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Berliner Zeitung | Forschung: Förderung lädt zum Missbrauch ein
04. August 2013
http://www.berliner-zeitung.de/3724708
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Forschung: Förderung lädt zum Missbrauch ein

Gerhard Treutlein leitet das Zentrum für Dopingprävention an der Pädagogischen Hochschule in Heidelberg. Der emeritierte Hochschulprofessor ist Mitglied der Evaluierungskommission der Sportmedizin an der Universität Freiburg, die die Rolle der Sportmedizin am Universitätsklinikum Freiburg bei der Doping-Forschung in der Bundesrepublik seit 1970 untersucht. Treutlein sagt, die staatliche Förderung von Leistungssport lade zum Doping-Missbrauch ein.

Herr Treutlein, gab es in der Bundesrepublik staatliches Doping?

Nein. Es wäre fatal, wenn der Eindruck entstehen würde, dass Doping im Westen wie in der DDR von oben nach unten organisiert gewesen wäre.

Worum geht es in der jetzigen Diskussion um die Erforschung der 70er-Jahre?

Man muss unterscheiden zwischen Antragsforschung und Auftragsforschung. Auftragsforschung durch den Staat, die darauf ausgelegt war, die Erkenntnisse über Doping auch anzuwenden, gab es in der DDR. In der BRD gab es lediglich eine Antragsforschung durch Mediziner. Seit den 50er-Jahren stellten Athleten immer wieder bei Ärzten Anfragen nach leistungssteigernden Mitteln. Viele sind darauf angesprungen, aber längst nicht alle.

Welche Rolle spielte das Bundesinstitut für Sportwissenschaft?

Das Institut wurde im Oktober 1970 gegründet. In dieser Zeit herrschten chaotische Zustände. Als München 1967 die Olympischen Sommerspiele zuerkannt bekam, floss viel Geld in den Sport und in die Sportwissenschaften. Manche der Verantwortlichen wollten unbedingt für gute Leistungen der bundesdeutschen Teilnehmer sorgen. Deshalb haben manchmal auch die Forscher die Anträge bewilligt, die sie vorher selber gestellt hatten. Es wird Mitarbeiter beim Bundesinstitut gegeben haben, die Doping gedeckt haben. Das lässt sich jedoch nur schwer nachweisen. Aber vor allem muss man sich vor einer Verallgemeinerung in Acht nehmen.

Wie lässt sich Doping vermeiden?

Das ist schwierig. Generell kann man sagen, dass man den Wert eines Sportlers oder einer sportlichen Leistung nicht allein durch Medaillen nachweisen kann. Die finanzielle Unterstützung von Leistungssportlern durch den Staat orientiert sich oft an Medaillen. Damit fördert der Staat auch die Doping-Versuchung. Bei einer Tagung während der Spiele 1972 hat der Soziologe und spätere Staatssekretär im DDR-Sportministerium Günter Erbach gesagt, der Wert eines Gesellschaftssystems ließe sich in Medaillen messen. Ist es heute nicht ähnlich?

Was wäre denn die Alternative zur staatlichen Unterstützung?

Es gibt keine Patentlösung. Aber wir müssen diese Frage diskutieren. In Sportarten wie Fußball oder Basketball haben wir diese Probleme nicht. Das sind Sportarten, die ohne staatliche Förderung auskommen. Vor allem müsste aber viel mehr Geld in die Forschung und in Maßnahmen fließen, die sich mit der Prävention von Doping beschäftigen. Verglichen mit Ländern wie Frankreich sind die Beträge hierzulande eine Lachnummer.

Das Gespräch führte Günter Marks.