Southern Wild“ erreicht uns das großartigste Filmdebüt seit Langem – eine echte Independent-Produktion, die Bescheidenheit in Größe und menschliche Anteilnahme in emotionale Wucht verwandelt.

Dafür hat dieses Filmereignis seit seiner Premiere beim Sundance-Festival bereits Festspielpreise in aller Welt gewonnen, von Cannes bis Sydney, von Reykjavik bis Mumbai. Und während etwa die Disney Company noch überlegt, was sie mit ihren teuer erkauften „Star Wars“-Welten anfangen soll, wurde das Fantasy-Kino ganz woanders neu erfunden.

Der Regisseur Benh Zeitlin entdeckte einen postapokalyptischen Schauplatz mitten in der Realität: in den Ruinen, die der Hurrikan „Katrina“ im US-Bundesstaat Louisiana hinterlassen hat. Mit bescheidenen Mitteln, nahe am Dokumentarfilm, führt Zeitlin in ein merkwürdiges Refugium, in eine Slum-Oase nämlich, die sich im Elend einer versunkenen Welt befindet. Für das sechsjährige Mädchen Hushpuppy, gespielt von einem Wunderkind namens Quvenzhané Wallis, ist es das Paradies.

Magischer Realismus

Allerdings hat zu Anfang ein Fieber von der Kleinen Besitz ergriffen, und so wissen wir nicht genau, ob die Kreaturen, vor denen Hushpuppy mit ihrem Vater flüchtet, nur Visionen sind. Große Wildschwein-Wesen streifen durch das Sumpfland wie Mutationen einer aus den Fugen geratenen Welt. Eine echte Gefahr scheint nicht von ihnen auszugehen – jedenfalls nicht, wenn man so viel Mut beweist wie dieses kleine Mädchen. Angst gebiert gewiss Ungeheuer, aber auch erstaunlichen Optimismus. Ein neues Unwetter hat sich angekündigt in Hushpuppys Heimatregion namens „Bathtub“, doch hier gibt es wenig, das der Sturm noch zerstören könnte.

Wenn es je einen magischen Realismus im Kino gegeben hat, dem die Klischees der sogenannten Fantasy nichts bedeuten, die Fantasie aber alles ist, dann hat ihn Benh Zeitlin hier gefunden. Er drehte mit Laienschauspielern: Dwight Henry, der Darsteller des Vaters, hat im wirklichen Leben fünf Kinder; wichtiger als Kino ist ihm seine Arbeit als Konditor, Zeit für das Casting-Team hatte er nur mitten in der Nacht. Umso mehr ist der junge Kameramann Ben Richardson dem Kino verfallen. Mit seinem schwerelosen, schwelgerischen Kamerastil wirbelt er die Genre-Grenzen durcheinander wie ein kreativer Hurrikan.

Dabei lässt dieser Independent-Film auch das erfolgreiche Found-Footage-Genre hinter sich – also jene Filme, die seit einiger Zeit vorgeben, sie bestünden aus Amateurvideo-Material. Wirklich glaubhaft war das aber weder bei „Chronicle“ noch in „Project X“ oder den „Chernobyl Diaries“. Statt verrauschtem Video-Wackeln gibt es in „Beasts of the Southern Wild“ große Kinobilder, liebevoll untermalt mit den selbst gemachten Blue-Grass-Klängen der Band des Regisseurs. Was für eine Vision – und doch scheint sie aus dem wahren Satz geboren, den man während der Flutkatastrophe oft gehört hat: Wie nah doch die Armut in den USA von heute den Zuständen in der Dritten Welt kommt. Kunstwerke können aus so allgemeinen Aussagen über die Gegenwart große ästhetische Visionen entwickeln.

Kinopoesie ohne Spezialeffekte

Mehrmals wiederholt die kleine Hushpuppy, was sie irgendwo gehört hat: Irgendetwas im Universum sei aus dem Gleichgewicht geraten, und das müsse man eben wieder in Ordnung bringen. Vielleicht erklärt man Grundschulkindern so die Klimakatastrophe. Doch dieser Film kommt zu uns aus einem Land, in dem sich noch die meisten Politiker schwer tun mit einer solchen Erkenntnis. Zeitlins Montage unterstreicht diese Aussage ohne Angst vor Didaktik mit einem berstenden Eisberg. Der Regisseur Sergej Eisenstein hätte es nicht anders gemacht.

„Beasts of the Southern Wild“ ist indes alles andere als ein deprimierender Film. Es ist Kinopoesie ohne Spezialeffekte – aber dafür auf Augenhöhe mit dem, was man früher die menschliche Befindlichkeit genannt hätte.

Beasts of the Southern Wild USA 2012. Regie: Benh Zeitlin, Drehbuch: Benh Zeitlin, Lucy Alibar, Kamera: Ben Richardson, Darsteller: Quvenzhané Wallis, Dwight Henry, Levy Easterly. 93 Minuten, Farbe. FSK ab 12.

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