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Flüchtlinge in der Türkei: Gäste, die bleiben

Aus Solidarität wurde Duldung: Flüchtlinge bei ihrer Ankunft in Istanbul.

Aus Solidarität wurde Duldung: Flüchtlinge bei ihrer Ankunft in Istanbul.

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REUTERS/Murad Sezer

Istanbul -

Im Januar letzten Jahres rief ein Video in der Türkei einen Sturm von Empörung und Mitgefühl hervor. Es zeigte einen syrischen Flüchtlingsjungen, der weinend auf den Treppen eines Burger-King-Restaurants in Istanbul saß. Die Geschichte hinter dem Bild klang wie aus einem Roman von Charles Dickens: Der elfjährige Halil hatte Pommes frites gegessen, die ein Gast übrig gelassen hatte. Daraufhin schlug ihn der Manager des Lokals blutig. Als Reporter den Jungen befragten, stellte sich heraus, dass seine Familie zwei Jahre zuvor vor den Bomben des Assad-Regimes aus der syrischen Großstadt Aleppo geflohen war. Halil sagte, er bettle und verkaufe Taschentücher in den Straßen Istanbuls für seine Familie, um zu überleben. „Ich war den ganzen Tag so hungrig“, sagte er mit zitternder Stimme.

Plötzlich gab es Bettler

Der Vorfall warf ein Schlaglicht auf die Lage vieler syrischer Flüchtlinge in der Türkei. Dreieinhalb Jahre nach Beginn des syrischen Bürgerkriegs entstand damals zum ersten Mal überhaupt so etwas wie eine öffentliche Debatte über den Umgang mit den neuen Mitbürgern, die zu Millionen ins Land gekommen waren. Auch nachdem Burger King sich entschuldigt und den Angestellten gefeuert hatte, debattierten die Türken weiter über das Elend vor der Haustür, das nicht mehr zu übersehen war. Vor dem Konflikt im Nachbarland gab es im Westen der Türkei praktisch keine Bettler, inzwischen waren sie überall: Syrer, die verschämt am Rand der Einkaufsstraßen hockten, die Hand bittend geöffnet.

Anfangs wurden die Flüchtlinge mit offenen Armen aufgenommen. Tausende Türken spendeten Kleidung, Möbel und Geld, Hilfsorganisationen organisierten Lebensmittel und Wohnraum. Inzwischen, nach fast fünf Jahren Bürgerkrieg im Nachbarland, ist die überschwängliche Solidarität einer fatalistischen Duldung gewichen. Die Bettler auf den Straßen werden zwar fast nie angepöbelt, viele Passanten geben ein wenig Geld. Aber es ist spürbar, wie schwer das Land und die Menschen an der Last tragen.

Laut der bisher einzigen Untersuchung, die der Migrationsforscher Murat Erdogan aus Ankara vor einem Jahr vorstellte, empfinden über die Hälfte der Türken syrische Nachbarn als störend und befürchteten, dass sie Einheimischen Arbeitsplätze wegnähmen; 30 Prozent plädierten dafür, alle Flüchtlinge wieder zurückzuschicken. Gegen die Einbürgerung der Syrer sprach sich eine Mehrheit von 85 Prozent aus. Doch in den Medien kommen die Flüchtlinge kaum vor. „Es ist ein Thema, dem alle am liebsten aus dem Weg gehen“, sagt Erdogan.

„Weltmeister der Flüchtlingshilfe“

Als das syrische Regime die Demokratiebewegung im Herbst 2011 gewaltsam niederschlug, öffnete Ankara die Grenzen für die Flüchtlinge. Weitgehend unkontrolliert strömten die Menschen ins Land. Ministerpräsident Recep Tayyip Erdogan, der heute Präsident ist, übernahm damit in gewissem Sinn auch Verantwortung für seine Syrienpolitik, mit der er sich gegen den Diktator Baschar al-Assad und auf die Seite der Revolution gestellt hatte.

Derzeit sind nach Regierungsangaben 2,56 Millionen Syrer offiziell in der Türkei registriert, was ihnen den Zugang zu kostenloser medizinischer Versorgung sichert. Im Land leben außerdem rund eine halbe Million Migranten anderer Nationalitäten wie Iraker, Iraner oder Afghanen. Die Aufnahme der Flüchtlinge hat nach Angaben Erdogans bisher rund zehn Milliarden Dollar gekostet. Nennenswerte Hilfe aus dem Ausland gab es nicht. Trotz weit geringerer Wirtschaftsleistung hat die Türkei damit mehr Flüchtlinge als ganz Europa aufgenommen und ist laut den Vereinten Nationen in absoluten Zahlen „Weltmeister der Flüchtlingshilfe“.

Respekt hat sie sich auch mit ihren herausragend ausgestatteten Flüchtlingslagern erworben; die New York Times nannte diese „so perfekt, wie man Flüchtlingscamps nur bauen kann“. Dort leben allerdings nur etwa zehn Prozent der Schutzsuchenden, meist die Ärmsten der Armen. Denn die Lager bieten eine Grundversorgung, aber keine Perspektive. Die meisten Flüchtlinge haben sich inzwischen über das ganze Land verteilt. Sie folgen der Arbeit, ziehen vor allem in die großen Städte. Im August gab das staatliche türkische Statistikamt die bemerkenswerte Tatsache bekannt, dass in zehn Städten mit über 100.000 Einwohnern inzwischen so viele Flüchtlinge wie Alteingesessene leben und in den beiden Millionenstädten Gaziantep und Urfa nahe der syrischen Grenze jeweils bis zu 400.000 Syrer. Die Mietpreise sind in die Höhe geschnellt, gleichzeitig sind die Löhne für einfache Arbeiten dramatisch gesunken. Manche Syrer schuften für zehn Euro die Woche.

„Zusammenprall der Kulturen“

Die Entwicklung macht viele Türken zornig. Zwar sind offene Übergriffe extrem selten, aber es gibt Einzelfälle wie in der zentralanatolischen Stadt Kahramanmaras, wo ein 500 Mann starker Mob von Ultranationalisten im Sommer 2014 syrische Flüchtlinge angriff, bis die Polizei einschritt. Der Zwischenfall blieb jedoch die große Ausnahme in einer insgesamt erstaunlich friedlich verlaufenden Zuwanderungsgeschichte. In den vier Wahlkämpfen der vergangenen zwei Jahre spielten die Flüchtlinge praktisch keine Rolle. Fremdenfeindliche Parolen gab es nicht.

Der Aufruhr von Kahramanmaras beleuchtete aber ein Problem, das viele Türken vor allem im konservativen Zentral- und Ostanatolien mit den Zuwanderern haben. „Sie sind nicht wie wir“, meint Enes Bascik, Händler für getrocknete Früchte im überdachten Basar der Stadt. „Sie sitzen bis Mitternacht auf der Straße, ihre Frauen tragen kein Kopftuch und gehen abends auf die Straße.“ Geklagt wird über arabische Ladenschilder, mangelnde Religiosität der Zuwanderer oder reiche Syrer, die die Immobilienpreise verderben.

Von einem „Zusammenprall der Kulturen“ spricht die 35-jährige Syrerin Rana Sayah, die aus der umkämpften Stadt Deir es-Sour stammt und vor der Dschihadistenmiliz Islamischer Staat in die Türkei geflüchtet ist. „Sie sind viel konservativer als wir“, sagt die gelernte Apothekerin über die Osttürkei. Rana Sayah ist der Türkei dankbar, „aber sicher fühle ich mich hier nicht immer“, sagt die selbstbewusste Frau in gutem Englisch. „Türkische Männer belästigen mich auf der Straße, sie denken, wir Syrerinnen sind leichte Beute. Sie sind den Umgang mit Fremden überhaupt nicht gewöhnt und wundern sich, wenn ich sie lautstark zurechtweise.“ Rana Sayah will im Rahmen der Familienzusammenführung so schnell wie möglich zu ihrem Bruder ziehen, der seit einigen Monaten in Dortmund lebt. „Vielleicht gehen wir aber zuerst nach Istanbul“, sagt sie, „dort geht es nicht so konservativ zu.“

No-Go-Areas für Flüchtlinge

Doch auch im moderneren Westen der Türkei keimen Ängste vor Arabern, wenn auch aus anderen Gründen. Aleviten fürchten eine Stärkung des sunnitischen Islams, Ultranationalisten und Kemalisten die Aufweichung des türkischen Einheitsstaates. Nicht wenige Menschen in der Westtürkei glauben, dass erst die offene Grenze radikale Islamisten und Terroristen ins Land brachte und dass Erdogan sich mit den Syrern bewusst neue Wähler ins Land hole.

Als Hunderttausende Flüchtlinge im vergangenen Jahr an die Ägäisküste gelangten, um mit Schlauchbooten auf griechische Inseln übersetzen, da schien es, als ob die türkische Öffentlichkeit plötzlich aufwachte. Als die Migranten in Parks und an Stränden lagerten und mithin die Tourismusindustrie gefährdeten, ergriffen die Behörden erstmals massive Zwangsmaßnahmen. Einige Städte wie Bodrum und Fethiye wurden zu No-Go-Areas für Flüchtlinge erklärt. Diese werden seither festgenommen und abtransportiert – in die nächstgelegene Großstadt, wo man sie wieder sich selbst überlässt.

Plötzlich nahmen die Türken wahr, dass sie auf die Zuwanderung unvorbereitet waren, materiell und mental. Seit dem Bevölkerungsaustausch zwischen Griechenland und der Türkei im Jahr 1923 hatte es keine nennenswerte Migrationsbewegung von außen in ihr Land mehr gegeben. Aber auch die Regierung sah den Zustrom anfangs nicht als großes Problem an, denn sie ging davon aus, dass die Syrer bald wieder in ihre Heimat zurückkehren würden. Deshalb wurden sie auch als „Gäste“ bezeichnet.

Keine Dumpinglöhne mehr

Ganz zaghaft macht der Begriff Integration nun Karriere. Bisher bietet die Türkei keine staatlichen Sprachkurse oder andere Integrationshilfen an. Doch allein das Sprachenproblem ist eine gewaltige Hürde auf dem Arbeitsmarkt. Vor drei Wochen hat das Parlament nun ein Gesetz verabschiedet, das syrischen Flüchtlingen den legalen Zugang zum Arbeitsmarkt ermöglicht, damit sie nicht mehr zu Dumpinglöhnen arbeiten müssen – eine erste Maßnahme gemäß dem gemeinsamen Aktionsplan mit der EU, um die Abwanderung nach Europa zu stoppen. Vizepremier Numan Kurtulmus sagte kürzlich, die Türken würden mit den Syrern leben müssen: „Sie werden dauerhaft bleiben, und deshalb geht es jetzt darum, ihre Probleme dauerhaft zu lösen.“ Mehr als 60.000 syrische Kinder wurden bereits in der Türkei geboren. Um keine „verlorene Generation“ heranzuziehen, müssten dringend Schulen her.

Aber es gibt eine Form von Integration, die mit den vielfältigen, Jahrhunderte alten familiären, ethnischen und religiösen Netzwerken des Nahen Ostens zu tun hat. Als im Oktober 2014 rund 200.000 syrische Kurden aus Kobane vor dem IS in die Türkei flohen, fanden die allermeisten Aufnahme bei Verwandten in der angrenzenden Provinz Sanliurfa. Wie Kurden zu Kurden ziehen Turkmenen zu Turkmenen, Alawiten zu Aleviten. Sie haben die Chance, sich in die Nachbarschafts- und Arbeitsgefüge der jeweiligen Minorität zu integrieren, gründen Geschäfte, eröffnen Restaurants und sorgen mit ihrer Nachfrage für einen Boom des Wohnungsbaus.

„Die Hilfsbereitschaft ist trotz allem immer noch groß“, sagt der Migrationsforscher Murat Erdogan. Viel dazu beigetragen hat erneut das Bild eines syrischen Flüchtlingskindes: der tote Junge Aylan Kurdi am Strand von Bodrum. „Das Foto hat die Wahrnehmung der Flüchtlinge in der Türkei total verändert“, sagt Sema Karaosmanoglu von der Hilfsorganisation Support to Life. „Seither begreifen die Menschen das Leid und die Tragik der Flüchtlinge.“