04.12.2011

Sexueller Missbrauch: Er mag es, wenn man um Hilfe schreit

Von Jörg Schindler
Selbst mit Anfang 20 konnte  sich Monika Gerlach ihrem Peiniger immer noch nicht entziehen. Sie dachte ja, sie selbst sei schuld.
Selbst mit Anfang 20 konnte sich Monika Gerlach ihrem Peiniger immer noch nicht entziehen. Sie dachte ja, sie selbst sei schuld.
Foto: dpa
SAARBRÜCKEN –  

Jahrelang wurde eine Ministrantin von ihrem Pfarrer sexuell missbraucht. Der Täter leugnet – und die katholische Kirche zeigt, was ihre vollmundigen Versprechen wert sind.

Der Anruf kam im April. Die Polizei war dran. In Saarbrücken, Stadtteil Burbach, sei ein Pfarrer überfallen worden, es gebe da Ungereimtheiten, man müsse mit ihr sprechen. „Da bin ich erstarrt“, sagt Monika Gerlach*. Fast zehn Jahre lang hatte sie Burbach, den Pfarrer und alles, was geschehen war, verdrängt. Bis in die Schweiz war sie vor ihrer Vergangenheit geflohen. Es war nicht weit genug. Es ist nie weit genug.

Sie sitzt in einem Café am Genfer See. Die Nacht hat den ersten Frost des Jahres gebracht, es ist kalt, aber noch immer ist in den Bergen kein Schnee gefallen, er wird hier sehnsüchtig erwartet. Monika Gerlach blickt hinaus auf die schunkelnden Jachten am Ufer. Sie zittert. Sie bekommt dieses Zittern nicht in den Griff. Seit Monaten nicht. Es ist ihr unangenehm. Sie ist eine schmale Frau mit mädchenhaften Gesichtszügen, das kurze Haar perfekt frisiert, dezente Kleidung, dezenter Schmuck. Sie fällt nicht auf. Sie will nicht auffallen. Seit sie einmal dem Falschen auffiel.

Feine Narbe an der Nasenwurzel

Monika Gerlach, 35 Jahre alt, stammt aus Oberschlesien. Aus einer Gegend, wo der Katholizismus ein nachwachsender Rohstoff ist. Sie hat noch heute eine feine Narbe an der Nasenwurzel. Sie hat sie sich an einer Kirchenbank geholt, weil sie als Kind das Vaterunser noch nicht auswendig kannte. Sie trägt sie mit einem gewissen Stolz. Der Pfarrer, das war der Stellvertreter Christi, man begegnete ihm untertänig, schaute ihn am besten gar nicht an. Schon gar nicht als Mädchen. Als Mädchen durfte Monika Gerlach in Schlesien auch nicht Messdienerin werden, also spielte sie mit ihrem besten Freund heimlich Messen nach. Er war der Pfarrer, sie seine Dienerin. Das war für sie „ein Traum“. Mit zwölf Jahren wurde er wahr.

Damals, 1989, siedelte Familie Gerlach aus Polen über nach Deutschland. In Saarbrücken, Stadtteil Burbach, fand sie ein neues Zuhause. Und weil Mädchen in Deutschland Messdienerinnen werden dürfen, ging Monika Gerlach zu allererst geradewegs ins Pfarrhaus. Der Gottesmann aber, den sie dort und wöchentlich im Religionsunterricht traf, war so gar nicht wie jene, die sie kannte. Klaus K., der Hirte von St. Eligius, trug – außer in der Messe – kein Kreuz und kein Gewand. Er wirkte wie ein ganz normaler Mann mit kaltem Lächeln und durch eine Pfeife schief gerauchten Zähnen.

Eine seltsame Macht, sagt Monika Gerlach, habe dieser Pfarrer von Anfang an auf sie ausgeübt. Ein Blick nur habe genügt – sie macht ihn vor im Café am See, ein kurzes Zucken mit den Augen – und schon sei sie gesprungen. Was er wollte, war Gesetz. Er war der Pfarrer, sie seine Dienerin. Sie hatte gelernt zu gehorchen. Als er sie einmal nach der Messe am Oberarm packte und mit den Daumen über ihre Brüste strich, dachte sie, er sei zufrieden mit ihr. „Ich hielt das für eine spezielle Belobigungsform.“ Sie war damals dreizehn.

Dann aber war sie immer häufiger mit dem Herrn Pfarrer allein. Dann spürte sie seine Hände nicht mehr nur an der Brust, sondern auch an ihrem Po. Dann drängte er sie eines Tages, es war kurz nach Fronleichnam, an einen Schrank in der Sakristei und küsste sie. Dann wurde auch Monika Gerlach bewusst, dass das keine spezielle Belobigungsform mehr war. Entziehen aber konnte sie sich trotzdem nicht. Da war niemand, mit dem sie hätte reden können. Nicht mit der Mutter, die regelmäßig im Pfarrhaus putzte und Klaus K. verehrte. Nicht mit dem Vater, für den es schon Pornografie war, wenn sich im Fernsehen zwei Menschen küssten. Mit niemandem.

Immer sonntags, am Tag des Herrn

Außerdem: Was hätte sie sagen sollen? Sie dachte ja, sie selbst sei das Problem. „Ich habe, wie immer, bis zum heutigen Tag, die Schuld bei mir gesucht. Er war ja berufen worden von Gott.“ So sei es immer weiter- gegangen, sagt Monika Gerlach. Auf die Küsse folgte der Oralverkehr, auf den Oralverkehr der Beischlaf. Immer sonntags, am Tag des Herrn, immer vor einem Spiegel, in den sie noch heute nicht ohne Ekel blicken kann, immer so, dass sie am Ende mit Malen am Körper zurückblieb.

1 von 3
Nächste Seite »
Anzeige
Neuste Bildergalerien Politik
Anzeige
Anzeige
Aktuelle Videos
Facebook
Berliner-Zeitung.de auf Facebook
Galerie
Magazin
22 Staus mit einer Gesamtlänge von 57km
Kinoprogramm
Alle Neustarts diese Woche: Alle Filme von heute: Alle Kinos:
Arbeitslosengeldrechner
Wie viel Arbeitslosengeld steht Ihnen zu?
Bruttogehalt (jährl. Euro) Steuerklasse
Kinder Ja Nein Berechnen