19.12.2011

Reportage: Die Rettung

Von Marijke Engel
Ralf Sponholz (hinten) arbeitet in der Bahnhofsmission am Zoo. Lange war sie Willi Clausens letzte Zuflucht. Heute kommt er manchmal noch zu Besuch. Sponholz ist noch immer sein Betreuer.
Ralf Sponholz (hinten) arbeitet in der Bahnhofsmission am Zoo. Lange war sie Willi Clausens letzte Zuflucht. Heute kommt er manchmal noch zu Besuch. Sponholz ist noch immer sein Betreuer.
Foto: Gerd Engelsman
Berlin –  

Ohne seinen Beschützer Ralf Sponholz würde Willi Clausen heute noch in der Bushaltestelle am Zoo sitzen und saufen. Aber vermutlich wäre er schon tot. Die Geschichte einer Mission

Berlin Sie sind ein seltsames Paar, diese beiden Männer, wie sie in ihrem Dacia Logan um den Spandauer Kreisel kurven. Am Steuer sitzt ein bulliger Typ mit kurz geschorenem Schädel und zwei Piercings in der Unterlippe, der unaufhörlich gähnt, während sein Beifahrer, etwa doppelt so alt und bestens gelaunt, ohne Unterlass redet. Der Beifahrer trägt einen etwas zu engen roten Frotteepulli, über dem halblangen grauen Haar sitzt ein Nikolausmützchen. Es ist Advent. Und dieser Ausflug Teil einer langfristig angelegten Rettungsaktion. Wobei nicht zu jedem Zeitpunkt klar ist, wer hier eigentlich wen rettet.

Die Adventsfeier beginnt in einer halben Stunde. Ralf Sponholz und Willi Clausen* sind auf dem Weg zum Zoo, zur Bahnhofsmission. Als sie gegen halb zwei in die Jebensstraße einbiegen, steht da schon die Schlange der Elenden: Junge und Alte, Heile und Versehrte. Viele Männer, wenig Frauen. Windjacken, Wollpullis, alte Persianer. Wanderstiefel, Turnschuhe, Badelatschen. Rucksäcke, Rollkoffer, Plastiktüten. Es reden nur die Betrunkenen und die Verrückten. Wer klaren Verstandes ist, friert und schweigt. Drinnen wird es Gulasch geben, schön scharf. Danach für die, die wollen, noch eine Andacht obendrauf. Ein überschaubares Programm.

Willi Clausen freut sich trotzdem. „Mal was anderes, mal raus“, das reicht ihm eigentlich schon. Ralf Sponholz ist das zweite Mal an diesem Tag hier, er ist seit fünf Uhr auf den Beinen, hatte schon Frühschicht. Er fährt den Dacia ganz nah ran, hilft Clausen in den Rollstuhl und schiebt ihn vorbei an den Wartenden. Willi Clausen muss sich nicht anstellen. Früher mal, da war das hier „Willis Wohnzimmer“. Heute ist er Ehrengast. Wenn man so will ein Veteran, ein Überlebender. „Die kenne ich alle nicht mehr“, wird er später sagen. Der Hermann, der Venezuela-Peter, der Hansa-Peter… alle tot. Erschlagen, erfroren, zu Tode gesoffen.

Ha, was willst du denn?

Aus der Schlange löst sich ein großer Mann, „der Este“ nennen sie ihn hier. Sein wirrer Blick lässt nichts Gutes ahnen. Er kommt auf Willi zu, baut sich schwankend vor dessen Rollstuhl auf, beugt sich zu ihm hinab und beginnt in einer fremden Sprache auf ihn einzureden. Willi will eigentlich nur in Ruhe seine Zigarette rauchen, doch der Este redet weiter. „Wo ist Ralf?“, fragt Willi leise. Und plötzlich ist sein Beschützer zur Stelle. Sponholz war mal Türsteher. Obwohl er nicht besonders groß ist, wirkt er ganz schön wuchtig. Breitbeinig und stiernackig schiebt er sich zwischen Willi und den Esten. Und dann, just in dem Moment, als der Riese seinen Willi anfassen will, tut Ralf Sponholz das komplett Unerwartete: Er lacht. Und zwar laut und unmissverständlich. „Ha, was willst du denn?“, ruft er dem Esten lachend ins Gesicht. Der, perplex und eingeschüchtert, weicht zurück. Ralf wartet, bis Willi die Zigarette zu Ende geraucht hat. Dann schiebt er ihn rein, drinnen wird gleich die erste Runde Gulasch verteilt.

Ralf hat Willi gerettet. Wieder einmal. Wer verstehen will, warum, der muss wissen, wie die beiden sich kennengelernt haben. Vor gut zwei Jahren war das. Sponholz, damals 31 Jahre alt und Möbelpacker, leistete 600 Stunden „Arbeit statt Strafe“ in der Bahnhofsmission. „Fahren ohne Führerschein, konnte die 2 000 Euro nicht bezahlen.“ Mehr sagt Sponholz dazu nicht.

Willi Clausens Zuhause war damals eine gläserne Bushaltestelle am Zoo. Er habe täglich von ein paar Bomben gelebt, er meint Schnapsflaschen. Bomben, Granaten, Sprengstoff, mit solchen Worten umschreibt Clausen seinen Suchtstoff. Klar, dass so einer hochexplosiv ist. „Weißt du noch, Willi, kamst immer rein und hast alle als Nazis beschimpft“, sagt Sponholz. Willi Clausen klemmt mit seinem Rollstuhl hinter einem Resopaltisch und giggelt. „Nazis“, wiederholt er leise und kichert, als sei das ein guter Witz.

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