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Berliner Zeitung | Gesetz gegen Doping: Bis zu drei Jahre Haft für Doper
28. September 2014
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Gesetz gegen Doping: Bis zu drei Jahre Haft für Doper

Auch Versuche mit Epo wurden Jahrzehnte von staatlicher Seite finanziert.

Auch Versuche mit Epo wurden Jahrzehnte von staatlicher Seite finanziert.

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dpa

Dieter Rössner ist ein eher nüchterner Betrachter des Spitzensport-Gewerbes und seiner politischen Unterstützer. Der emeritierte Strafrechts-Professor aus Marburg engagiert sich seit mehr als einem Jahrzehnt für ein hartes Anti-Doping-Gesetz, wie es von Norwegen bis Italien längst üblich ist. In Deutschland, einem Land mit besonderer Dopinghistorie, war das bisher eine frustrierende Erfahrung. Nun aber zeigt sich Rössner hocherfreut, plötzlich scheint nämlich alles ganz schnell zu gehen. Rössner spricht von „einer gelungenen Steilvorlage für einen sauberen Sport“.

Der Berliner Zeitung liegt der Entwurf aus den Ministerien für Justiz und Inneres für ein eigenständiges „Gesetz zur Bekämpfung von Doping im Sport“ vor. Der beeindruckt sogar Rössner. „Der Gesetzgeber schützt damit nicht nur, wie bisher im Arzneimittelgesetz, die Gesundheit von Athleten, sondern ausdrücklich auch die Grundwerte des Sports wie Fairness und Chancengleichheit.“

Schon der Versuch ist strafbar

Kern des Entwurfs: Nicht nur die Unterstützerszene – Hersteller oder Händler von Dopingsubstanzen sowie Verabreicher wie Ärzte oder Betreuer – muss künftig mit strafrechtlicher Verfolgung rechnen, sondern auch der dopende Kaderathlet. Paragraf 3 („Selbstdoping“) verbietet Doping für Wettbewerbe des organisierten Sports und uneingeschränkt auch den Erwerb oder Besitz von Dopingsubstanzen.

Das Strafmaß liegt bei bis zu drei Jahren Haft oder Geldstrafe für überführte Doper und bei maximal zwei Jahren für Erwerb und Besitz von Dopingmitteln. „Schon der Versuch ist strafbar“, heißt es noch dazu. Auch Preisgelder können künftig eingezogen werden, wenn auch nur der Verdacht besteht, dass sie durch Doping erlangt wurden.

Während das Dopingverbot für den gesamten Sport gelten soll, trifft die Strafbarkeit allerdings allein den Spitzensport – oder Personen, die aus dem Sport „erhebliche Einnahmen“ erzielen, das heißt: vor allem die mehr als 7 000 Kaderathleten, die im Testpool der Nationalen Antidoping-Agentur Nada registriert sind. „Angemessen differenziert“, nennt das Rössner.

Denn Staatsanwälten und Richtern werden mit dem Antidoping-Gesetz ohnehin zusätzliche Anstrengungen abverlangt. Künftig wären Ermittlungen gegen Athleten nicht nur bei einer positiven Probe zwingend, sondern schon dann, wenn ein Kadersportler mit einer Pille im Gepäck erwischt wird. „Ein scharfes Schwert“, sagt der Kriminologe Rössner. Denn wenn schon der Besitz von Dopingsubstanzen strafbar ist, kann das Gesetz auch gegen Athleten angewandt werden, die sich Substanzen verschaffen, die mit den herkömmlichen Tests nicht oder kaum nachweisbar sind.

Für „juristisch durchdacht“ hält Rössner den Ansatz, die „Synergien zwischen den gründlicheren staatlichen Ermittlungen und der schnelleren Sportgerichtsbarkeit zu stärken“. Staatsanwaltschaften dürfen der Nada anders als bisher ihre Ermittlungsunterlagen zur Verfügung stellen. Nur ein Aspekt fehlt: eine Kronzeugenregelung, wie sie sich für das abgeschottete Milieu des Spitzensports zuletzt in der Causa Armstrong als höchst effektiv erwies.

Auf neue Grundlage stellt der Gesetzentwurf auch die im Weltsport eigentlich zwingend vorgeschriebenen Schiedsvereinbarungen, mit denen die Verbände ihre Athleten verpflichten, bei Streitigkeiten auch um Dopingsperren ein Sportgericht anzurufen und kein staatliches Gericht. Auf Betreiben der Eisschnellläuferin Claudia Pechstein hatte das Münchner Landgericht diese Kontrakte als unwirksam bezeichnet und damit dem Deutschen Olympischen Sportbund (DOSB) einigen Ärger beschert. Der Gesetzentwurf ermächtigt die Verbände nun ausdrücklich zum Abschluss von Schiedsvereinbarungen – insbesondere dann, wenn damit „Vorgaben des Welt-Anti-Doping-Codes umgesetzt werden“.

Sportfunktionäre bleiben stur

Mit Beifall aus dem DOSB ist trotzdem nicht zu rechnen. Dort wirkt die Hinterlassenschaft des unlängst zum Chef des Internationalen Olympischen Komitees beförderten Thomas Bach nach. Über Jahre wehrte sich der Wirtschaftsanwalt im Verbund mit Generaldirektor Michael Vesper stur gegen jedes Gesetz, das mehr als ein Placebo sein könnte. Und das, obwohl anonymisierte Befragungen zutage förderten, wie viele Topathleten offenbar auch hierzulande dopen, ohne jemals erwischt zu werden.

Noch die letzte DOSB-Mitgliederversammlung, die Bach zum Ehrenpräsidenten kürte, beschloss, dass die nun vorgesehene uneingeschränkte Strafbarkeit des Besitzes von Dopingmitteln abzulehnen sei. Es wird spannend sein zu beobachten, wie weit die Schönredner aus dem Funktionärsbetrieb den nun anstehenden Gesetzgebungsprozess im Bundestag noch torpedieren können.