01.01.2012

Homosexualität: "Ich bin ein Niemand"

Von Marian Brehmer

Manchmal fragt sich Sepehr, ob die Polizisten und die Beamten in den Ausländerbehörden und die Angestellten in den Heimen sich überhaupt vorstellen können, wie sich ein Asylbewerber in diesem Land fühlt. Wie traurig und einsam man hier sein kann, in diesem reichen, schönen Land.

Wenigstens Sepehr hatte Glück. Das Los schickte ihn in einen Vorort von Dresden, wo die Asylbewerber in einem Wohnblock untergebracht wurden. Die anderen Hausbewohner begegneten ihren neuen Nachbarn mit Argwohn. Niemand grüßte Sepehr zurück, wenn er Hallo sagte. Eines Tages hing ein Zettel von der Asylbehörde im Hauseingang. Weil er Deutsch versteht, konnte Sepehr die Botschaft lesen: Die Hausbewohner sollten bitte keine Angst haben, die Asylbewerber stünden unter der Beobachtung der Behörden.

Wann immer Sepehr sein Heim verlassen durfte, fuhr er nach Berlin. Dort wohnt Florian. Die beiden trafen sich über das Internet, verliebten sich und wurden ein Paar. Florian hat Sepehr dabei geholfen, mit den bürokratischen Tücken des Asylverfahrens umzugehen. Sie überlegen, ob sie heiraten sollen. Eine Heirat könnte die Sache einfacher machen. Nach drei Jahren Ehe könnte Sepehr sogar die deutsche Staatsbürgerschaft bekommen. „Aber das ist nur ein kleiner Grund. Das wichtigste ist unsere Liebe und dass wir beide an einem Ort sein können“, sagt Sepehr.

Abschiebung in die Niederlande

Doch inzwischen soll Sepehr in die Niederlande abgeschoben werden. Da er mit einem niederländischen Visum nach Deutschland kam, ist formell das Nachbarland für seinen Fall zuständig.

Sepehr hat sich an die Unsicherheit gewöhnt. „Ich habe mein Selbstbewusstsein verloren. Hier bin ich offiziell ein Niemand“, sagt er traurig. Immer wenn er in Berlin neue Leute trifft und die Frage auftaucht – „Und … Was machst du in Deutschland?“, fühlt er sich schlecht. „Ich weiß dann nicht was ich antworten soll“, sagt Sepehr. Dabei hat er studiert, spricht Englisch und auch die deutsche Sprache gut genug, um sich in allen Alltagsbereichen zu verständigen. Eigentlich genau das Musterbild eines Migranten, wie ihn sich die Bundesrepublik wünscht. Gut ausgebildet, jung, neugierig.

Aber darum geht es bei Asylverfahren nicht. Lediglich die Bedrohungssituation der Person ist entscheidend. Es geht darum, welches Schicksal dem Antragsteller droht, wenn er abgeschoben wird. Und wenn einer aus einem anderen EU-Land in Deutschland einreist, dann muss er laut Gesetz dorthin abgeschoben werden. Das ist keine Ausländerfeindlichkeit, sondern europäisches Asylrecht. Aber dass macht es nicht einfacher für Leute wie Sepehr Nazari, die am liebsten zu Hause geblieben wären. Die nur hier sind, weil sie in der Heimat um ihr Leben fürchten müssen.

Sepehr Nazari bereut es trotz aller Widrigkeiten nicht, nach Deutschland gekommen zu sein. Allein die Tatsache, dass er hier sein kann wie er ist, reicht ihm um sich wohlzufühlen. Wenn seine Großmutter anruft und fragt, ob es ihm gut gehe, erzählt er ihr nichts von den Asylheimen, von den Schwierigkeiten. Er erzählt nur von der grünen Landschaft in Deutschland, der klaren Luft, dem Fernseher auf dem Zimmer. Seine Großmutter fängt dann immer an zu weinen. Weil sie ihn so vermisst.

Sepehr sieht wohl, dass es anderen viel schlechter geht als ihm. Von all denen, die er im Laufe der Zeit in den Heimen getroffen hat, haben die Afghanen die schwersten Schicksale, sagt er. Sie sind von den vielen Jahren des Krieges traumatisiert. Die meisten von ihnen haben aufreibende Fluchtwege hinter sich, haben sich über Land nach Europa schmuggeln lassen. Von den zweihundert Euro, die ein Asylbewerber vom deutschen Staat bekommt, sparen sich die Afghanen einen Großteil ab. Der geht an die daheimgebliebenen Familienmitglieder in Afghanistan. Von dem Geld, von dem Sepehr hier in Deutschland einigermaßen leben kann, ernähren die Afghanen gleichzeitig noch ihre Verwandten in der Heimat.

Manchmal unterstützt Sepehr die afghanischen Flüchtlinge, hilft auf den Ämtern bei der Übersetzung und kümmert sich darum, dass die Kinder eine Schule besuchen können. Er tut das nicht nur für die anderen, sondern auch für sich. Weil er sich dann endlich wieder gebraucht und nützlich vorkommt – ein Gefühl, das Sepehr Nazari schon fast vergessen hat.

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