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Berliner Zeitung | Arbeit und Freizeit: Was langes Sitzen gefährlich macht
21. February 2014
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Arbeit und Freizeit: Was langes Sitzen gefährlich macht

Acht Stunden Bildschirmarbeit: Etwa jeder zweite Arbeitsplatz ist heute in einem Büro.

Acht Stunden Bildschirmarbeit: Etwa jeder zweite Arbeitsplatz ist heute in einem Büro.

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dpa

Es gibt ein neues Übel, das uns krank macht. Es ist das Sitzen. Im Schnitt verbringen Erwachsene 50 bis 70 Prozent ihrer Zeit sitzend.Das lange Sitzen erhöht das Risiko für Diabetes, Herzkrankheiten und Tod, schreiben etwa Wissenschaftler einer Studie der University of Leicester in Großbritannien.

Kurz und knackig: Zu viel Zeit auf Stühlen, Sesseln und Sofas verkürzt unser Leben. Das belegen US-Wissenschaftler mit einer 14 Jahre dauernden Beobachtungsstudie. Männer, die in ihrer Freizeit täglich sechs Stunden oder mehr sitzen, haben eine 20 Prozent höhere Sterberate. Bei Frauen liegt die Sterberate sogar bei 40 Prozent, heißt es in der Untersuchung.

Sitzen, schlechte Ernährung, Bewegungsmangel

Berichte und Studien, die Sitzen als das neue Rauchen verteufeln und auch für Krankheiten wie Diabetes oder Herzerkrankungen verantwortlich machen, sieht Dr. Lars Adolph von der Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin kritisch „Die wissenschaftliche Beweislage für Ursache  und Wirkung halte ich nicht für hinreichend abgesichert“, erklärt der Arbeitswissenschaftler. Es sei nicht klar bewiesen, ob tatsächlich das Sitzen Ursache für die Erkrankungen sei oder beispielsweise schlechte Ernährung und Bewegungsmangel.

Außer Frage steht, dass zu langes Sitzen nicht gut ist. Die meisten Krankschreibungen verzeichnen Krankenkassen seit Jahren wegen Muskel-Skelett-Erkrankungen wie Rückenschmerzen, die vor allem durch langes Sitzen verursacht werden. Was macht diese Haltung so ungesund? „Sitzen ist eine statische Tätigkeit, bei der unsere Rückenmuskulatur degeneriert. Die geschwächten Muskeln führen dazu, dass man leichter Fehlhaltungen einnimmt, einen runden Rücken macht und in sich zusammensackt“, erklärt Adolph. Auch werden die Bandscheiben beim Stillsitzen nicht ausreichend mit Nährstoffen versorgt.

Langes Stehen ist ebenso ungesund

Jobs in denen man lange stehen muss, etwa im Einzelhandel, können jedoch ähnlich gesundheitsschädlich sein. Auch langes Stehen kann das Risiko für Rückenbeschwerden, Herzkreislauferkrankungen und Diabetes erhöhen, wenn man sich dabei wenig bewegt und mehr Kalorien aufnimmt als man verbraucht.

Es ist also nicht das Sitzen an sich ungesund. Das Problem für viele Zivilisationskrankheiten, und das ist seit langem bekannt, ist Bewegungsmangel. Deshalb lässt sich auch schwer sagen, wie viel Sitzen bei der Arbeit zu viel ist. „Angaben wie, ein Drittel sitzen, ein Drittel gehen, ein Drittel stehen  sind wissenschaftlich nicht ausreichend belegt“, sagt Lars Adolph. „Viel wichtiger ist es, sich insgesamt mehr zu bewegen und dynamisch zu sitzen“, erklärt der wissenschaftlich Leiter des Fachbereichs Produkte und Arbeitssysteme.

Nicht dauerhaft gerade sitzen

Mit „dynamischem“ Sitzen meinen Experten wie Adolph, wir sollen bloß nicht dauerhaft gerade sitzen, sondern uns zwischendurch entspannt nach hinten lehnen, um die Wirbelsäule zu entlasten. Außerdem sollten wir unseren Arbeitsalltag dringend so gestalten, dass wir in Bewegung bleiben. Das gelingt mit beweglichen Schreibtischstühlen und höhenverstellbaren Tischen. Aber auch, wenn man zum Beispiel im Stehen telefoniert, zum Kollegen nach nebenan geht, statt ihm eine E-Mail zu schreiben und Dinge, die man zum Arbeiten benötigt nicht alle griffbereit hat, bleibt man im Büro in Bewegung.

„Auf jeden Fall sollte man sich einmal die Stunde bewegen“, rät Ergonomie-Experte Adolph. Jeder, der zwei Stunden am Stück sitzt, merkt wie sich der Körper versteift. In der Mittagspause ist es dann wichtig eine Strecke zu laufen. Doch selbst wenn man Meetings auch mal im Stehen abhält und sich ausreichend am Schreibtisch reckt und streckt, ausreichend Bewegung bekommen Büromenschen im Arbeitsalltag wohl kaum.

Wer einen überwiegend sitzenden Bürojob hat, kommt um einen Ausgleichssport nach Feierabend nicht herum.  Erwachsenen empfiehlt die Weltgesundheitsorganisation, sie sollten sich mindestens 150 Minuten pro Woche körperlich bewegen. Oder 75 Minuten intensiv Sport betreiben. „Sich zu bewegen muss nicht heißen, dass man Leistungssportler werden muss“,sagt Lars Adolph. „Für den Rücken ist auch einfaches Spazierengehen eine Erleichterung.“