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Giftgasangriff in Syrien: Schwere Vorwürfe, schwache Belege

29. August 2013: Ein UN-Inspekteur nimmt nach dem Giftgasanschlag bei Damaskus Bodenproben.

29. August 2013: Ein UN-Inspekteur nimmt nach dem Giftgasanschlag bei Damaskus Bodenproben.

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dpa

Istanbul -

Seymour Hersh ist ein legendärer Enthüllungsjournalist. Vor 44 Jahren gewann er den Pulitzer-Preis, die höchste Auszeichnung für Journalisten in den USA, für eine Geschichte über das von US-Soldaten verübte Massaker von My Lai im Vietnamkrieg. Vor zehn Jahren machte er den Folterskandal der US-Armee im irakischen Gefängnis Abu Ghraib bekannt. Jetzt hat der 77-Jährige sich den verheerenden Giftgasangriff im syrischen Bürgerkrieg vorgenommen, bei dem im August 2013 bis zu 1800 Menschen starben.

In einem Artikel für die London Review of Books behauptet Hersh, dass nicht das Assad-Regime, sondern islamistische Rebellen das tödliche Sarin bei Damaskus eingesetzt hätten. Den Kampfstoff habe ihnen der türkische Geheimdienst verschafft, weil die Regierung von Recep Tayyip Erdogan die USA damit zu einem Militärschlag gegen das syrische Regime habe bewegen wollen. Als Präsident Barack Obama davon erfahren habe, habe er auf den Angriff verzichtet. Der Artikel hat erhebliches Aufsehen erregt. Die Regierungen in Washington und Ankara wiesen ihn scharf zurück.

Hersh beruft sich auf einen ehemaligen US-Geheimdienstoffizier in Washington, der ihm erklärt habe, dass US-Dienste die Kommunikation türkischer Stellen nach dem Anschlag abgehört und dabei zur Überzeugung gelangt seien, die Regierung Erdogan sei in den Giftgaseinsatz verwickelt gewesen. Hersh schreibt, der türkische Geheimdienst habe islamistischen Rebellen Sarin geliefert. Mit diesem Gift sei dann die „rote Linie“ überschritten worden, die Obama für einen US-Militäreinsatz in Syrien gezogen hatte. Zwar steht außer Frage, dass die Türkei eine zwielichtige Syrienpolitik betreibt und die Rebellen unterstützt. Aber hat Ankara wirklich Al-Kaida-nahe Gruppen mit Giftgas ausgerüstet? Dafür liefert Hersh keinen belastbaren Beleg. Er beruft sich allein auf Gespräche mit seinem US-Informanten, dessen Namen er nicht nennt. Für derart schwere Vorwürfe ist das zu wenig.

Unterstellungen und Hörensagen

Hersh arbeitet zudem vorwiegend mit Unterstellungen, Aussagen vom Hörensagen und nicht identifizierbaren Quellen. Wird er konkret, sind seine Argumente schwach oder nachweisbar falsch. So schreibt er, dass Al-Nusra-Leute im Frühjahr 2013 in der Türkei mit zwei Kilo Sarin verhaftet worden seien. Das trifft nicht zu. Die Islamisten hatten zwar versucht, Chemikalien zur Produktion von Sarin zu erwerben, doch sie wurden dabei von der türkischen Polizei dingfest gemacht. Die Menge der Chemikalien auf ihrer Einkaufsliste hätte ohnehin nur für die Herstellung weniger Kilo Sarin gereicht. Das Inferno von Damaskus wurde aber internationalen Waffenexperten zufolge durch etwa eine Tonne des Kampfstoffs verursacht.

Es ist keine Kleinigkeit, eine solch riesige Menge Sarin herzustellen. Der Prozess ist teuer, kompliziert und gefährlich, man braucht dafür eine gut ausgestattete Fabrik. Die Türkei produziert keine Chemiewaffen. So ist es zwar höchst unwahrscheinlich, dass eine geheime Produktionsanlage im Land existiert, aber nicht ausgeschlossen – doch Hersh stellt nicht einmal die Frage danach. Außer Acht lässt er zudem die physischen und fotografischen Beweise, die seit der Bombardierung aufgetaucht sind.

Bereits im Dezember, als Hersh zum ersten Mal die These publizierte, islamistische Rebellen hätten das Sarin eingesetzt, unterzog der Journalist Eliot Higgins im Magazin Foreign Policy die damaligen Argumente Hershs einer Prüfung. Er urteilte: „Hersh ist offensichtlich nicht bewusst, dass es ein wachsendes Bündel von Beweisen gibt, das die (offenen) Fragen beantwortet. Viele dieser Beweise kommen direkt vom syrischen Militär – und sie legen sehr stark nahe, dass es Assads Spießgesellen waren, nicht die Rebellen, die den Angriff vom 21. August ausführten.“ Inzwischen ist die Beweiskette nicht nur durch die UN-Ermittlungsergebnisse noch dichter geworden – Fakten, die Hersh schlicht ignoriert.

Zwei Beispiele: Die Chemiewaffen-Sprengköpfe wurden mit Volcano-Raketen aus dazugehörigen Schussvorrichtungen abgefeuert – diese besitzt in Syrien nur das Assad-Regime. Bis heute wurden sie nie bei den Rebellen gesichtet, die ihre Beutewaffen stets stolz im Internet präsentieren. Hersh würdigt das keines Wortes. Das Assad-Regime stellte Sarin erklärtermaßen unter Verwendung einer besonderen Komponente her, womit die bei Damaskus erhobenen Proben übereinstimmen. Hersh aber erwähnt dies überhaupt nicht, obwohl er behauptet, dass bei den Angriffen ein chemisch anderes Sarin benutzt worden sei, als das aus Assads Depots.

Quelle ist ein US-Geheimagent

Seine wichtigste Quelle für Letzteres ist haarsträubend: Ein „russischer Militärgeheimdienstagent“, den Hersh zwar gar nicht selbst befragt hat, aber trotzdem „glaubwürdig“ nennt. Am Ende des Artikels bleibt eine einzige Quelle, die das gesamte Argumentationsgebäude stützen soll – jener „frühere höhere US-Geheimdienstoffizier“, der womöglich nur seine eigene Verschwörungstheorie verkauft.

Dennoch enthält Hershs langer Artikel eine faszinierende Passage, die Insiderwissen verrät. Darin beschreibt er ein Treffen im Weißen Haus zwischen Obama und Erdogan im Mai 2013. Erdogan habe Obama um das Treffen gebeten, weil er mit ihm über die „rote Linie“ reden wollte. Diese sei längst überschritten, warum also greife Washington nicht ein? Wiederholt schnitt Obama dem türkischen Geheimdienstchef Hakan Fidan das Wort ab, weshalb Erdogan mit dem Finger vor Obamas Gesicht herumfuchtelte. Daraufhin fuhr Obama die Gäste an: „Wir wissen, was ihr mit den Radikalen in Syrien macht!“ Er meinte wohl die türkische Waffenhilfe für die syrischen Rebellen. Von Chemiewaffen ist nicht die Rede. Beweise sehen anders aus.


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