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Berliner Zeitung | Marathon und Neujahrslauf: Berlin ist die deutsche Läufer-Hauptstadt
16. January 2016
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Marathon und Neujahrslauf: Berlin ist die deutsche Läufer-Hauptstadt

Teilnehmer beim Berliner Halbmarathon.

Teilnehmer beim Berliner Halbmarathon.

Foto:

Paulus Ponizak

Vier Männer schieben im Laufschritt einen Tisch auf Rädern neben sich her. Beim alljährlichen Marathon auf der französischen Halbinsel Médoc bekommt man zwar allerlei Kurioses zu sehen – aber vier Läufer mit Tisch? Während einer kurzen Rast des Quartetts hinter einem Weinfeld erschließt sich der Sinn dieser absonderlichen Aktion. Unter dem bis an den Boden reichenden Tischtuch kriecht ein fünfter Läufer hervor und tauscht mit einem der vier anderen seinen Platz, eine unter Tisch und Tischdecke versteckte Liegefläche. Auf der macht es sich stets einer der fünf Läufer bequem, während die anderen vier ihn schieben. Alle paar Kilometer wird gewechselt. Auch eine Möglichkeit, die Strapazen eines langen Laufes zu überstehen.

Allerdings nur anwendbar bei einem Spaßmarathon wie dem an der französischen Atlantikküste, wo nicht nur in Kostümen gelaufen wird, sondern wo an jedem Kilometer auch noch Weinbauern ihre kostbaren Tropfen anbieten, hausgemachte Wurst oder Schokolade und andere Süßigkeiten obendrein. Wer es dann bis Kilometer 40 schafft, kommt auch noch in den Genuss einer Auster, sofern der Magen das verträgt ...

20 Millionen Begeisterte

Doch, wer will das denn, wenn er sich dieser Tage durch die Straßen, Parks und Wälder Berlin quält? Wer läuft, will sich schinden, der will leiden bei Wind und Wetter, der liebt das immer wiederkehrende Spiel, seinen inneren Schweinehund zu besiegen. Wenn der Motor erst einmal läuft, wenn es nirgendwo mehr zwickt und der Körper Endorphine im Übermaß produziert, dann kann Laufen zur schönsten Nebensache der Welt werden.

So müssen es zumindest die 20 Millionen Deutschen empfinden, die nach einer Erhebung des Deutschen Olympischen Sportbundes (DOSB) zu den „Laufbewegten“ gehören. Damit gehört Laufen neben Schwimmen und Radfahren zu den beliebtesten Einzelsportarten. Das war nicht immer so. Der Sportverband ermittelt die Daten seit 53 Jahren. In dieser Zeit hat es einen rasanten Zulauf zum Laufsport gegeben. Anfangs waren es sogenannte Volksläufe vorwiegend über Distanzen von zehn Kilometern, die nicht nur für Vereinsmitglieder, sondern offen für alle waren.

Viele fanden auch über die Trimm-Dich-Bewegung seit den 1970er Jahren und in den vielen Laufgruppen oder Lauftreffs zum Joggen. Wenig später reichten zehn Kilometer nicht mehr. Der Boom der Marathonläufe in den Innenstädten begann. Allein in diesem Jahr umfasst der Laufkalender des Deutschen Leichtathletikverbandes (DLV) mehr als 3200 Straßen- und Volksläufe bundesweit und viele bekannte internationale Laufveranstaltungen. Unter www.laufen.de kann jeder den passenden Lauf für sich heraussuchen, Trainingspläne studieren und er erhält obendrein Informationen über gesunde Ernährung, Schuhe und Bekleidung.

Berlin ist deutsche Läufer-Hauptstadt. Hier endet das Laufjahr am 31. Dezember mit dem Silvesterlauf und beginnt am 1. Januar mit dem Neujahrslauf. Der scharfe Start ins Laufjahr 2016 erfolgt am 3. April mit dem Berliner Halbmarathon. Den Höhepunkt bildet der Berlin-Marathon am 25. September, mit mehr als 40000 Teilnehmern und rund einer Million Fans am Straßenrand eines der bedeutendsten Straßenrennen der Welt. Das Besondere an dem Lauf: Er ist eine ambitionierte Sightseeingtour durch Berlin und vereint die besten Marathonläufer der Welt mit Tausenden Freizeitläufern. Auch wenn es zermürbend ist, schon nach zwei Kilometern Schilder zu sehen auf denen steht: „Nur noch 40 Kilometer.“

Letztlich ist alles eine Frage der Vorbereitung. Auf meinen ersten Marathon habe ich mich nach Gefühl vorbereitet. Es war eine qualvolle Lektion. Die bitterste Erkenntnis: Selbst nach 30 bis 40 Kilometern wird man von Läufern überholt, denen man nie und nimmer zugetraut hätte, dass sie es überhaupt bis Kilometer zehn schaffen würden. Seither weiß ich, ohne akribische Vorbereitung sind die 42,195 Meter ein unberechenbares Abenteuer.

Maßgeschneiderte Pläne

Ein guter Begleiter in den Wochen und Monaten vor einem größeren Lauf sind Herbert Steffny und Ulrich Pramann mit ihrem Buch „Perfektes Lauftraining“, in dem jeder Laufwillige maßgeschneiderte Trainingspläne für Marathon und Halbmarathon findet. Wer sich danach richtet, erreicht die angestrebten Laufzeit, ohne sich sonderlich quälen zu müssen. Die Qual kommt vorher, wenn es erstmals im Training über 30 Kilometer geht. Ganz wichtig: Das Trinken nicht vergessen. Wem es nicht behagt, einen Spezialgürtel mit mehreren Trinkflaschen zu tragen, kann ja zuvor die Strecke mit dem Fahrrad abfahren und einige Trinkflaschen verstecken. Man muss sie nur wiederfinden.

Das Schöne am Laufen ist, dass man es überall tun kann. „Ich habe immer meine Laufsachen dabei, ob früher auf der Dienstreise, im Urlaub oder beim Besuch von Bekannten irgendwo in Deutschland“, berichtet Wolfgang Paech, ein Laufbesessener. Der 75-Jährige hat bereits 44 Marathonläufe in den Beinen. Allein 34 mal startete er in Berlin, oft unter erschwerten Bedingungen. Seine Elektrogroßhandelsfirma war nämlich jahrelang dafür zuständig, auf der Hälfte der Marathondistanz den sogenannten Halbmarathon-Bogen aufzubauen, ein Metallgerüst verziert mit vielen Luftballons. Paech: „Früh um sieben haben wir den Bogen aufgestellt, kurz vor neun stand ich am Start.“