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Berliner Zeitung | Fremdheit: Welche Folgen unser touristisches Treiben wirklich hat
29. December 2015
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Fremdheit: Welche Folgen unser touristisches Treiben wirklich hat

In der Ferne lieben wir die Fremde. Nur nach Hause soll sie uns nicht folgen.

In der Ferne lieben wir die Fremde. Nur nach Hause soll sie uns nicht folgen.

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imago/McPHOTO

Du hast Vorsprung. Noch sind es sechs Stunden. In Deutschland liegen sie in ihren Betten. Aber Du hast Vorsprung, bei Dir glitzert das Meer in der Sonne, rauscht es so lieblich wie die Palmen, gleiten am Horizont die Surfer über das Wasser. Fischer werfen ihre Netze aus, was malerischer wirkt als es der Tageslohn hergibt, aber darüber denkst Du lieber nicht nach.

Gut. Du hast es Dir anders vorgestellt. Der Strand sollte flach ins Meer abfallen und nicht an einer dicken Betonmauer enden. Die Palmen sollten sich malerisch über dem weißen Strand wiegen und nicht zwischen Müllbergen darauf warten, für das nächste Ferienresort gefällt zu werden. Vom malerischen Fischerdorf hast Du Dir auch nicht das Berghain am Meer erwartet mit Bässen bis zum frühen Morgen. Aber dafür hast du ja Vorsprung – sind es noch fünf Stunden? – und vor 20 Jahren soll es auch noch ganz anders gewesen sein, viel authentischer, richtige Fischerdörfer eben.

Aber was sind schon 20 Jahre im Zeitalter der Globalisierung? Doch nur ein Wimpernschlag und mit diesem Wimpernschlag: Joe's BBQ, Backpacker bei Dieter, Brauhaus am Strand, Swimmingpools, Hotelanlagen, Surfschulen, Handtücher auf Holzliegen. Dicke Russen, die das Personal herumscheuchen wie Haussklaven und Dich besser fühlen lassen, als Du es sein kannst, denn auch Du bist nur der Tourist, und der Vorsprung schmilzt. Ja, Touristen wie Du sind das wahre Wesen der Globalisierung und der entfesselten Märkte, sind ihr Ausdruck und ihr Lebensgefühl. Nirgends fühlst du dich wohl, bist aber überall anzutreffen. Permanent musst du konsumieren, übernimmst aber keine Verantwortung. Du hinterlässt Dreck auf der ganzen Welt, musst aber nicht putzen, weil es ja das Personal gibt.

Immer bist Du auf der Suche nach neuen Stränden, nach Landschaften, die sich Deinem Blick bisher entzogen haben, nach Orten, die noch ohne Dich funktionieren, um sie dann in ihr Gegenteil zu verkehren. Denn der Tourist ist wie der Markt schnell übersättigt und zerstört den Ort seiner Sehnsucht im Moment seiner Ankunft. Außerdem hast Du nur noch zwei Stunden Vorsprung

Du, der Tourist, bist zum Vorbild der Babyboomer-Generation geworden, die in Reichtum und Frieden aufgewachsen ist und selbst den Verlierern der Wiedervereinigung in Deutschland noch einen Mittelklassewagen zur Verfügung stellt, um zur Pegida-Demonstration zu fahren. Du gehörst zu einer Generation, die Zeit ihres Lebens oder seit dem Fall der Mauer in die Welt hinausgefahren ist, um dort zu schnorcheln und zu faulenzen und sich dann auf Tripadvisor über unverschämte Kellner zu beschweren, die darauf bestehen, dass Deine verwöhnten Blagen nicht mit der Tüte Pommes in den Pool steigen. Dass aber die Welt, die Du solange malträtiert hast, einmal zu Dir kommen würde, um die Rechnung zu präsentieren, nein, damit hast Du nicht gerechnet.

So stehst Du da in einer Heimat, in der Du dich nicht mehr zu Hause fühlst, weil Du nie mehr zu Hause sein kannst. Stehst in Sachsen oder Berlin oder Hessen und krallst Dich an der Erde fest und lässt keinen ins Haus hinein, weil Du weißt, dass Du am Ende nur ein Tourist auf der Erde bist und der Urlaub irgendwann vorbei sein wird und Dir keine Reiserücktrittsversicherung hilft, denn der Vorsprung ist weg. Willkommen in der Wirklichkeit.