14.10.2011

Start-Up-Szene: Vom Kaffeetrinker zum Millionär

Von Anne Lena Mösken
Ciáran O’Leary in den Räumen einer ehemaligen Tanzschule. Als Risikokapitalgeber  unterstützt der 31-jährige  Ire mit seiner Firma Earlybird junge Unternehmensgründer. In der gerade gelieferten Arena sollen sie sich präsentieren.
Ciáran O’Leary in den Räumen einer ehemaligen Tanzschule. Als Risikokapitalgeber unterstützt der 31-jährige Ire mit seiner Firma Earlybird junge Unternehmensgründer. In der gerade gelieferten Arena sollen sie sich präsentieren.
Foto: Benjamin Pritzkuleit
Berlin –  

Berlin-Mitte statt Silicon Valley: Wer heute noch mit dem Laptop im Café sitzt, könnte morgen schon eine Firma leiten und internationale Investoren anlocken. Denn in der Hauptstadt herrscht mal wieder Gründerzeit.

Einst lag die Zukunft  im kalifornischen Silicon Valley, wo Investoren  Millionen in neu gegründete Internet-Firmen steckten. Schon bald waren die  Mieten dort höher als in Manhattan.

Vielleicht liegt die Zukunft  jetzt 9000 Kilometer entfernt davon, an einer Straßenkreuzung in Berlin, am Rosenthaler Platz. Vier Fahrspuren, zwei Tramlinien, ein  Backshop, ein Hostel, ein Dönerladen, eine Currywurstbude – und an einer  Ecke die breiten Fensterfronten eines Cafés. Aschinger verkaufte hier vor hundert Jahren Buletten und Bier. Nach der Wende zog Burger King ein. Dann hängte der Betreiber einer Schwulenbar  Lichter ins Fenster und  knipste sie später  wieder aus. Als das Internet kam, machte der Werber Ansgar Oberholz daraus ein Café mit vielen Steckdosen und nannte es St.Oberholz. Junge Menschen saßen hier mit ihren Laptops, die sie von ihrem knappen Geld gekauft hatten. Unter ihnen, Tag für Tag, zwei Schweden vor Gläsern mit Latte Macchiato.

Heute, ein paar Jahre später, haben Alexander Ljung und Eric Wahlforss mit Soundcloud eine Musikplattform mit sieben Millionen Nutzern geschaffen. Sie beschäftigen achtzig Angestellte und logieren in zwei großen, lichtdurchfluteten Büros ein paar Häuserblocks vom St. Oberholz entfernt, eines davon mit Dachterrasse. Sie fahren mit dem Skateboard von einem Ende des Büros zum anderen.

Der digitale Galerist

Seit 2005 wurden in Berlin mehr als vierhundert Start-Up-Unternehmen gegründet. Es sind Schätzungen, denn das Nachrichtenportal Deutsche Start-Ups, das die Statistik führt, kommt mit der Auswertung seiner Datenbank nicht mehr hinterher. Berlins Gründerszene ist längst in den Fokus internationaler Investoren gerückt.

Ein Stück die Torstraße hinunter, läuft im zweiten Stock eines  Hinterhauses Ciáran O'Leary, 31, über das  Parkett einer Tanzschule. Die Tanzschule ist ausgezogen und hat  der Firma Earlybird Platz gemacht. O’Leary,  gebürtiger Ire und in München aufgewachsen,  wartet darauf, dass die Arena geliefert wird. Genau hier soll sie stehen, er macht eine ausgreifende Armbewegung, ein halbrundes Sitzbankensemble, ein paar Meter entfernt von der Wand, an die junge Unternehmer mit einem Beamer die Vorstellungen  von ihrer Zukunft projizieren werden.

Den Weg in ihre Zukunft sollen sie mit dem Geld von Earlybird beschreiten, das ist der Plan. Earlybird ist das erste Venture Capital mit Sitz in Berlin. Das Geschäftsmodell ist  simpel:  Da junge Unternehmen zumeist schwer an Kredite gelangen, wenden sie sich an sogenannte Risikokapitalgeber, die sich bei ihnen  beteiligen.  Ist die Firmengründung  erfolgreich, verkauft  der Geldgeber seine Anteile mit Gewinn, scheitert das Projekt, ist das Geld weg. Gegründet in München, zieht Earlybird jetzt nach Berlin. Wegen des Spirits, sagt Ciáran O'Leary.

„Wir sind auf der Suche nach Leuten, die große Probleme lösen wollen“, erklärt er. Fähige Leute, die ein Geschäft aufbauen können, das irgendwann einmal Millionen wert ist. Die Leute, die Earlybird sucht, sagt er, wohnen in Berlin.

Hundert Meter vom Rosenthaler Platz entfernt sitzt Florian Meissner in seinem Büro, ebenfalls in einem Hinterhof, und wedelt mit seinem Smartphone. „Ich habe die ganze Welt hier drin“, sagt er. Florian Meissner war eigentlich Fotograf, bis zu dem Tag, an dem ihm seine Spiegelreflexkamera gestohlen wurde. Danach machte er nur noch Fotos mit dem iPhone. Dann wurde er so etwas wie ein digitaler Galerist, der Handyfotos auf einen Blog stellte. In einer Pokernacht mit seinen Kumpeln  wurde die Idee geboren, die sie Eyeem nannten: „Das ist so geil, wir machen das.“ Florian Meissner wurde Unternehmer.

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