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Film

Sextourismus: Die Liebes-Hölle

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Margarethe Tiesel (rechts) glaubt, in Kenia die Liebe gefunden zu haben.
Margarethe Tiesel (rechts) glaubt, in Kenia die Liebe gefunden zu haben.
Foto: Seidl Film

Der Film "Paradies: Liebe" zeigt eine in die Jahre gekommene Deutsche, die sich in Kenia gegen Geld die Illusion der Liebe erkauft. Das Werk offenbart eine gnadenlose koloniale Dominanz.

Den Hintern lässt sie kreisen, wie es sonst nur echte Afrikanerinnen können. Dabei ist die von der tollen Margarethe Tiesel verkörperte Sugar Mama bis in die letzte Pore und Hirnzelle so weiß, dass es weißer kaum geht. Und sie ist alt und fett: mindestens fünfzig, ihr Körper befindet sich im Stadium der postmenopausalen Verkartoffelung.

Damit guckt einen hier kein Mann mehr an. Jenseits der Gebärfähigkeit werden Frauen in unserem Kulturkreis unsichtbar wie Pavianweibchen, deren Hintern nicht mehr blau leuchtet. Wie soll eine Frau da noch an Sex und Liebe kommen?

Teresa fährt nach Kenia in den Urlaub. Da warten hinter einem Absperrseil die Beachboys auf sie und ihresgleichen. Die Gäste des Hotelressorts am Strand sind auf der anderen Seite des Seils in Liegestühlen hingefläzt, wo sie ihre vom Sonnenöl glitschigen, blassrosa Fleischmassen braten. Die Schwarzen sind jung und knackig und arm. Sie tänzeln und scharwenzeln gelenkig um die reichen Touristinnen aus dem kalten Norden herum.

Die Ökonomie des Sextourismus ist simpel. Für Geld gibt es die Vorspiegelung des Begehrens. Im Gegensatz zur klassischen Prostitution ist vor allem bei weiblichem Sextourismus immer das Versprechen von Gefühl und einer womöglich gar dauerhaften Beziehung mit im Spiel.

Zuhause hat die resolute Österreicherin Teresa eine nichtsnutzige, lahmarschige Tochter, eine Katze mit Zeckenhalsband und einen Beruf als Behindertenbetreuerin. Damit beginnt dieser ungeheuer starke Film von Ulrich Seidl: Ein Standbild zeigt körperlich und geistig behinderte Menschen, die je in einem Boxauto sitzen. Und rumms geht es los: Die lämpchenbunte Kirmes-Autoscooterbahn setzt sich in Bewegung, ein höllisch fröhliches Kreischen und Quietschen und Zusammenbumsen hebt an. Und bricht jäh wieder ab, als Teresa wie eine Dompteurin vom Rande aus das Signal dazu gibt.

Gut ist keiner der Tauschpartner

Sie hat alles im Griff. Sie weiß, wie etwas zu sein hat. Das wird sie auch ihren Beachboy Munga (Peter Kuzungu) spüren lassen, dem sie das für sie „richtige“ Liebesspiel beibringt. „Muzungu-Küsse“ (Weißenküsse) nennt dieser ihre matronistischen Lektionen. Nun werden aber die käuflichen Liebesdiener keineswegs nur als Opfer der sexsüchtigen Damen in den besten Jahren gezeichnet. Im Gegenteil, um so viel Geld wie möglich aus den beglückten Touristinnen herauszuholen, sind sie sehr kreativ im Erfinden lügenhafter Elendsstories. Gut im moralisch-korrekten Sinn ist in diesem Tauschhandel keiner der Partner.

Wie in seinen vorherigen Filmen „Hundstage“ oder „Import Export“ engagierte der Wiener Regisseur Ulrich Seidl zu den meist vom Theater kommenden Profischauspielern, die hier die Touristinnen verkörpern, Laiendarsteller hinzu. Die Beachboys spielen also in gewisser Weise sich selbst, wobei ihnen die Bettszenen vor der Kamera offenbar einiges an Überwindung abverlangt haben mussten. Ihre zum Teil sehr charmante oder auch lustige „Authentizität“ wurde durch Seidls inszenatorisches Produktionsprinzip – kein Drehbuch – noch gesteigert.

Der so erreichten Unmittelbarkeit, der Präsenz der Figuren, der oft improvisierten Dialoge und Szenen steht eine extreme visuelle Strenge und Strukturiertheit der Bildkompositionen gegenüber. Wie gemalt, besser wie auf künstlich überzeichneten Kitschpostkarten kontrastieren die Farben des sonnenglitzernd türkisen Pools, des azurblauen Meers und eines immer strahlend blauen Himmels mit der tiefbraunen Haut der schönen Gigolo-Körper.

Schwarz und Weiß stehen sich in hart linearen Symmetrien gegenüber; sie bewegen sich in fast abstrakten Choreographien um einander herum. Das malerische Verfahren macht Seidls Standbilder zu autonomen Kunstwerken – und das eben ist der kritische Punkt: In der Verkunstung wird Systemkritik harmlos.

Frauen erkaufen sich die Illusion des Begehrt-Seins

Wahrhaftige Begegnungen, das sagt diese abgezirkelte Überästhetik auch, sind in diesem Kosmos der perfekten Kompositionen nur möglich als Trugbilder. Und um eben diese geht es, wenn die Frauen sich die schöne Illusion des Begehrtseins auf Zeit mit barer Münze erkaufen. „Das ist meiner“ – so stellt die schon wesentlich abgebrühtere Sextouristin Inge mit stolzem Lachen ihren Liebhaber vor. „Und das hab ich ihm gekauft“, ruft sie, als sie ihren dicken Hintern auf den Sozius seines Mopeds schwingt.

Die Macht- und Besitzverhältnisse sind klar. Doch in der schonungslosen Offenheit und gnadenlos kolonialen Dominanz, mit der die Frauen hier die Ansprüche stellen, wirken diese Liebeshändel fast wie eine feministische Rache am Patriarchat. Wie Ulrich Seidl die Sugar Mama Teresa mit ihren Speckröllchen unter einem lila-blassblauen Moskitonetz als schlafende Odaliske in Szene legt – das ist so zärtlich und schön, dass ihre zuvor noch teigige Fleischmasse plötzlich seidenweich zu schimmern beginnt.

Es gibt nämlich doch ein richtiges Gefühl im falschen. Auch wenn der wüste Höhepunkt, auf den „Paradies: Liebe“ so zielsicher zusteuert, das ganze traurige Geschäft aus Macht, Sex und Gefühlen – überflüssig deutlich – noch einmal als eine demütigend brutale Orgie kapitalistischer Herrschaftsverhältnisse demaskiert.

Paradies: Liebe Österreich/ Dtl./ Frankreich 2012. Regie: Ulrich Seidl, Drehbuch: Ulrich Seidl, Veronika Franz, Kamera: Wolfgang Thaler, Ed Lachman, Darsteller: Margarethe Tiesel, Peter Kazungu, Inge Maux , Helen Brugat, Josphat Hamisi u. a.; 121 Minuten, Farbe. FSK ab 16.

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