Im Windschatten der Eurokrise hat sich in Ungarn ein Sturm zusammengebraut, der das klamme Land in die Pleite treiben kann. Das in puncto Kreditwürdigkeit bereits auf Ramsch-Niveau abgesunkene osteuropäische Land kann sich an den Kapitalmärkten nur noch zu horrend hohen Zinsen mit frischem Geld versorgen. Doch der Nachbar des EU-Landes Österreich steht bei Privatinvestoren und dem Internationalen Währungsfonds (IWF) tief in der Kreide und muss dieses Jahr rund 16,5 Milliarden Dollar auftreiben, um seine Schulden zu begleichen.
Das auf Rezessionskurs zusteuernde Land, das bereits 2008 mit Notkrediten im Volumen von rund 20 Milliarden Euro über Wasser gehalten wurde, baut erneut auf den IWF und die EU als Retter in der Not. Doch diese zeigen Ungarn noch die kalte Schulter, das sich mit einer umstrittenen Verfassungsreform und einem auch von der EZB gerügten Zentralbankgesetz auf Konfrontationskurs mit Brüssel begeben hat.
Ähnlich wie bei dem Euro-Sorgenkind Griechenland ist eine Zahlungsunfähigkeit kein Tabu mehr: „Ausgeschlossen ist das nicht. Ein Restrisiko besteht und das Vertrauen der Investoren hat einen tiefen Knacks bekommen“, meint Fondsmanager Viktor Szabo von Aberdeen Asset Management.
Die Lage scheint verfahren, doch Szabo rechnet damit, dass der IWF Ungarn letztlich den Fängen des Pleitegeiers entreißt. Nachbar Österreich, dessen Geldinstitute wie Erste Group, Raiffeisen Bank International und Volksbanken AG in Ungarn stark engagiert sind, spürt die Schockwellen des ungarischen Bebens an den Finanzmärkten mit steigenden Kosten für seine Kreditausfallversicherungen (CDS). Österreichs Institute haben laut Statistik der Basler Bank für Internationalen Zahlungsausgleich (BIZ) alles in allem mehr als 41 Milliarden Dollar in Ungarn im Feuer, gefolgt von Italien mit Gesamt-Investitionen von 23,39 Milliarden und Deutschland mit 21,38 Milliarden.
Die Märkte haben das Land bereits kräftig abgestraft: Die Landeswährung Forint ist auf rasanter Talfahrt zum Euro und die Renditen für einjährige Staatsanleihen sind mittlerweile fast zweistellig - ein auf Dauer untragbarer Zustand.
Regierung in der Zwangslage
Die EU-Kommission traut dem Land 2012 nur ein Miniwachstum von 0,5 Prozent zu. Damit ist die Wirtschaftsleistung aber viel zu schwach, als dass das Land aus der Schuldenmisere 'herauswachsen' könnte. Vor der Wirtschaftskrise hatten viele Ungarn einen Kredit in der als sicher geltenden Schweizer Währung Franken aufgenommen. In der Krise hat der Forint aber massiv an Wert eingebüßt, der Franken legte jedoch deutlich zu. Viele Ungarn können ihre Kredite daher nicht mehr bedienen.
Die national-konservative Regierung von Ministerpräsident Viktor Orban drängte die Banken aber, vielen Kreditnehmern einen teilweisen Schuldenerlass zu gewähren und eine Umwandlung des Darlehens auf Forint zu ermöglichen. Mit dem Eingriff in das Bankwesen, der mit hohen Steuern für die Finanzinstitute einherging, schreckte die Regierung jedoch viele Investoren auf. Hinzu kam die Verstaatlichung privater Pensionsfonds.
Die Ratingagenturen straften das Land voriges Jahr ab. Nun haftete auch Fitch den ungarischen Anleihen das Etikett Ramschstatus an. Gerügt wurde unter anderem die hohe Abhängigkeit Ungarns von ausländischen Geldgebern, die schlechten Konjunkturaussichten und die hohe Schuldenstandquote von mehr als 80 Prozent der Wirtschaftsleistung. Beim Notenbankgesetz ist die Regierung zudem überkreuz mit der EU - was dem Investitionsklima im Land abträglich ist. Sollte es nicht in absehbarer Zeit zu einem Abkommen mit dem IWF kommen, dürfte sich die Kapitalflucht fortsetzen. Dies wäre fatal für Ungarn: Ausländische Investoren halten insgesamt Staatsanleihen im Gesamtwert von 16,53 Milliarden Dollar.
Analyst Peter Kreko vom Institut Political Capital sieht die Regierung in einer Zwangslage: „Die Regierung hat kaum noch Spielraum. Sie hat keine andere Wahl als ein Abkommen mit dem IWF abzuschließen.“ Ohne frisches Geld von Investoren dürfte Orban nur noch wenige Monate über die Runden kommen: So lagerten im November über 1,5 Billionen Forint (rund 6 Milliarden Dollar) an Regierungsbeständen bei der Notenbank. Zudem könnte die Regierung noch rund 600 Milliarden Forint aus anderen Quellen zusammenkratzen. (rtr)

