Herr Präsident, ist Griechenland nun wirklich gerettet? War dies das letzte Hilfspaket für Athen?
Die Finanzminister haben sich offensichtlich lange und intensiv mit diesem Paket auseinandergesetzt. Was jetzt herausgekommen ist, ist das Ergebnis harter und - ich hoffe es zumindest - konstruktiver Verhandlungen. Damit ist Griechenland keineswegs schon gerettet, aber es hat Zeit gewonnen. Diese Zeit muss jetzt vor allem genutzt werden, um die griechische Wirtschaft in Gang zu bringen.
Braucht Griechenland jetzt einen Wachstumspakt? Wie könnte der aussehen, wer sollte ihn finanzieren?
Bis jetzt hat Griechenland nahezu ausschließlich Spar- und Kürzungsauflagen verordnet bekommen. Das kann aber nicht alles sein. Was das Land jetzt braucht, sind Wachstumsinitiativen, die der Wirtschaft und den Menschen wieder eine Perspektive geben. Ja - Haushaltskonsolidierung muss sein, aber die Peitsche alleine ermuntert niemanden. An EU-Geldern, um etwa die Solarbranche in Griechenland zu fördern oder die Verkehrsinfrastrukturen zu verbessern, mangelt es nicht. Es bedarf dazu übrigens keiner neuer, zusätzlicher Mittel.
Reicht der Beitrag der Privatgläubiger aus? Tun sie jetzt genug, dass die Ansteckungsgefahr für Portugal und Italien gebannt ist?
Der jetzt beschlossene, noch etwas höhere Verzicht von privaten Banken und Versicherungen sollte, gemeinsam mit den Hilfsmaßnahmen der Euro-Partnerländer und der EZB ausreichen, um die Schuldenentwicklung Griechenlands in den Griff zu bekommen. Die in Aussicht genommene Absenkung des Schuldenstands von derzeit 160 auf etwas mehr als 120 Prozent der Wirtschaftsleistung ist ein starkes Signal in Richtung von mehr Haushalts-Nachhaltigkeit. Ich sehe damit auch das Ansteckungsrisiko für andere Euro-Länder in Finanznöten deutlich gemindert. Und ich rufe in Erinnerung, was für weitreichende und für die Bevölkerung oft schmerzvolle Reformen diese Staaten bereits auf den Weg gebracht haben.
Nach Nazi-Vorwürfen und Faulenzer-Anfeindungen: Was müssen Deutsche und Griechen jetzt tun, um ihr Verhältnis wieder in Ordnung zu bringen?
Europa wird im Verhältnis der einzelnen Mitgliedstaaten untereinander nur dann überleben - seien es Deutsche und Griechen, Niederländer oder Finnen und Griechen -, wenn Solidarität und gegenseitiger Respekt zur Grundlage des politischen Handelns werden. Was wir in den letzten Wochen erlebt haben, war ein Stück des Niedergangs einer über Jahrzehnte erworbenen Kultur des Miteinanders in Europa. Derlei darf sich nicht wiederholen.
Interview: Bettina Vestring

