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Gastbeitrag von Anke Domscheit-Berg: Ich lebte wie auf Eisschollen im Sommer

Piratenparteimitglied Anke Domscheit-Berg.

Piratenparteimitglied Anke Domscheit-Berg.

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picture alliance / dpa

Vor 25 Jahren habe ich mich über den Mauerfall nicht nur gefreut. Ich engagierte mich in der Opposition rund um das Neue Forum, weil ich wie viele andere einen „Dritten Weg“ wünschte. Ich wollte eine Alternative zum Kapitalismus, eine sozialere Demokratie als die soziale Marktwirtschaft, die mir schon damals eher kapitalorientiert als gerecht vorkam. Natürlich haben wir auch für Reisefreiheit gekämpft, wer will schon gern eingesperrt sein. Auch ich hatte Fernweh. Aber die Mauer fiel am Ende so schnell, dass wir nicht darauf vorbereitet waren.

Wir erwarteten ein zähes Ringen um jeden kleinen demokratischen Fortschritt aber auf einmal gab es einen Erdrutsch und über Nacht wurde die Welt eine andere. Es war sehr schnell offensichtlich: Menschenmengen werden nun nicht mehr für den Dritten Weg auf die Straße gehen. Es dauerte auch nicht lang, da wandelte sich „Wir sind DAS Volk“ in „Wir sind EIN Volk“, Wiedervereinigung und D-Mark waren die neuen Forderungen.

Wer sah vorher, was der plötzliche Mauerfall und die schnelle Wiedervereinigung für die DDR-Wirtschaft bedeuteten? Wie für wohl 90 Prozent der DDR-Bürger veränderten sich für mich und mein persönliches Umfeld die Berufsperspektiven. Ich hatte freie Textilkunst in Schneeberg studiert, wollte als freischaffende Künstlerin im Oderbruch leben und arbeiten. Aber nach der Wende war eine Ausbildung in Kunst genauso überflüssig wie ein Lehramt in Staatsbürgerkunde.

Ich bemühte mich um eine Anstellung, bekam sogar einen Vertrag bei der Zeitschrift Handarbeit (wählerisch durfte man nicht sein), aber zwischen Vertragsunterzeichnung und Arbeitsbeginn hörte der Verlag auf zu existieren. Ich lebte wie auf Eisschollen im Sommer. Immer wenn ich auf eine neue Scholle sprang, schien sie unter meinen Füßen wegzuschmelzen.

DDR-Stipendium wurde anerkannt

Anders als mein Studienabschluss wurde mein DDR-Stipendium anerkannt, ein zweites Stipendium gab es nicht. Da meine Eltern mich auch nicht finanzieren konnten, verschlug es mich in das Rhein-Main-Gebiet, wo ich Arbeit als Sachbearbeiterin fand und drei Jahre lang jeden Pfennig sparte, um im In- und Ausland zu studieren.

Diese individuelle und kollektive Erfahrung, den Boden unter den Füßen zu verlieren und wenig Hilfe erwarten zu können, hat mich verändert. Als ich in Frankfurt am Main in einem Arbeitsamt Beratung suchte für eine geeignete Studienrichtung, fragte ich: „Mit welchem Studienabschluss werde ich nie arbeitslos?“ Ohne diese Ur-Angst, plötzlich nicht mehr gebraucht zu werden am Arbeitsmarkt, so wie ich es überall in der Wende-DDR erlebt hatte, hätte ich nie internationale Betriebswirtschaft studiert. Ich wusste bis dahin nicht einmal, was das überhaupt ist.

Die nächsten 15 Jahre konnten unterschiedlicher als mein DDR-Leben gar nicht sein. Ich arbeitete für große amerikanische Konzerne mit dem Schwerpunkt IT, kam beruflich aber auch privat viel in der Welt herum. Ich genoss die Reisefreiheit und wanderte durch guatemaltekischen Dschungel, bestaunte überwachsene Maya-Pyramiden, überstand eine Grippe in mexikanischen Hochland und erklomm in Chile die Berge der Anden. Ich lief durch stinkende Dämpfe japanischer Vulkankrater, handelte auf Märkten in Marrakech, stand neben Hethither-Ausgrabungen im Osten der Türkei und bewunderte die Nordlichter am norwegischen Himmel nördlich des Polarkreises.

Die Hilfe des ostdeutschen "Teflon"

Nebenbei stieg ich die Karriereleiter immer höher, trotz der Geburt eines Sohnes in Jahr 2000. Heute würde ich sagen, ohne ostdeutsches “Teflon“ hätte ich diese berufliche Entwicklung mit Kind niemals durchgehalten. Ich begegnete vielfacher Diskriminierung, subtil und von der direkten Art. Man hielt mir ein Rabenmutterdasein vor und meinte, ich sollte dankbar sein, dass ich trotz Kind weiterarbeiten darf. Als ostdeutsch sozialisierte Frau blieb mir dabei so manches Mal der Mund offen stehen.

Diese Erlebnisse fühlten sich an, als hätte mich jemand in die Vergangenheit katapultiert, in eine Welt von vor 100 Jahren. Hätte ich nicht genau gewusst, dass mein Kind nicht asozial wird in einer Kita, und dass arbeitende Mütter normal sind, hätte ich vielleicht irgendwann aufgegeben. Ich bin schon deshalb sehr dankbar für mein erstes Leben in der DDR.

Aber das Kostbarste, was ich aus der DDR-Zeit in die Gegenwart mitgenommen habe, ist der seit Wendezeiten unerschütterliche Glaube daran, dass selbst unwahrscheinliche gesellschaftliche Veränderungen – seien sie noch so groß – doch möglich sind. Diese Erkenntnis ist mein Energiemotor bestimmt noch bis ans Ende meiner Tage. Wenn wir die Mauer zu Fall bringen konnten in jenem November vor 25 Jahren, dann ist auch alles andere möglich. Es ist dieser Glaube, der mich seit einiger Zeit gegen einen neuen Überwachungsstaat aufstehen lässt, gemeinsam mit meinem Mann Daniel, einem gebürtigen Rheingauer, den ich ohne Mauerfall nie getroffen hätte.

Heute ein Krebsgeschwür der Demokratie

Die Stasi hatte meine Briefe gelesen, mein Wohnheimzimmer durchsucht und das Telefon abgehört. Aber was damals zum System gehörte, ist heute das Krebsgeschwür der Demokratie. Wenn wir die anlasslose Überwachung – eine Methode des Totalitarismus – nicht wieder loswerden, wird unsere Zukunft keine demokratische mehr sein. So wenig, wie man ein bisschen schwanger sein kann, so wenig kann eine Demokratie ein bisschen totalitär sein. Es geht um die Fortsetzung des Kampfes von 1989 für Freiheit und Grundrechte und wieder sieht es aus, als wäre ein Erfolg unwahrscheinlich. Aber was schon einmal ging, kann auch diesmal klappen – Abschaffung der Geheimdienste inklusive.

Wir müssen uns nur an die ganze Lektion der Wende erinnern: nicht nur „alles ist möglich“ sondern auch „ganz viele müssen dabei mitmachen“. Ich habe deshalb mein Buch „Mauern einreißen“ geschrieben, weil ich glaube, dass mehr von uns sich wieder erinnern sollten, wie viel Macht wir als Volk haben. Nicht Industrielobbyisten oder Politiker, sondern wir sitzen am längsten Hebel. Wir müssen es nur begreifen und danach handeln. Selbst für einen dritten Weg habe ich wieder Hoffnung, denn eine Shareconomy könnte ein besseres, ein sozialeres System sein.