blz_logo12,9

Gesundheitsversorgung in Gaza: Operation geglückt, Reha erfolgreich

Am Übergang in Rafah warten dieser Vater und seine Tochter auf Durchlass. Vergeblich, die Grenze ist geschlossen – wie fast immer. Vor zweitausend Jahren war es offenbar einfacher als heute, von Palästina nach Ägypten zu gelangen.

Am Übergang in Rafah warten dieser Vater und seine Tochter auf Durchlass. Vergeblich, die Grenze ist geschlossen – wie fast immer. Vor zweitausend Jahren war es offenbar einfacher als heute, von Palästina nach Ägypten zu gelangen.

Foto:

REUTERS/Ibraheem Abu Mustafa

GAZA-STADT -

Diese Geschichte beginnt mit einem Happy End, was in Gaza selten genug vorkommt. Der Junge, von dem sie handelt, ist elf Jahre alt und heißt Mohammed Shokry – ein schmales Kerlchen mit einem breiten Lachen.

Nervenaufreibende Monate fern seiner Familie lagen hinter ihm, als er endlich wohlbehalten heimkehren konnte. An diesen denkwürdigen Tag erinnert das Willkommensplakat an der Wohnzimmerwand, das von gezeichneten Blumen und Vögeln umrankt ist.

Die Erleichterung steht Mohammed und seiner Mutter Manal ins Gesicht geschrieben, wenn sie Besuchern von seiner Odyssee erzählen. Wegen eines Tumors im Bauchraum, der versteckt unter Leber und Niere lag, war der Junge am 8. September, keine zwei Wochen nach Ende des Gaza-Krieges, zur Behandlung nach Deutschland geschickt worden. Die Vereinigung deutsch-palästinensischer Ärzte und Apotheker Berlin-Brandenburg hatte in Kooperation mit dem Internationalen Friedensdorf die Reise für ihn und 29 weitere junge Patienten aus Gaza, unter ihnen kriegsverletzte Kinder, organisiert. Angehörige durften nicht mit, dafür hätten die Spendengelder nicht gereicht, von Visa-Problemen ganz zu schweigen.

In Düsseldorf behandelt

Die Kinder wurden auf Krankenhäuser in Berlin, Düsseldorf und Tübingen verteilt. „Ich habe einfach den deutschen Chirurgen vertraut“, sagt Mutter Manal. Ihr Mann Bakir Shokry ist selber Arzt und hatte die Einwilligungserklärung unterschrieben. Alles ging gut, die OP verlief glatt. Ansonsten war wenig aus Düsseldorf in Gaza zu erfahren. Um Heimwehanfällen vorzubeugen, hatten die Betreuer den Eltern geraten, möglichst nicht anzurufen. Mohammed kam damit klar. Auf der Kinderstation und im Reha-Zentrum des Friedensdorfes habe ihm alles gefallen, berichtet er strahlend, vor allem die Süßigkeiten wie Kinderschokolade.

Das eigentliche Abenteuer begann erst dann. Denn als Mohammed mit sechs anderen geheilten Kindern am 27. Oktober den Heimflug antrat und in Kairo landete, erfuhr er, dass die ägyptische Hauptstadt für sie alle vorerst Endstation sein würde. Denn zwei Tage zuvor hatte die Regierung angeordnet, in Rafah wieder einmal den einzigen Grenzübergang vom ägyptischen Sinai in den Gazastreifen zu schließen. Sie reagierte damit auf einen der blutigsten Angriffe, die Dschihadisten der zu Al-Kaida gehörenden Gruppe Ansar Beit al-Makdis bislang im Sinai verübten. 33 Soldaten waren getötet worden. „Ausländische Hände“ seien bei dem Überfall im Spiel gewesen, erklärte damals Präsident Abdel Fattah al-Sisi – ein Vorwurf, der auf die Hamas in Gaza und ihren bewaffneten Arm, die Kassem-Brigaden, gemünzt war.

Einen ganzen Monat lang, bis zum 27. November, saßen die Kinder in Kairo fest. Palästinensische Botschaftsangehörige holten sie gelegentlich zu Ausflügen ab. „Aber ich hatte Angst, nicht mehr nach Hause zu kommen“, gesteht Mohammed leise. Seine Mutter seufzt, in dieser Zeit verging sie fast vor Sorgen um ihren Sohn. Als dann die Grenze für zwei Tage geöffnet wurde – nur in Richtung Gaza allerdings, denn herausgelassen wurde niemand –, „da fühlte ich mich, als wüchsen mir Flügel“, sagt Manal.

Tausende Palästinenser nahmen an dem Ansturm auf Rafah teil, vom Sinai aus und von Gaza, wo viele Familien wie die Shokrys stundenlang ausharrten, um endlich ihre Lieben in die Arme schließen zu können. In nicht wenigen Fällen geriet die Heimkehr zu einem dramatischen Wettlauf mit der Zeit, galt es doch, rechtzeitig die Grenze zu erreichen, ehe sie sich wieder schließen würde. Aschraf Abu Mahdi etwa, Direktor der Pharmazieabteilung im palästinensischen Gesundheitsministerium, war gerade wegen einer Konferenz in Berlin, als ihn der Anruf der palästinensischen Vertretung erreichte, er möge alles stehen und liegen lassen. Drei weitere Kinder nach Gaza zu bringen, die in deutschen Kliniken behandelt worden waren, habe Vorrang.

Abu Mahdi ist gelernter Apotheker, kein Psychologe. Die fremden, teils traumatisierten Kinder im Alter von vier, sieben und zehn Jahren abzuholen und, weil keine anderen Tickets zu haben waren, mit ihnen von Düsseldorf via Istanbul nach Kairo zu fliegen, war logistisch wie emotional eine Herausforderung. Der älteste Junge hatte bei einem israelischen Bombenangriff multiple Verletzungen davongetragen und nicht nur mehrere Finger, sondern auch seinen Vater verloren. Der Siebenjährige ging an Krücken. Der Vierjährige saß den ganzen Flug über stumm und starr auf seinem Platz und brachte erst auf der letzten Etappe im Bus die Worte heraus, er wolle zu seiner Mama. „Als wir schließlich die Empfangshalle in Rafah erreichten“, berichtet Abu Mahdi, „flossen bei allen die Tränen.“

Doch es gibt abertausend andere Palästinenser, die auf einen solchen glücklichen Ausgang bislang vergeblich hoffen. Denn nur zwei Mal noch öffnete sich seither das Grenztor in Gaza, zuletzt am Sonntag, und abermals war es nur für 48 Stunden. Hunderte Patienten mit komplizierten Verletzungen oder Krankheiten, die in arabischen Ländern oder in Europa behandelt werden sollen, kommen nicht heraus aus Gaza. Wer gesund ist und aus beruflichen oder privaten Gründen ausreisen möchte, hat erst recht keine Chance. Rafah, Gazas Tor zur Welt, ist überwiegend verschlossen.

„Wir hatten gehofft, dass das Leben nach dem Krieg normaler würde“, sagt Mahmud Aburahme. „Jetzt überkommt viele wieder die Verzweiflung.“ Aburahme ist in Gaza-Stadt als Bürgerrechtler bekannt. Zusammen mit Issam Junis, dem Chef der Organisation Al Mezan – übersetzt: Die Waage –, wird er häufig nach Europa eingeladen. Nach einer elftägigen Vortragsreise verbrachten die beiden Männer dreißig weitere Tage wartend in Kairo, weil die Heimkehr über Rafah versperrt war. „Es ist nicht gerade ein Vergnügen, zum Bleiben gezwungen zu sein, wenn du nur noch nach Hause willst, das Geld ausgeht und du ständig nach billigeren Hotels Ausschau hältst“, sagt Aburahme trocken.

Noch ein zweiter Weg führt nach Gaza: der Grenzübergang Eres nach Israel. Er ist an fünf Tagen pro Woche für je acht Stunden geöffnet. Aber Passierscheine werden nur Geschäftsleuten, Mitarbeitern anerkannter Hilfsorganisationen oder eben auch Patienten nach einem strengen Prüfungsverfahren erteilt. Das Gros der palästinensischen Bevölkerung ist davon ausgenommen. Sie fühlt sich in Gaza, diesem gerade 45 Kilometer langen und vielerorts kriegsverwüsteten Küstenstreifen, mehr denn je wie in einem „Gefängnis mit Meerblick“.

Nicht nur die nach dem Kriegsende erhoffte Reisefreiheit ist ausgeblieben. Auch der Wiederaufbau lässt trotz internationaler Finanzierungszusagen über fünf Milliarden Dollar auf sich warten. Gerade einmal 287 Lkw mit Zement und Stahlträgern kamen laut Oxfam im November über die Grenze – ein Bruchteil des Bedarfs. Um den rund 100 000 Ausgebombten im Gazastreifen eine dauerhafte Bleibe zu verschaffen, wäre eine zügige Abfertigung von Baustoffen an offenen Grenzen nötig.

Doch für Ägypten hat der Bau einer Pufferzone an der Grenze Vorrang. Dazu gehört ein Wasserkanal, um das Graben neuer Schmuggeltunnel zu verhindern. Die Ende Oktober in Kairo angesetzte Konferenz, die Gaza eine Zukunftsperspektive geben und den Waffenstillstand absichern sollte, wurde auf unbestimmte Zeit vertagt.

Warten auf den Passierschein

Ägypten blockt ab. „Und Israel macht nur auf, um Druck abzulassen“, sagt Aburahme. Nach Recherchen von Al Mezan wurden seit August mehr als 2 000 Anträge auf Überweisung in Krankenhäuser außerhalb des Gazastreifens abgelehnt. Andere Patienten warten noch auf einen Bescheid.

Hassan Abu Mteir etwa ist von Geburt an auf dem linken Auge so gut wie blind. Er leidet an einer extremen Hornhautverkrümmung, die in Ramallah im Westjordanland operativ korrigiert werden soll. Falls das gelingt, will er Elektronik studieren. „Dazu muss ich auf beiden Augen sehen könnten“, sagt er.

Der israelische Inlandsgeheimdienst Schin Beth hat den 23-Jährigen schon vor einem halben Jahr zum „Interview“ in Eres einbestellt, eine gängige Prozedur im Genehmigungsverfahren. „Zwei Stunden lang haben sie mich ausgefragt, etwa ob mein Bruder bei der Hamas sei, was ich verneint habe“, erzählt Abu Mteir. Seitdem habe er von den Israelis nichts mehr gehört.