Papst-Wahl
Jorge Bergoglio ist Papst Franziskus I.

Papst Franziskus ist Jesuit: Die Jesuiten - Giftmischer oder Heilige?

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Papst Franziskus gilt „durch und durch“ als Vertreter des größten Männerordens der katholischen Kirche. Vor ihm hatte es nie ein Jesuit auf den Stuhl Petri geschafft. Aber der Orden stellte mächtige Stichwortgeber hinter den Päpsten.

Verkehrte Welt: Ein Ordensmann wird Papst, und ausgerechnet die eigene Gemeinschaft reagiert verhalten bis schockiert. „Wir bekommen unendlich viele Glückwünsche zur Wahl Jorge Bergoglios, aber wir wissen gar nicht, wie wir damit umgehen sollen“, sagt der Jesuitenpater Bernd Hagenkord, der bei Radio Vatikan das deutsche Programm leitet.

Für die „Societas Jesu“ (SJ), die „Gesellschaft Jesu“, so der offizielle Name der 1534 gegründeten Gemeinschaft, kam die Wahl Bergoglios mindestens so überraschend wie für die Katholiken weltweit. Der Erzbischof von Buenos Aires war nicht nur der einzige Jesuit im Konklave. Seine Ordenszugehörigkeit galt vielmehr einer möglichen Wahl des Argentiniers sogar als eher hinderlich. Mächtige Stichwortgeber  hinter dem Papst  hatten die Jesuiten oft gestellt. Aber nie schaffte es einer aus dem mit 12.000 Priestern größten katholischen Männerorden bis auf den Stuhl Petri.

„Gesandte, keine Sender"

Das hängt auch mit dem Selbstverständnis der Jesuiten zusammen: „Wir sind Gesandte, keine Sender“, sagt Hagenkord. Der Ordensgründer, Ignatius von Loyola (1491 bis 1556), hatte den Seinen hohe kirchliche Leitungsämter untersagt. Die Jesuiten  sollten im Hintergrund wirken, weswegen sie in historisch immer wieder als geheime Stoßtruppe angefeindet  wurden. Hagenkord sieht das naturgemäß anders: „Der Abstand zur Hierarchie liegt bei jedem von uns in den Genen.“

Weil zum „Charisma“, dem besonderen geistlichen Profil der Jesuiten, aber die geradezu soldatische Treue zum Papst gehörte, folgen die Jesuiten seinem Ruf auch dann, wenn er sie „regelwidrig“ zu Bischöfen oder Kardinälen macht. Bergoglio stellt insofern keine Ausnahme dar. „Unsere Reserviertheit ist völlig unabhängig von der Person des neuen Papstes“, betont Hagenkord. Das gleiche merkwürdige Gefühl habe seine Mitbrüder auch beim hoch verehrten früheren Mailänder Kardinal Carlo Mario Martini beschlichen, der lange Zeit als „papabile“ galt.

Bergoglio, sagt sein Mitbruder Martin Maier, exzellenter Lateinamerika-Kenner, sei „Jesuit durch und durch“. Mehrfach absolvierte der heutige Papst die 30-tägigen Großen Exerzitien, eine von Ignatius erfundene Form der individuellen Suche nach dem Willen Gottes. Schon als Mittdreißiger übernahm Bergoglio Leitungsaufgaben im Orden. Seit jener Zeit ist er intern nicht unumstritten. Aber das, sagt Maier, „ist bei uns nichts Untypisches“. Bergoglios Bischofsweihe 1992 indes war  formal ein Seitenwechsel. Aber den Idealen seiner Gemeinschaft   blieb Bergoglio verbunden: Leitung als Dienst und ein einfacher Lebensstil, wie ihn schon Ignatius am hl. Franz von Assisi bewundert hatte.  Dazu passt, was Maier aus der  Ordenszentrale der Jesuiten nahe dem Vatikan zu berichten weiß: Der Papst persönlich rief am Freitagmorgen in der Telefonzentrale und verlangte, „Pater General“ zu sprechen, den Jesuiten-Oberen. „Der Bruder an der Pforte hielt das erst für einen Scherz.“

Bildung und Erziehung sind große Leistungen des Ordens

Ein Jesuit als Papst – dieses Novum wirft die Frage nach  Macht und Bedeutung der Jesuiten früher und heute auf. Seit dem Missbrauchsskandal, der vom Berliner Canisiuskolleg seinen Ausgang nahm, hat der Begriff „Jesuit“ in der öffentlichen Diskussion leicht einen anrüchigen Unterton. Dabei war ein Jesuit, Klaus Mertes, auch der erste, der nach Transparenz und schonungsloser Aufklärung rief. Für den Orden wäre ein dauerhaftes Negativ-Image besonders fatal, weil Bildung und Erziehung zu seinen großen geschichtlichen Leistungen und zentralen Aufgaben gehört.

Er hat damit wie keine andere kirchliche Organisation der vergangenen 500 Jahre die geistige und politische Entwicklung in vielen Teilen der Welt mitgeprägt. Die Urteile über das Wirken des Ordens schwanken zwischen Bewunderung und Verdammnis des „jesuitischen Geistes“. Damit attackieren Kritiker die besondere Intellektualität der Jesuiten und ihre vermeintliche Fähigkeit zur Doppelzüngigkeit und taktischen Raffinesse. Ein Standardwerk über die Jesuiten trägt  den Untertitel „Giftmischer oder Heilige?“ und umreißt damit das Spannungsfeld ihres Agierens in der Geschichte.

Ein Foto von Papst Franziskus hängt in der Jesuiten-Kirche St. Michael in München.
Ein Foto von Papst Franziskus hängt in der Jesuiten-Kirche St. Michael in München.
Foto: dpa

Die Jesuiten-Universität Gregoriana in Rom,  eine theologische Kaderschmiede, galt von jeher als „Bischofsfabrik“. Kaiser, Könige und Fürsten wählten Priester des Ordens als Beichtväter – Grundlage unzähliger Verschwörungstheorien über die  Macht der „Pfaffen“, die auch Eingang in die Literatur gefunden haben. Was daran Legende ist und was Realität, ist schwierig  auszumachen. Das gilt auch für die Macht des „schwarzen Papstes“ des  Jesuiten-Generals. Unbestritten ist aber, dass der Orden seinen traditionellen Einfluss auf die Politik des Vatikans zur Zeit Papst Johannes Pauls II. an das Opus Dei verlor. Der polnische Papst traute der „Prätorianergarde“ seiner Vorgänger nicht. Die Jesuitenpatres galten ihm als zu links, zu intellektuell, unabhängig, aufmüpfig gar. Dabei hatten ausgeprägter Korpsgeist und mittelalterlich anmutende Bußpraktiken bis ins 20. Jahrhundert sehr wohl auch zum Ordensideal gehört.

Gehorsam gegenüber dem Papst

Genau wie die Papsttreue. Kein anderer Orden kennt neben der Verpflichtung  auf Armut, Keuschheit und Gehorsam ein viertes Gelübde zum Gehorsam gegenüber dem  „Heiligen Vater“.  Dies führte seit der Neuausrichtung der katholischen Kirche im Zweiten Vatikanischen Konzil, auf das Jesuiten maßgeblichen Einfluss hatten, immer wieder zu Konflikten. 1973 widersprach der Jesuit Karl Rahner, Konzilsberater und  wohl bedeutendster katholischer Theologe des 20. Jahrhunderts,  der geharnischten Kritik aus den eigenen Reihen, die „Soldaten Gottes“ seien aus dem Tritt geraten: „Wir sind nicht aus dem Tritt geraten, wir praktizieren nur keinen Stechschritt mehr“, so Rahner.

In der Ära Benedikts XVI. gingen die Jesuiten auf Wiederannäherungs-Kurs zum Papsttum. Doch in der Kurie gelten sie bis heute als zu liberal oder gar progressiv. Die Wahl  Jorge Bergoglios dürfte manchen im Vatikan verschreckt haben. Nach den ersten Auftritten steht überdies zu  vermuten, dass  der neue Papst seinen individuellen Stil beibehalten wird. Auch damit  wäre Franziskus wieder ein „typischer Jesuit“.

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