Preetinder S. Bharara (43) hat von klein auf einen ausgeprägten Sinn für Gerechtigkeit. So erzählen es Menschen, die den Chef-Ankläger des südlichen Gerichtsbezirks von New York in Manhattan bereits seit jungen Jahren kennen. Seine Lehrerin Barbara Tomlinson erinnert sich nur zu gut daran, wie sich „Preet“ für sie in Bresche warf, als ihr an der vornehmen „Ranney School“ im Bundesstaat New Jersey der Rausschmiss drohte. Der eingebürgerte Sohn indischer Einwanderer setzte sich an die Spitze seiner Mitschüler, um gegen die Entlassung zu protestieren. Auf die Gefahr hin, sich unbeliebt zu machen, forderte er bei einem Treffen mit der Schulleitung die Weiterbeschäftigung der beliebten Lehrerin.
Diesen Sinn für „richtig“ und „falsch“ hat sich Bharara in seiner Karriere erhalten. Sie führte den Immigrantensohn von der Ausbildung an den Elite-Universitäten von Harvard und Columbia in das Büro des einflussreichen US-Senators von New York, Chuck Schumer. Dort leitete er mit großer Umsicht die Ermittlungen gegen das Justizministerium, das unter George W. Bush so politisiert war, dass es missliebige Staatsanwälte aus weltanschaulichen Gründen feuerte.
Seit 2009 steht Preet an der Spitze der obersten Strafverfolgungsbehörde von Manhattan. Nach Meinung vieler Experten, der renommierteste Gerichtsbezirk, den ein Staatsanwalt in den USA führen kann. Obwohl er sich mit den Untersuchungen gegen Bushs Justizminister Alberto Gonzalez einen Namen machte, verdiente sich Bharara ausgerechnet wegen seiner unparteiisch professionellen Herangehensweise höchstes Lob. Der US-Senat bestätigte seine Berufung einstimmig.
Preet profilierte sich an der Spitze der Behörde, die mehr als 200 Anwälte beschäftigt, mit derselben Geradlinigkeit. Sei es bei der Verfolgung der „Gambino“ und „Colombo“ Mafia-Familien, den Verfahren gegen Drogenkönig Christopher Coke oder den russischen Waffenhändler Viktor Bout. Er sicherte die erste Verurteilung eines Guantanamo-Gefangenen vor einem Zivilgericht und sorgte dafür, dass der Times-Square-Bomber lebenslang hinter Gitter wanderte.
Gefürchtet ist der umsichtige Chefankläger auch in der Finanzwelt, wo Bharara sich einen Namen bei der Bekämpfung von Insider-Handel machte. Der „Sheriff der Wall Street“ verfolgte hartnäckig die Vorwürfe gegen Hedgefonds-Milliardär Raj Rajaratnam und siegte vor Gericht in allen vierzehn Anklagepunkten.
Wenig beliebt machte er sich dagegen bei den Schweizer Banken. Geht Bharara doch mit großer Entschlossenheit gegen Finanzhäuser vor, die Amerikanern geholfen haben, ihre Steuern am Fiskus vorbei zu schleusen. Dass er sich als erste die Privatbank Wegelin und nicht eine der neun anderen Banken vorknöpfte, gegen die seine Behörde ermittelt, hat nicht nur damit zu tun, dass die Beweislage besonders gut war. Kenner des Chefanklägers vermuten, dazu dürfte auch das als dreist empfundene Vorgehen des Traditionshauses beigetragen haben.
Ein Sprecher der Behörde wies darauf hin wie Wegelin offensiv Gelder von UBS-Kunden einwarb, die während der Auseinandersetzung um die Großbank nach einer Alternativ-Anlage in der Schweiz gesucht hatten. Dass die Privatbank „ihre Leistungen gezielt diesen Steuerflüchtigen angeboten hatte“, dürfte Preets ausgeprägtes Rechtsempfinden provoziert haben.
Die Liquidation der St. Galler Privatbank ist aus Sicht Bhararas der jüngste Erfolg seines methodischen Vorgehens gegen Korruption, Insiderhandel und Steuervergehen. Damit qualifiziert sich der Demokrat schon heute für höhere Weihen. Obwohl die meisten Amerikaner den Namen des stillen Ausnahmetalents noch nie gehört haben dürften.

