09.11.2011

Nach Berlusconi-Rücktritt: Märkte schieben Italien an den Rand des Abgrunds

Von Stephan Kaufmann und Markus Sievers
Berlusconis Rückzug konnte die Märkte nicht beruhigen.
Berlusconis Rückzug konnte die Märkte nicht beruhigen.
Foto: AFP

Trotz des angekündigten Rücktritts Berlusconis kletterten die Zinsen für italienische Staatsanleihen auf sieben Prozent. Bei diesem Rekordsatz mussten Länder wie Griechenland oder Irland von der EU gerettet werden.

Für die italienische Regierung werden Kredite zunehmend unerschwinglich. Die Rendite für zehnjährige Anleihen Roms stieg am Mittwoch über die kritische Marke von sieben Prozent. Bei diesem Niveau mussten die Euro-Länder Griechenland, Irland und Portugal Hilfe von der EU beantragen. Die Aktienmärkte reagierten mit einem Kurseinbruch. Verschärft sich die Euro-Krise, so droht auch der deutschen Wirtschaft der Rückfall in die Rezession, warnte gestern der Sachverständigenrat der Bundesregierung.

Italiens Ministerpräsident Silvio Berlusconi hatte am Vortag seine Mehrheit im Parlament verloren und daraufhin seinen Rücktritt angekündigt. Zuvor solle jedoch ein weiteres Sparpaket auf den Weg gebracht werden, um das Haushaltsdefizit beschleunigt zu senken.

Zweifel an Berlusconis Nachfolger

Zunächst hatten die Finanzmärkte positiv auf die Ankündigung Berlusconis reagiert. Dann jedoch kamen unter den Anlegern Zweifel auf, ob Berlusconis Nachfolger einen harten Sparkurs durchsetzen kann. Im Handelsverlauf stürzten italienische Anleihen ab, spiegelbildlich stieg ihre Rendite. Die Anleihenrendite zeigt die Höhe der Zinsen an, die Finanzanleger für Kredite an Italien verlangen.

Ein Zinssatz von sieben Prozent gilt unter Fachleuten als dauerhaft nicht finanzierbar. Erhält Italien von den Finanzmärkten keine Kredite zu bezahlbaren Zinsen mehr , so müsste es unter den Euro-Rettungsschirm EFSF flüchten. Der Schirm werde im Dezember einsatzbereit sein, sagte am Mittwoch Christine Lagarde, Chefin des Internationalen Währungsfonds (IWF). Die Frage ist jedoch, ob der EFSF groß genug ist. Italien braucht in den nächsten zwei Jahren rund 650 Milliarden Euro. Der Euro-Rettungsschirm hat abzüglich der geplanten Hilfen für Griechenland, Irland und Portugal noch 250 Milliarden Euro übrig. Diese Summe soll jedoch über Finanzhebel vervielfacht werden. Ob dies funktioniert, ist offen. Auch dies erhöht die Nervosität an den Finanzmärkten.

Sollte sich die Euro-Finanzkrise verschärfen, so stünden der Weltwirtschaft schlimme Zeiten bevor. IWF-Chefin Lagarde warnte bei einer Konferenz in China gestern vor einem „verlorenen Jahrzehnt“. „Wenn wir nicht gemeinsam handeln, droht eine Abwärtsspirale aus Unsicherheit, finanzieller Instabilität und einem Zusammenbruch der globalen Nachfrage“, sagte Lagarde.

Wirtschaftsweise warnen vor Rezession

Genau vor einer solchen Entwicklung warnen die Wirtschaftsweisen in ihrem Konjunkturausblick für die Bundesrepublik. Sollte die Euro-Krise auf die Weltwirtschaft übergreifen und den Aufschwung des globalen Handels stoppen, „würde Deutschland in eine Rezession geraten“, heißt es in dem am Mittwoch vorgestellten Jahresgutachten. Dann werde das Bruttoinlandsprodukt im kommenden Jahr um 0,4 Prozent schrumpfen. Dies ist für die Forscher die schlimmste dreier denkbarer Konstellationen. In ihrem mittleren Szenario unterstellen sie regional begrenzte Auswirkungen der Krise und prognostizieren für Deutschland ein minimales Wachstum von 0,4 Prozent.

Für am wahrscheinlichsten aber halten sie trotz aller Risiken, dass die Bundesrepublik glimpflich davon kommt und sich das Wachstum lediglich auf 0,9 Prozent verlangsamt, nach 3,0 Prozent in diesem Jahr. Dafür aber müsste es gelingen, die Euro-Krise unter Kontrolle zu bringen. Die Politik von Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) verteidigte Wolfgang Frantz, Vorsitzender des Sachverständigenrates, gegen die Kritik aus dem In- und Ausland. Merkel sei ihrer Verantwortung insgesamt gerecht geworden und habe mit ihrem Abwarten erreicht, dass die Lösung der Probleme für Deutschland billiger geworden sei, meinte Frantz.

EZB greift erneut ein

In dem Gutachten kommentieren er und seine vier Kollegen auch die jüngsten Beschlüsse des EU-Gipfels von Ende Oktober wohlwollend. Sie böten die Chance, „dass die Finanzmärkte zumindest eine Zeitlang das Vertrauen in die Stabilität der Währungsunion zurück gewinnen“. Für eine dauerhafte Beruhigung aber müssten die „Problemländer“ mit zu hohen Defiziten eine „glaubwürdige Konsolidierungspolitik“ einschlagen. „Der Ball liegt jetzt in ihrem Spielfeld“, betonen die deutschen Regierungsberater.

Die viel diskutierten Euro-Bonds, also Gemeinschaftsanleihen aller Euro-Länder, lehnen alle fünf Professoren geschlossen ab. Ebenso schließen sie sich den Bedenken gegen die Anleihekäufe durch die Europäische Zentralbank (EZB) an.

Die EZB griff am Mittwoch laut Händlerangaben erneut in den Markt ein und kaufte Anleihen südeuropäischer Länder, um die Kurse zu stützen und den Anstieg der Renditen aufzuhalten.

Anzeige
Neueste Bildergalerien Wirtschaft
Anzeige
Anzeige
Aktuelle Videos
Facebook
Berliner-Zeitung.de auf Facebook
Arbeitslosengeldrechner
Wie viel Arbeitslosengeld steht Ihnen zu?
Bruttogehalt (jährl. Euro) Steuerklasse
Kinder Ja Nein Berechnen
Anzeige