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Liebe ohne Fleischeslust : Wer vegansexuell ist, hat es schwer

Liebe, die durch veganen Magen geht.

Liebe, die durch veganen Magen geht.

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imago/CHROMORANGE

Als Zoe Eisenberg und ihr College-Freund beschlossen zusammenzuziehen, kam der Moment, an dem er ihr die Frage stellte, die für ihn allesentscheidend war. Im Grunde genommen war es gar keine richtige Frage. Sondern nur ein Wort.
„Käse?“, fragte er.

Auf sein Lieblingslebensmittel in Zukunft verzichten zu müssen, war seine größte Befürchtung, doch das war unbegründet: Sie, die Veganerin, und er, der Allesesser, konnten sich auf den Kompromiss einigen. Gegen ein wenig Käse im gemeinsamen Kühlschrank hatte seine Freundin nichts einzuwenden.

Zoe Eisenberg, eine Autorin, erzählt davon im Buch „The Lusty Vegan“, das sie zusammen mit dem veganen Koch Ayindé Howell veröffentlicht hat. „The Lusty Vegan“ – der lustvolle Veganer – handelt von der Liebe zwischen veganen und omnivoren Zeitgenossen: von ihren Irrungen und Wirrungen, vom Anbahnen und Beenden von Beziehungen, vom Umgang mit dem Familienanhang und von den Vorzügen des veganen Sex.

Die Sache ist ernst

Es ist eine Ansammlung mehr oder weniger vergnüglicher Anekdoten und behutsamer Ratschläge, gespickt mit jeder Menge tierfreien Rezepten: Man erfährt, wie man eifreie Pancakes für das Frühstück im Bett zubereitet; wie man mit „Seitan Wellington“ – fleischlosem Filet Wellington – Eltern beeindruckt; wie man mit Schneckennudeln samt Zimt, Walnuss und Cranberrys Liebeskummer bekämpft. Und wie sich das Sexleben mit Spargel und karamellisiertem Ingwer ankurbeln lässt.

Man könnte meinen, dies sei nur eine weitere kreativ-spleenige Idee, ein neues veganes Kochbuch zu verkaufen. Aber die Sache ist ernst. Sehr ernst. In der Liebe bleiben Veganer gerne unter sich. Man kann sich das gut vorstellen: Jemanden zu küssen, der gerade eine Currywurst mit Darm verdrückt hat, ist für jemanden, der den Konsum von Fleisch, Ei, Milch und Honig kategorisch ablehnt, vermutlich nicht sehr lecker.

Dem Angebeteten beim ersten Date dabei zuzusehen, wie er ein blutiges Steak vertilgt, während man selbst vor dem Tofuschnitzel sitzt, vertreibt womöglich auch allen anderen Appetit. Außerdem: Wenn zum Veganismus gehört, auch bei der Kleidung, bei Kosmetik oder Geldanlage darauf zu achten, dass das Verhalten mit den eigenen Ansprüchen vereinbar ist, dann doch erst recht beim Lebenspartner.

Die Frage, was man isst oder nicht isst, betrifft schließlich nicht mehr nur den Einkaufszettel oder die Restaurantwahl, sondern ist zur Lebensphilosophie geworden. Und das ist nicht nur bei Veganern so. Die persönliche Diät wird zum Schlüsselbegriff sozialer Distinktion.

Früher wusste man nach dem Studium des Bücherregals oder der Plattensammlung, mit wem man es zu tun hat und ob man denn zusammenpassen könnte. Heute wandert der Blick in den Kühlschrank.
Wissenschaftlich untersucht wurde vegane Lebensweise erstmals im Jahr 2007.

Die Suche nach der Liebe wird komplizierter

In einer Untersuchung von Annie Potts und Mandala White am New Zealand Centre for Human-Animal Studies gaben einige der befragten Veganer an, sie könnten sich keine sexuellen oder partnerschaftlichen Beziehungen mit Menschen vorstellen, die Tierprodukte konsumieren. Eine 49-jährige Veganerin erklärte kategorisch, sie könne niemanden küssen, durch dessen Lippen Teile toter Tiere gingen. Andere nannten die unterschiedlichen ethischen Maßstäbe von Fleischessern als Begründung. Potts und White prägten dafür einen Begriff – Vegansexuality.

Verlässliche Zahlen darüber, wie viele Leute ihre Partner nach solchen Kriterien aussuchen, gibt es bislang nicht. 2013 hat die Öko-Online-Partnerbörse „Gleichklang“ jedoch ihre veganen und vegetarischen Mitglieder zum Thema Beziehungen befragt. Das Ergebnis: 85 Prozent der Veganer wollten lieber keinen Partner, der Fleisch isst. Repräsentativ ist das zwar nicht, beteiligt an der Studie hatten sich aber immerhin 1586 Veganer und 1251 Fleischesser.

Die Suche nach dem oder der Richtigen schränkt das selbstverständlich ein. Auch wenn man in Berlin zwischen all den veganen Supermärkten, Eiscafés, Pizzerien und Rohkostläden einen anderen Eindruck gewinnen könnte: Gerade mal ein Prozent aller Deutschen lebt vegan. Und nur weil jemand auch lieber am Karottenstick als an der Bifi kaut, ist er noch nicht gleich der Mann oder die Frau fürs Leben. Unglücklicherweise kann man sich ja noch in anderen Punkten in die Haare kriegen als nur beim Thema Essen. Wer wirklich vegansexuell ist, hat es also schwer. Glaubt man den Zahlen, die Eisenberg und Howell zitieren, dann haben sechzig Prozent aller Veganer noch nicht einmal eine ernsthafte Verabredung mit jemandem, der ebenfalls vegan ist.

Aber natürlich gibt es sie, die glücklichen veganen Paare. Roman und Jana zum Beispiel. Kennengelernt haben sich die beiden auf einem Hardcore-Festival mit rein veganem Catering in Tschechien. Ob sie gleich zu Beginn über ihre vegane Lebensweise gesprochen haben, weiß keiner von beiden mehr so genau. Irgendwie war es sowieso klar. Gezielt auch der Suche nach einem veganen Seelenverwandten waren sie damals zwar nicht. Aber unterbewusst, so glauben sie, haben sie schon darauf geachtet – auch weil die tierproduktfreie Lebensweise für sie mit einem bestimmten Blick auf die Welt einhergeht. Jetzt erleichtern ihnen die Gemeinsamkeiten den Alltag: keine Käse- oder andere Kompromisse. Keine vorwurfsvollen Blicke am Abendbrottisch.

Plädoyer für Offenheit und Toleranz

Wer nicht gern auf Hardcore-Festivals geht, wer auch nicht wochenlang in seinen besten Kunstlederschuhen im veganen Supermarkt herumschleichen möchte, in der Hoffnung dort auf einen attraktiven Gleichgesinnten zu treffen, für den gibt es inzwischen die passende Infrastruktur, um dem Zufall auf die Sprünge zu helfen: Der VEBU, der Vegetarierbund Deutschland, veranstaltet Single-Dinner und Speed-Datings für Veganer. Es gibt spezielle Partnerbörsen wie Gleichklang und jede Menge Gruppen auf Facebook, die die Partnersuche erleichtern sollen.

Dennoch: Dass die Beziehung zwischen Zoe Eisenberg und ihrem College-Freund letztlich scheiterte, lag keineswegs am Käse. Auch nicht am Steak. Sie passten einfach nicht zusammen. Das Buch „The Lusty Vegan“ ist im Grunde ein Plädoyer für Offenheit und Toleranz, und diese Eigenschaften sind in einer Beziehung stets gefragt. Veganismus hin oder her.

Schließlich gibt es kaum einen schöneren Grund, Kompromisse einzugehen. Wie bei Charis und Valentin: Sie lernten sich in der Schule kurz vor den Abiturprüfungen kennen. Als sie bereits ein Jahr zusammen waren, entschloss sich Charis, in Zukunft vegan zu leben. Valentin akzeptiert das. Charis wiederum akzeptiert, dass ihm der Braten seiner Oma genauso gut schmeckt wie ihr veganes Curry. Und sie nimmt es hin, dass er sich beim gemeinsamen Essen auch mal Parmesan über die Spaghetti mit Tomatensoße streut. Nur wegen dem bisschen Käse würde sie Valentin bestimmt nicht aufgeben wollen.

Das ist ja das Tolle an der Liebe: dass am Ende – den fein berechneten Algorithmen der Dating-Börsen-Industrie zum Trotz – alles meist ganz anders kommt.