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Veganer in Berlin: Warum veganes Leben Unsinn ist

Sag mir, was du isst, und ich sage dir, wer du bist: Die Diskussion um unser täglich Fleisch wird mit religiösem Eifer geführt.

Sag mir, was du isst, und ich sage dir, wer du bist: Die Diskussion um unser täglich Fleisch wird mit religiösem Eifer geführt.

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Berliner Zeitung/Hans Richard Edinger

"Eine ethisch konsequente Haltung beginnt erst beim Veganismus", schreibt die Autorin Karen Duve in ihrem Bestseller „Anständig essen“. Angesichts dieser markigen Formulierung liegt die Vermutung nahe, dass eine solche Haltung nicht gerade bequem sein dürfte, sondern zu einer dauerhaften Verkrampfung führen könnte. Konsequente Ethik hat selten etwas mit Bequemlichkeit zu tun, wenn sie nicht gerade darin besteht, konsequent das zu ignorieren, was dem eigenen Wohlbefinden abträglich ist. Die moralische Norm, alles zu vermeiden, was mit „Tierausbeutung“ zu tun hat, klingt jedenfalls eher wie das Gegenteil von „Sorge dich nicht, lebe!“, dem Schlachtruf des Motivationstrainers Dale Carnegie.

Und doch orientieren sich heutzutage viele Menschen an dieser Norm. Allerdings scheinen ihre leidenschaftlichen Versuche, der veganen Moral zu entsprechen, nicht nur von Tierliebe motiviert zu sein. Das Ringen um Konsequenz ist vielmehr schon immer ein beliebter Volkssport gewesen. In religiösen Gemeinschaften wird stets umso erbitterter gerungen, je schwieriger die Gebote zu erfüllen sind. Der Veganismus eignet sich deshalb hervorragend dazu, den religiösen Phantomschmerz der Säkularisierten zu lindern. Gott spielt zwar nicht mehr die Hauptrolle, dafür wird um das Tier als „Mitgeschöpf“ ein Tanz aufgeführt wie ums Goldene Kalb.

Unerfüllbare Gebote fördern den Fanatismus, weil jeder jeden mit Recht der Inkonsequenz und Häresie beschuldigen kann. Wer dabei am lautesten den Inquisitor gibt, hat gewonnen. Das hat schon im Christentum prima funktioniert. Dessen Gebot, Hinz und Kunz zu lieben, hat die Lieblosigkeit in der Welt möglicherweise mehr vorangebracht als der Vorschlag, Hinz und Kunz lediglich zu achten.

Veganismus erhebt sich selbst zur Religion

Die meisten Religionen kennen Speiseverbote und -tabus, die stets listig umgangen werden. Der Biber galt als Fisch und durfte in der Fastenzeit gegessen werden. Wasserbüffel werden in Indien nicht als Rinder anerkannt und entgehen damit zwar ihrer Heiligsprechung, aber nicht dem Metzger. Der Veganismus macht nun einfach das Speiseverbot selbst zur Religion. Die in Religionen häufig anzutreffende Selbstzerfleischung und Zerfleischung anderer wird so zum Hauptzweck der Moralertüchtigung.

Wer also – wie Karen Duve – die konsequent ethische Position bezieht, dass Fleischesser sowie Vegetarier, die Milchprodukte und Eier auf dem Speiseplan behalten, moralisch gar nicht erst mitspielen dürfen, wird sich seinerseits vor den Frutariern rechtfertigen müssen, die nur essen, was die Pflanzen freiwillig hergeben. Die Frutarier geraten gegenüber den Lichtköstlern ins moralische Hintertreffen, weil diese nur von den Strahlen der Sonne leben. Lichtköstler wiederum müssen sich im Vergleich zu Hungerkünstlern – die im dunklen Loch hausen, um Tieren nicht die Sicht zu nehmen – arg verfressen vorkommen.

Leicht sei diese Lebensweise,davon schwärmen vegane Aktivisten, den widrigen Umständen zum Trotz. So empfängt das Portal www.vegan.eu seine Besucher mit der frohen Botschaft: „Es ist so leicht, vegan zu leben.“ Auf www.einfachbewusst.de will ein Autor bereits mit seinen Schlagzeilen überzeugen: 1. Simple Ernährungsregeln, 2. Simples Einkaufen, 3. Simples Kochen, 4. Simples Essengehen, 5. Simple Ethik. Auch die Vegane Gesellschaft Deutschlands e. V. findet alles ganz easy: „vegan zu leben ist heutzutage sehr einfach, sehr lecker, unkompliziert, für ein langes, gesundes vitales leben sehr hilfreich – und für die zukunft unseres planeten von entscheidender bedeutung.“ Sollte jemand Startprobleme haben, nimmt ihn die Tierrechts-Organisation Peta (People for the Ethical Treatment of Animals) gern an die Hand: „Peta hilft Ihnen, Ihren Alltag ganz einfach vegan zu gestalten und liefert Tipps und Tricks rund ums Einkaufen, Kochen und Backen sowie mehr Hintergründe zum genussvollen trendigen veganen Leben.“

Veganismus will Patentlösung aller Weltprobleme sein

Das klingt verlockend, denn leicht will es schließlich jeder haben. Der Veganismus verspricht, Gemüt, Gewicht und Gewissen gleichermaßen zu erleichtern. Was gibt es Praktischeres, als den profanen Kleinkrieg gegen Krähenfüße und Speckröllchen mit dem internationalen Kampf gegen das Tierleid zu verbinden? Dass man ausgerechnet mit seinen Ernährungsmarotten für die Zukunft unseres Planeten von entscheidender Bedeutung sein könnte, ist gewiss eine äußerst erhebende Vorstellung.

Deshalb haben Vegetarier den Fleischverzicht schon immer als Patentlösung aller Weltprobleme ausgegeben: „Ich weiß, daß das Fleischessen die Angel ist, woran alles Übel hängt, und daß, wer von ihr läßt, auch von den anderen Naturwidrigkeiten sich früher oder später, schneller oder langsamer, befreien wird“, schreibt 1889 der Naturphilosoph und Prediger Johannes Guttzeit in der Zeitschrift Der Vegetarier. Praktisch, wenn man alle seine schlechten Gefühle auf eine Gruppe von Menschen projizieren kann: die Fleischesser, die Tierausbeuter.

Es drängt sich allerdings der Verdacht auf, dass die „Leichtigkeit“, von der die Aktivisten schwärmen, unbewusst vom Jenseits aufs Diesseits verlagert wird. Wahrhaft Gläubige verzichten gern auf irdische Genüsse, weil im Jenseits dann ja der gerechte Lohn für alle Entsagungen gezahlt wird. Je standhafter man der Sünde widersteht, desto leichter werden angeblich die Zumutungen des Alltags. Der versprochene „Zuwachs an Lebensfreude“ ähnelt allerdings dem der Zeugen Jehovas, die sich darauf freuen, nach dem Weltuntergang ganz groß rauszukommen.

Von anerkannten Ethikern und solchen, die es werden wollen, werden die Veganer seit Jahrzehnten moralisch unterstützt. Tierrechtler versichern in ihren Publikationen regelmäßig, dass es gar keine Notwendigkeit gebe, Tiere für menschliche Zwecke um die Ecke zu bringen. So meint etwa der kanadische Politikwissenschaftler und Philosoph Will Kmylicka: „Wir müssen uns fragen, ob unsere heutige Gesellschaft die Möglichkeit hat, ihre Mitglieder zu ernähren, ohne Tiere zu töten. Und diese Frage ist eindeutig mit Ja zu beantworten.“ Auch die Berliner Philosophin Friederike Schmitz von der Humboldt-Universität behauptet steif und fest: „Schließlich brauchen wir keine Tierprodukte, um gesund und gut zu leben.“

Tiere sollen Staatsbürger werden

Die Tierethikerin Ursula Wolf hatte sich vor mehr als 25 Jahren noch listiger ausgedrückt als die Koryphäen, die heute den Diskurs bestimmen. In ihrem Standardwerk „Das Tier in der Moral“ heißt es lediglich: „Wir können leicht ganz ohne Fleisch existieren.“ Von Eiern und Milch ist in dieser Formulierung keine Rede, geschweige denn von „tierischen Produkten“. Folgerichtig wird in dem Buch für eine vegetarische und nicht für eine vegane Lebensweise plädiert.

Dass aber der Planet bei allgemein praktiziertem Vegetarismus rasch mit Hühnern und Rindern vollgeparkt wäre, steht nicht im Mittelpunkt tierethischen Räsonnements. Die Koppel von ARD-Tierärztin Dr. Mertens reichte ebenso wenig aus wie diverse Kuh-Altersheime oder Gnadenhöfe fürs gerupfte Federvieh. Man müsste die überzähligen Tiere am Ende doch töten und verwerten. Der Verzehr böte sich als eleganteste Lösung geradezu an. Wie man Ackerfrüchte vor den sich explosionsartig vermehrenden wilden Pflanzenfressern schützen will, wenn diesen das vegane Lebensrecht zugestanden wird, steht auch in den Sternen.

Statt über derlei Petitessen nachzudenken, machen Veganer lieber Will Kmylickas Forderungen zum Fundament imposanter Moralkathedralen, in denen Tier und Mensch gemeinsam Loblieder der Mitgeschöpflichkeit singen. Kmylicka will Tiere sogar zu Staatsbürgern erklären, Bürgerrechte inbegriffen, und entwirft eine kühne Architektur für künftige Gesellschaften („Zoolopolis“).

Bei Widerstand wird es ungemütlich

Im Dienste des Weltfriedens,meinen manche seiner Kollegen, müsste man dann erstmal alle Raubtiere abschaffen. Weil diese so unbelehrbar garstig seien. Andere wiederum vergöttern Wölfe, Bären, Löwen oder Tiger – und sind vom Schicksal ihrer knuddeligen Beutetiere ungerührt. Soll man nun Wölfe ansiedeln oder nicht? Wölfe vergrößern das Tierleid von Bambi, Lämmchen, Zicklein, Kälbchen. Solche Probleme werden im tierethischen Diskurs mit Ausdauer hin- und hergewälzt, das wohlige Schwelgen in Utopien ist für die Beteiligten derart berauschend, dass ihnen die komplette Veganisierung des Planeten schon so dicht vor Augen steht wie das Reich Gottes den Urchristen. „Wolf und Lamm sollen weiden zugleich, der Löwe wird Stroh essen wie ein Rind, und die Schlange soll Erde essen.“ (Jesaja 65: 25) Alles ganz easy.

Aufgrund ihres messianischen Motivationsüberschusses werden viele Befürworter der veganen Lebensart ungemütlich, sobald man ihnen auf ihrem Weg ins Glück nicht zu folgen gedenkt. Bereits die biederen Vegetarier des 19. Jahrhunderts konnten überhaupt nicht begreifen, dass die Arbeiter not amused waren, als man ihnen Fleisch, Alkohol, Tabak und Sex madig machte und ihr Leben mittels reiner Pflanzenkost verschönern wollte, bei gleichzeitiger Lohnkürzung, versteht sich. Messerscharf wurde schon damals geschlossen, „daß die Bekehrung zum Vegetarismus von oben herab und nicht von unten herauf erfolgen müsse“, wie sich ein H. Milbrodt in besagter Zeitschrift Der Vegetarier äußerte.

Auch heute kennen viele Prediger des Fleischverzichts nur eine Blickrichtung, nämlich die von oben herab. Sie sind empört, dass es bockige Bürger gibt, die nicht bereit sind, zugunsten des veganen Seelenheils auf Burger zu verzichten. Dies könne nur an gesellschaftlicher Indoktrinierung liegen. Doch dass viele Bürger trotz des medialen Trommelfeuers skeptisch bleiben, spricht für ihre Restvernunft. Denn anders als die Propagandisten behaupten, ist eine vegane Lebensweise keineswegs leicht zu praktizieren, sondern bloß leicht zu fordern. Der Hype um Vegetarismus und Veganismus beruht seit jeher nur darauf, dass Letzteres mit Ersterem verwechselt wird.

Pfad zur Erleuchtung mit Tierleichen gepflastert

Ein Blick aufs Kleingedruckte verrät bereits, dass mit den Versprechen von Tierethikern, Tierrechtlern und Veganern etwas nicht stimmen kann. Die Reklame der Aktivisten folgt nämlich stets demselben Muster: „Vegane Lebensweise ist so einfach! Man braucht nur …“ Und dann folgt eine lange Liste dessen, was „für den Anfang“ zu beachten sei. Der Bund für vegane Lebensweise empfiehlt zum Beispiel Folgendes: „Die ersten Schritte der veganen Lebensweise sind tatsächlich simpel: man lässt alle offensichtlichen Tierprodukte weg. Erst aus der Ernährung: Fleisch, Fisch, Eier und Milchprodukte sowie Honig. Wer neben der persönlichen Gesundheit noch mehr für andere Tiere und die Umwelt tun möchte, verzichtet als nächstes auf Leder, Wolle, Seide – kurz gesagt auf Materialien, die aus Tieren hergestellt werden.“

Das ist in der Tat ganz leicht … dahingesagt. Manche Novizen mögen sich noch fragen, ob es der Gesundheit zuträglich sein kann, alle „offensichtlichen Tierprodukte“ von heute auf morgen wegzulassen. Doch wer schon bei solchen Kinkerlitzchen schwächelt, gilt in veganen Kreisen als Totalversager. Denn der Verzicht auf all diese Produkte ist nach Ansicht der fortgeschrittenen Adepten in Wirklichkeit ein Zuwachs an Lebensfreude. Dass ein Verzicht kein Verzicht sei, sondern dessen Gegenteil, gehört zu den vielen Kapriolen veganer Logik.

Begreifen müssen Novizen nun nur noch, dass Gesundheitsexperten, die Kindern, Senioren, Kranken, Schwangeren und Pubertierenden vom Veganismus abraten, allesamt von der Fleischlobby geschmiert sind. Und dass der italienische Richter, der jüngst in einem Sorgerechtsstreit eine vegane Mutter dazu verurteilt hat, ihrem Sohn dreimal pro Woche Fleisch zu servieren, nicht etwa verantwortungsbewusst handelt, sondern sich als Scherge des Schweinesystems entpuppt.

Der Weg zur Erleuchtung ist jedoch für alle mit Tierleichen gepflastert. Jedes elektronische Gerät der Erde enthält Kupferverbindungen, die mithilfe von Knochenleim aus Schlachtabfällen hergestellt wurden. Jedes Krankenhaus, jede Arztpraxis benötigt den Blutverdünner Heparin, der aus dem Darmschleim von Schweinen gewonnen wird. In Biosprit sind nicht nur tierische Fette enthalten, sondern er ist, wegen der Brandrodungen, auch daran schuld, dass der Regenwald mitsamt Artenvielfalt vernichtet wird.

Der Mensch muss Tiere töten, um sich zu ernähren

Die Liste unveganer Stolpersteine ist schier unendlich. Und vor allem: Zu den meisten Produkten gibt es bis heute keinerlei Alternative. Jedes elektronische Gerät ist unvegan bis ins Innerste. Aber auf Elektronik zu verzichten, ist offenbar für die im Internet gut vernetzten Aktivisten alles andere als leicht. Wer könnte denn dann noch ihre Heilsbotschaften empfangen?

Jetzt heben sie den Zeigefinger, die philosophisch Gewitzten, und legen dar, dass man aus der puren Tatsache, dass etwas existiert, nicht folgern kann, dass es auch existieren sollte. Freilich wäre es theoretisch schön, wenn die Menschen nicht auf „Tierausbeutung“ angewiesen wären. Wer findet schon Tierversuche schön? Doch bisher haben letztere den Status notwendiger Übel, die dazu dienen, noch größere Übel für die Menschheit zu verhindern. Ein bei Tierrechtlern besonders beliebter Fehlschluss ist der vom Können aufs Sollen. Die Tatsache, dass „wir“ theoretisch auf Tierversuche verzichten können, bedeutet nicht, dass „wir“ es auch sollten. Man kann auch auf Anstand oder Körperpflege verzichten, ist aber deshalb noch lange nicht moralisch dazu verpflichtet.

Über das Ausmaß notwendiger Übel sind sich selbst die Fachethiker selten im Klaren. Will Kmylicka antwortet in einem Interview einmal auf die Frage, was er gestern gegessen habe: „Oh, meine Frau und ich waren bei unserem Lieblings-Japaner und hatten unser übliches veganes Menü dort.“ Dass er oder seine Frau ihren Lieblingsjapaner gefragt hätten, ob die Pflanzen des veganen Menüs auch vegan produziert wurden, nämlich ohne organischen Dünger des Viehs, darf bezweifelt werden. Ferner wäre die Frage berechtigt gewesen, ob der Lieblingsjapaner das Gemüse vor gefräßigen Nagern zu schützen pflegt, indem er sie ungalant ins Jenseits befördert. Falls nicht, müsste sein Lokal augenblicklich aus Hygienegründen geschlossen werden.

Besteht die Möglichkeit, sich zu ernähren, ohne Tiere zu töten? Kmylickas Frage ist eindeutig mit Nein zu beantworten. Erstens müssen Lebensmittel jetzt und in jeder vorstellbaren Zukunft gegen Acker- und Lagerschädlinge geschützt werden. Zweitens wird das Obst, Gemüse und Getreide, welches die Veganer verzehren, mit den Hinterlassenschaften des Viehs gedüngt, das die Tierrechtler weitgehend abschaffen wollen.

Vegane Landwirtschaft ist Raubbau

Für pflanzliche Lebensmittel müssen Myriaden Schermäuse, Wühlmäuse, Feldmäuse, Feldhamster, Eidechsen, Ratten, Vögel, Wildschweine, Rehe grausam getötet werden. Ferner weiß man bekanntlich seit Darwin, dass Humus, Kompost und Ackererde unter anderem durch zahlreiche Würmer gebildet werden, die natürlich bei der Bodenbearbeitung millionenfach sterben. Doch die Wirbellosen, welche immerhin 95 Prozent aller Arten ausmachen, sind für viele Tierethiker bloß „niedere Tiere“, die man ruhig malträtieren kann.

Wer also im veganen Supermarkt seine Ersatzprodukte erwirbt, kauft mitnichten tierleidfreie Ware. Das V-Label der European Vegetarian Union berücksichtigt alle möglichen Kriterien, doch es findet sich nicht der geringste Hinweis, ob bei der Produktion der Waren tierischer Dünger verwendet wurde oder nicht. De facto lassen sich die Veganer also in unserer heutigen Gesellschaft von viehhaltenden Landwirten durchfüttern. Anstatt diesen aber dankbar zu sein, strafen sie ihre Ernährer mit tiefster Verachtung, beschimpfen sie als Tiermörder und Sklavenhalter.

Vegane Landwirtschaft ist Raubbau,weil sie den Nährstoffkreislauf der Böden unterbricht. Die Modelle, die Veganer gerne präsentieren, taugen bisher nur dazu, eher sieben als sieben Milliarden Menschen satt zu machen. Was man den Flächen an Nährstoffen entzieht, muss in anderer Form wieder auf die Flächen zurück. Menschliche Fäkalien, die man früher verwendete, kommen heute unter anderem aus hygienischen Gründen dafür nicht mehr infrage, vegan sind sie auch nicht. Die Landwirtschaft müsste intensiviert werden, weil die landwirtschaftlich nutzbare Fläche viel kleiner wäre. Da aber kein Dünger aus Viehhaltung zur Verfügung stünde, müsste Mineraldünger verwendet werden, der als endliche Ressource schnell verbraucht wäre. Verzichtete man darauf, brauchte man irgend eine Form der Brache, um pflanzlichen Dünger herzustellen. Diese Flächen fehlten dann noch zusätzlich, die Erträge wären minimal.

Wer allen Ernstes behauptet, Landwirtschaft könne in unserer heutigen Gesellschaft auf Viehnutzung verzichten, ohne Hunger und Not zu produzieren, ist nicht von dieser Welt.

Der Mensch kann nicht zu 100 Prozent vegan leben

Obwohl der Veganismus also angeblich leicht zu praktizieren ist, müssen selbst seine größten Verehrer an einem bestimmten Punkt einräumen, dass er doch sehr schwierig zu praktizieren ist. Der Bund für vegane Lebensweise gibt immerhin zu, „dass es unmöglich ist, in unserer heutigen Welt zu 100 Prozent vegan zu leben.“ Was es überhaupt heißen soll, zu 100 Prozent vegan zu leben, erfährt man ebenso wenig wie die Maßeinheit, mit der man den Reinheitsgrad der betreffenden Lebensweise bestimmen könnte.

Dabei liegt die Antwort auf der Hand: 100 Prozent veganes Leben ist hundertprozentige Nichtexistenz, sofern „veganes Leben“ bedeutet, durch seine Aktivität keinerlei Tierleid und -tod zu verursachen. Echte Veganer kann es also nicht geben. Aufgrund dieser Kalamität versteht die Vegan Society unter „vegan“ eine Lebensweise, welche dadurch gekennzeichnet ist, „soweit wie möglich und praktisch durchführbar, alle Formen der Ausbeutung und Grausamkeiten an Tieren für Essen, Kleidung oder andere Zwecke zu vermeiden“.

Logisch gesehen lässt sich dies nicht auf 100 Prozent skalieren. Man kann nicht sinnvoll sagen: „Ich lebe zu 100 Prozent so weit wie möglich und praktisch durchführbar so, dass ich jegliche Form der Ausbeutung von Tieren vermeide.“ Daher ist die vom Bund für vegane Lebensweise getroffene Aussage purer Nonsens. Jede Lebensweise könnte als irgendwie vegan gelten, weil in der Floskel „soweit wie möglich und praktisch durchführbar“ ein ganzes Universum definitorischer Willkür Platz findet.

Wenn jemand einen Eintopf aus 800 Gramm Wasser und Gemüse kocht, in dem 100 Gramm Speck und 100 Gramm Knackwurst enthalten sind, kann er seine Suppe als zu 80 Prozent Prozent vegane Mahlzeit ausgeben, sofern er beteuert, dass es ihm beim besten Willen nicht möglich war, auf die läppischen 200 Gramm tierischer Produkte zu verzichten. Warum sollte ein solcher Mensch moralisch schlechter dastehen als ein Tierrechtler, der zwei Handys und drei Laptops hat, Biosprit tankt und in der Weltgeschichte herumjettet?

Es gibt nicht nur keine zu 100 Prozent vegane Lebensweise. Die vegane Lebensweise ist als solche hundertprozentig ein Phantom.

„Don’t Go Veggie!“: Der Autor hat zusammen mit Udo Pollmer und Georg Keckl das Buch „Don’t Go Veggie! 75 Fakten zum vegetarischen Wahn“ geschrieben. Hirzel-Verlag, Stuttgart 2015. 222 S., 19,80 Euro.