06.11.2011

Athen: Wie eine Decke aus Blei

Von Thomas Schmid
Alte Bande: In Boston 1973 studierten sie  noch zusammen – Ministerpräsident Papandreou (v. l.) und Oppositionsführer Samaras (h. r.) .
Alte Bande: In Boston 1973 studierten sie noch zusammen – Ministerpräsident Papandreou (v. l.) und Oppositionsführer Samaras (h. r.) .
Foto: REUTERS
ATHEN –  

Athen ist fest im Griff der Rezession. An Hilfe durch die Politik glaubt hier niemand mehr. Unter den Menschen machen sich Hoffnungslosigkeit und Resignation breit.

Die Fokionos-Negri-Allee gehörte vor noch nicht allzu langer Zeit zu den Prachtboulevards der griechischen Hauptstadt. Cafés säumen die Fußgängerzone, Bauhaus-Stil und Art Déco zeugen von glanzvollen Zeiten. Vergangenen Zeiten. Der Brunnen ist trockegelegt. Der Rasen ungepflegt. Die Hälfte der Läden steht zum Verkauf aus. Und unten an der Ecke, wo eine Kirche seit Wochen geschlossen ist, weil niemand die Schäden eines Kabelbrandes beseitigt, ist das Pflaster aufgerissen. Ein Kiosk stand einst hier. Doch der Händler hat aufgegeben und ihn abmontiert.

In den Sträßchen, die von der Allee abgehen, wohnen vor allem ärmere Leute, unter ihnen viele Künstler und Emigranten. "Kypseli ist der am dichtesten besiedelte Stadtteil Athens", sagt Theocharis Vlachojannis, "aber nun findet man wieder Parkplätze". Er selbst braucht zwei. Auf der Kühlerhaube seines Opels stellt der Obst- und Gemüsehändler Granatäpfel, Kastanien und Pflaumen aus. Daneben, auf der Ladefläche seines Kleinlasters, liegen Salatköpfe.

Welcher Hanswurst regiert, ist egal

Ob er am Freitag um Mitternacht das Vertrauensvotum verfolgt hat, das über das Schicksal von Ministerpräsident Giorgos Papandreou entschied? Diese nächste Volte im griechischen Drama, die Papandreou noch einmal hauchdünn für sich entschied? Vlachojannis setzt ein gequältes Lächeln auf. Ob Papandreou oder sein konservativer Widersacher Samaras oder sonst ein Hanswurst die Geschicke seines Landes leite, sei ihm egal. "Das geht bestimmt fünf Jahre weiter so und dann wird alles noch schlimmer", prophezeit er düster. Sein eigener Umsatz sei schon jetzt um 30 bis 40 Prozent eingebrochen, er arbeite 15 Stunden am Tag, um zu überleben. Der winzige Tante-Emma-Laden, vor dem Opel und Kleinlaster stehen, wird von ihm, seinem Bruder und der Mutter betrieben. Seit 1959 ist das Geschäft in Familienbesitz. Doch für die Zukunft sieht Vlachojannis "schwarz, kohlrabenschwarz".

Hoffnungslosigkeit ist die vorherrschende Stimmung unter den Griechen. Auf dem Land lastet eine Depression, die wie eine schwere, bleierne Decke, alles zu ersticken droht. Die Mehrwertsteuer für Nahrungsmittel, die vor zwei Jahren noch neun Prozent betrug, ist inzwischen auf 23 Prozent gestiegen. Die Löhne sind im selben Zeitraum im Durchschnitt um ein Drittel gesunken, und um die Staatseinnahmen zu erhöhen, wurde nun auch noch eine Immobiliensteuer eingeführt. In Kypseli beträgt sie pro Jahr fünf Euro pro Quadratmeter, bei vielen Wohnungsbesitzern ist das ein Monatslohn. Im Nobelviertel Kolonaki, wo das gehobene Bürgertum zuhause ist, sind es 20 Euro. Als Folge der Radikalkur, die den Haushalt sanieren soll, ist die durchschnittliche Kaufkraft massiv eingebrochen, worunter der Einzelhandel leidet. Dadurch sinken wiederum die Steuereinnahmen. So mündete der verordnete Sparkurs - absehbar und vorausgesagt - in eine Rezession.

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