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Gewalt und Christentum: Die Bibel steckt voller Gewaltpotenziale. Eigentlich müsste sie zensiert werden: Das Waffenarsenal der Heiligen Schrift

Die ältesten Christen waren Juden und betrachteten das "Alte Testament" als heilige Schrift und Wort Gottes. Den darin bezeugten Gott Israels, Jahwe, hielten sie für Jesu himmlischen Vater, der auch ihr Vater war. Innerhalb weniger Jahrzehnte schlossen sich zahllose Griechen der christlichen Bewegung an.Zwar hatten Juden zahlreiche Berührungspunkte mit der griechisch-römischen Welt, doch besaßen sie durch den Glauben an Jahwe, der Israel als sein Volk erwählt hatte, eine eigene Identität. Daher wird eine sachgemäße Beschäftigung mit Themen des frühen Christentums zunächst immer einen Blick auf das Judentum werfen.Das erste Gebot mit seiner Forderung, allein Jahwe anzubeten und keinen anderen Göttern zu dienen, prägt - ebenso wie die Androhung und Durchführung von schweren Strafen im Falle des Ungehorsams - über weite Strecken das "Alte Testament", so wie es uns heute vorliegt.Als Mitte des Alten Testaments gilt vielen das 5. Buch Moses. Seine priesterlichen Verfasser sehen sich als Werkzeuge Jahwes und fordern eine strenge Kultzentralisation, die Reinheit des Kultus sowie die rigorose Abgrenzung von anderen Völkern. Gekoppelt mit dem Gedanken der Einheit und Reinheit des Kultus ist die Doktrin der Erwählung. Als Kehrseite davon herrscht nach außen die Abgrenzung und ein rituell begründeter Hass gegen alles vor, was nicht zu Israel gehört.Diese Absonderungsideologie entwickelten Theologen im babylonischen Exil (587-539 v. Chr.) weiter und kehrten sie konsequent gegen alle, die nicht zur reinen Kultgemeinde gehörten. In ihr wurzelt die gedanklich vollzogene Ausrottung aller Kanaanäer, wie sie in Geschichten von der Eroberung des Westjordanlandes zum Ausdruck kommt; in ihr ist auch Psalm 137 zu Hause, der Rache fordert: "An den Flüssen Babylons saßen wir und weinten. ... Tochter Babylon, du Elende, wohl dem, der dir vergilt, was du uns angetan hast. Wohl dem, der deine jungen Kinder nimmt und sie am Fels zerschmettert!"Nachdem Alexander der Große (356-323 v. Chr.) ein Weltreich geschaffen hatte, das durch die Einheit der griechischen Sprache, Sitte und Bildung zusammengehalten wurde, schien es einen Augenblick so, dass Israel dieser globalen Welt auf Dauer beitreten würde. Tatsächlich führten jüdische Kreise um 170 v.Chr. die gymnasiale Bildung in Jerusalem ein, machten die Welthauptstadt der Juden zu einer griechischen Polis und vollzogen im Tempel die Gleichsetzung von Zeus und Jahwe. Ihnen ging es um eine Art übernationaler Gottesidee, die in der Überzeugung wurzelte, es sei gleichgültig, unter welchem Namen man Gott anruft.Fromme Juden meinten hingegen, all das sei eine Perversion des Glaubens Israels, denn an die Stelle Gottes sei ein Nicht-Gott getreten. Sie griffen zu den Waffen und errangen nach jahrzehntelangen Kämpfen die politische Unabhängigkeit, bis die Römer ein knappes Jahrhundert später das Intermezzo eines jüdischen Staates beendeten. Die jüdische Religion aber blieb. Sie "war die einzige des Orients und der hellenistischen Welt, in der die Verehrung fremder Götter grundsätzlich als Abfall betrachtet und mit dem Tod bestraft werden konnte" (Martin Hengel).Die Kirche ist auf dem Boden des Judentums gewachsen. Von ihm übernahmen die Christen den exklusiven Glauben an Jahwe und das sogenannte Alte Testament als heilige Schrift. Bald fügten sie ihm das Neue Testament als weitere heilige Schrift, als Wort Gottes, hinzu.Die jüdische Mutterreligion gab an ihren christlichen Ableger nicht nur den intoleranten Monotheismus weiter, sondern auch das Bewusstsein, auserwählt zu sein - mit der tragischen Folge, dass die Kirche dieses sehr schnell gegen Israel kehrte und eine Ersatztheorie vertrat. Gott ließ - so die frühen Christen - die Kirche an die Stelle Israels treten, weil es Gottes Sohn nicht aufnahm und dadurch Gottes Erbarmen ausschlug.Das Zentrum des Neuen Testaments ist die Botschaft: Gott hat Jesus von den Toten erweckt und zum Herrn über den Kosmos gemacht. Jesus wird wiederkommen, die Toten lebendig machen, alle feindliche Herrschaft, Gewalt und Macht vernichten und dann die Königsherrschaft dem Gott und Vater übergeben.Christen würden - so meinte man - Anteil an der Gewalt Christi erhalten und am kosmischen Drama, das die Welt in Kürze überziehen werde, aktiv teilnehmen. Der Apostel Paulus sagte seinen Konvertiten sogar, sie würden dann die Welt und Engel richten. Auch Jesus träumte davon, dass ein von ihm ausgewählter Zwölferkreis als Repräsentant des "wahren Israel" das übrige Israel richten und dass seine Predigt die Königsherrschaft Gottes herbeiführen werde. Schließlich berauschte sich der Verfasser der "Offenbarung", Johannes, an den Qualen der Vergeltung, die "Babylon" (= Rom) erleidet.Allmachtsfantasien bestimmen so das Handeln von drei Hauptpersonen des Neuen Testaments. Man geht nicht fehl in der Annahme, dass die jeweiligen Jünger- bzw. Schülerkreise diese gefährlichen Fieberträume noch verstärkt haben.Gewaltpotenziale beherrschen demnach beide Teile der Bibel von vorne bis hinten, sodass deren radikale Abrüstung nötig wäre. Der Status der Bibel als heiliger Schrift hat jedoch bisher ernsthafte Gespräche darüber verhindert, ob etwa ein Großteil des "Wortes Gottes" zu ächten sei. Wir dürfen uns daher nicht wundern, wenn wahnsinnige Christen das Waffenarsenal der Heiligen Schrift weiter einsetzen werden.-----------------------Der Verfasser ist Professor für Geschichte und Literatur des frühen Christentums an der Theologischen Fakultät der Georg-August-Universität Göttingen. Entzogen wurde ihm als "nicht mehr Glaubender" wegen seiner historischen Kritik der Bibel die Lehr- befugnis für sein früheres Fach "Neues Testament". Von ihm stammt zuletzt "Wer war Jesus? Theologische und politische Interventionen, zu Klampen 2011.------------------------------Foto: Tempelritter in der Nähe Jerusalems 1177, Gemälde von Lariviere, 1840Foto: Der Theologe Gerd Lüdemann


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