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Giftmüll in Pohritzsch: Ein Skandal, der zum Himmel stinkt

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imago/Westend61

POHRITZSCH -

Wäre nur nicht dieses verdammte Licht. Die Buchstaben auf dem Schild am Metalltor mit der Warnung vor dem Hunde sind knochenbleich, die wilden Büsche entlang des Zauns wie beim Dornröschenschloss – ein tiefer Schlaf läge matt auf den sandfarbenen Hallen und minzgrünen Türmen, wären da nicht diese mannsgroßen, silbern blinkenden Glasfaserrollen im Mittagslicht. Sie senden Alarmsignale ans Auge. Irgendwo davor schlummern links und rechts ein paar Hundert Tonnen Giftmüll, wie die Rollen Überbleibsel jener Anlage, die seit drei Jahren verwaist. Mahnmale für alles, was schiefgehen kann, wenn ein Märchen doch nicht wahr wird.

Die Geschichte der S.D.R. Biotec Verfahrenstechnik GmbH aus Pohritzsch ist eine der großen Versprechen. Bis heute spaltet die Firma ein ganzes Dorf – auch weil es seit Jahren trotz Anklage durch die Staatsanwaltschaft nicht zu einer juristischen Aufarbeitung gekommen ist.

Zwölf Jahre lang arbeitete die Firma mit zumeist hochgiftigem Müll, insgesamt über einer Million Tonnen. Die Formel: Durch chemische Reaktionen sollte das Gift „immobilisiert“ werden. Hochproblemmüll verwandele sich mittels Chemikalien und Beimengen wie Braunkohlenasche und Wasser in ungefährlichen Baustoff, hieß es.

Blei liegt in der Luft

Das Geschäft lief gut. Denn Biotec verlangte für die Entsorgung weniger als in der Branche üblich. Die Firma kümmerte sich um Reststoffe aus der Metallurgie und aus den Filtern von Müllverbrennungsanlagen – dem dreckigsten Dreck, der unterirdisch versteckt wird. Eine Tonne in einem Salzstock kostet 100 Euro aufwärts. Biotec nahm dafür 50 bis 60 Euro und für die Lagerung in Deponien fünf bis 25 Euro.

Das gefiel vielen. Die Betreiber der Müllberge nahmen den Baustoff gern für ihre Halden. Die Politiker freuten sich über die Aufträge für die oft übergroßen und defizitären Deponien in Staatshand. Mancher Arbeitslose fand endlich einen Job in der Region und die Kommune mit der Firma einen großen Steuerzahler. Und die Industrie sträubte sich nicht gegen geringere Entgelte für die Abnahme ihres Mülls. Alle schienen dabei zu gewinnen. Fast alle.

Roland Wiesener steht seinem Wohnzimmer, er lugt über die Silberrandbrille durchs Fenster in den Garten. Alles hat seinen Platz dort, keine zehn Autominuten von Pohritzsch entfernt: der englische Rasen, die akkurat gezogenen Beete, die gestutzte Fliederhecke. Nur dieser Störenfried in seinen Beinen und Händen ist nicht bestellt. Ein Kribbeln und Jucken und Stechen; Roland Wiesener greift zu einer Packung Gabapentin, die Schmerzmittel nimmt er dreimal am Tag. Der 56-Jährige ist schwerbehindert, Frührentner. Eine Polyneuropathie greift seine Nerven an, sein Blut hat hohe Bleiwerte. 2012 machte der Delitzscher bei Biotec als einer der letzten Mitarbeiter das Licht aus. 2002, bei seiner Einstellung, habe er als kerngesund gegolten. Dazwischen, sagt er, lägen Drecksjahre.

Er zeigt ein Foto von 2004, daneben mehrere Unterschriften. „Das haben wir Arbeiter dokumentiert, falls die Chefs uns mal auf den Kopf steigen.“ Ein anderes Bild: „Da haben wir auf den Tonnen die Totenköpfe überpinselt und die Abfälle als ‚stabilisiert‘ unbehandelt zur Zentraldeponie in Gröbern bringen lassen.“ Drei bis vier Touren solcher Art habe es pro Tag gegeben.

Zuerst beschwerten sich Anwohner neuer Eigenheime in der Nähe der Anlage über den Lasterlärm. Dann gab es diesen Staub. Er rieselte von den Wagen, bildete eine dünne, graue, zähe Schicht. Fraß sich in Fensterrahmen und Zäune. Mal stank es nach Ammoniak, mal standen bitter riechende rostrote Schlammlachen auf der Straße.

Die Behörden wirkten nicht gerade alarmiert. Der Betrieb werde regelmäßig überwacht, schrieb ein Referatsleiter aus dem sächsischen Umweltministerium 2007 einer Anwohnerin. Bei einem Brief der Landesdirektion Leipzig hieß es 2008, das Material sei erdfeucht und könne nicht stauben. Auf Fotos seien „Staubablagerungen … nicht zu erkennen“. Der damalige sächsische Umweltminister Roland Wöller (CDU) sagte 2008, seit 1999 sei es „zu keinen Abweichungen vom bestimmungsgemäßen Betrieb der Anlagen“ gekommen. Es gebe keine Beschwerden der Bürger. Die Behörden kontrollierten damals nicht die abgeschalteten Förderbänder, den Betrieb der Waschanlage oder die Abdichtungen der Lagerhallen – alles im Umweltverträglichkeitsgutachten 1999 versprochen, das maßgeblich für die Genehmigung der Anlage gewesen war.

Beschwerden perlten an den Behörden ab

Was der Minister und die Briefe von damals nicht erwähnten: Nach Angaben der Umwelt- und Verbraucherschutzorganisation Deutsche Umwelthilfe (DUH) hatten mehrere Deponien Chargen der Biotec zurückgewiesen. Cröbern erließ am 6. Februar 2008 einen Lieferstopp, Spröda lehnte ab dem 14. Juni 2006 alle untersuchten Mengen wegen zu hoher Metallwerte ab, die Deponie „Weißer Weg“ in Chemnitz stellte Ende 2008 die Annahme wegen der Bleiwerte ein. Studien des TÜV Nord und der Uni Leipzig zweifelten generell an der Methode, Giftmüll zu immobilisieren.

Doch Biotec machte einfach weiter. Die Beschwerden der Anwohner und des Bürgervereins Sauberes Delitzscher Land perlten an den Behörden ab. Der Verein bat schließlich Oppositionspolitiker aus Dresden ins Dorf, kontaktierte die DUH. Ihre Fragen erhielten dadurch mehr Gewicht. Die Behörden antworteten dennoch mit maximal zulässiger Langsamkeit. Akten wurden verspätet und mit großen Lücken oder gar nicht herausgegeben, parlamentarische Anfragen schmallippig bearbeitet. Bodenproben wollte keiner nehmen. Noch nicht.

Erst im September 2008 veranlasste das Sächsische Landesamt für Umwelt schließlich dreimonatige Emissionsproben, wegen der hohen Ergebnisse dann für ein ganzes Jahr. Danach wusste man: In Pohritzsch liegt zu viel Blei in der Luft. Und andere Stoffe wie Cadmium, Arsen, Thalium und Nickel auch.

2009 dann die Wende. Plötzlich kontrollierten die Behörden die Firma und stießen auf dem Gelände auf behandelten Müll, der zu viele Schwermetalle enthielt. Die defekte Reifenwaschanlage fiel auf, der ganze Schmutz. Viermal forderte man die Betreiber auf, den Langzeitnachweis für die Sicherheit des behandelten Mülls zu erbringen; vor der Betriebserlaubnis hatten sie 1999 versprochen, dies im Laufe der Jahre einzureichen. Die Manager von Biotec reagierten mit viel Papier und überzeugten dennoch nicht. Nun hagelte es Auflagen – viele Jahre nach Inbetriebnahme der Anlage und vor allem nach öffentlichem Druck. Doch da ermittelte schon die Staatsanwaltschaft und die GmbH wurde geschlossen.

Für viele im Dorf war das ein Schlag. Bis heute ist man sich uneins in Pohritzsch, schaut unschlüssig auf die verfallenden Hallen am Ortsrand. „Die, die gemeckert haben, die dachten nur an ihre schönen neuen Häuser“, sagt eine Mittfünfzigerin, sie lädt gerade Einkaufstüten aus dem Kofferraum ihres Autos. „Wir anderen dachten an die Zukunft des Dorfes, an die Jobs. An unser Leben hier.“

Und die Verschmutzungen, das Gift, die vielen Verstöße?

„Wir haben nichts bemerkt, es war eigentlich alles in Ordnung. Da waren bestimmt welche aus dem Westen neidisch und haben sich eingemischt.“

Beide ehemaligen Geschäftsführer leben noch immer in Pohritzsch, sie sind eingebunden ins Dorfleben. Singen im Chor, feiern im Schützenverein. Anders die Zugezogenen, meint die Frau, „die kennen wir eigentlich nicht.“

„Umwelt-Terroristen“

In Pohritzsch liegen breite Bürgersteige vor alten, liebevoll gepflegten und gedrungenen Häusern. Dazwischen niedrige Hecken und kaum Zäune. Anders der Weg hin zum Biotec-Gelände. Das Neubaugebiet steht wie in den Ackerboden gerammt, die Hauswände glänzen sehr weiß. Durch diese Straßen wälzten sich die Laster für Biotec – und nicht durchs alte Dorf. „Die meisten im Dorf da drüben waren für Biotec“, sagt eine Frau. Man sei ja froh, dass die Firma weg ist, habe mancher ihr hinter vorgehaltener Hand gesagt. „Aber öffentlich will keiner den Buhmann spielen.“ Sie habe sich damit abgefunden, dass im Dorf gemieden werde, wer die Firma kritisierte. „Da herrschen alte Seilschaften. Der gesellschaftliche Stand ist eben wichtiger als die Wahrheit.“

Frank Pfütze, der zuständige Redakteur der Leipziger Volkszeitung, schrieb vor der Schließung Biotecs von „Umwelt-Terroristen“ und „unerträglich aufwendigen Kontrollmechanismen“, von einem „angeblichen Umweltskandal“. Eine Auswahl der Schlagzeilen: „Theater um Biotec“, „Umwelthilfe erfindet Grenzwerte“, „Pohritzsch – Skandalvorwürfe geplatzt“. Biotec habe transparent und glaubwürdig alles Mögliche veranlasst, hieß es. Und an anderer Stelle: „Aber das Biotec-Team ist auch in der Verteidigung spitze.“ Heute auf die Artikel angesprochen, meint der Redakteur: „Die Firma wurde gezielt und bewusst platt gemacht.“ Er sei den konkreten Vorwürfen nachgegangen und sei bei Proben anwesend gewesen, welche die Firma selbst veranlasst hatte. „Bisher ist nichts nachgewiesen, sind die Vorwürfe damit haltlos. Klar, die haben kein Biobrot gebacken, irgendwer muss den Müll der Gesellschaft ja wegräumen und entsorgen.“ Und, sagt Pfütze: „Ich glaube nicht, dass es zum Prozess kommt.“

Im September 2012 hat die Staatsanwaltschaft Anklage erhoben. Doch geschehen ist seitdem nichts. Die sechste Strafkammer des Leipziger Landgerichts hat nach Angaben des Gerichtssprechers nicht einmal signalisiert, ob und wann es zu einem Hauptverfahren kommt. Die schlichte Begründung: Es gebe 20 andere laufende Verfahren, die meisten seien Haftsachen – und bei der Klage gegen Biotec sind die beiden Geschäftsführer auf freiem Fuß. Die zuständige Richterin war telefonisch nicht erreichbar und antwortet nicht auf Mails. Wann die Vorwürfe verjähren, ist derweil unklar. Bis maximal 2020 hätte man noch Zeit. Aber die Uhr läuft. Der zuständige Umweltamtsleiter ist verrentet. Dienstaufsichtsbeschwerden gegen Mitarbeiter der Landesdirektion Leipzig laufen ins Leere.

Und dann sind da noch die Deponien. In ihnen schlummern Tausende von Biotec-Tonnen, von denen keiner weiß, welche Folgen die Lagerung einmal haben wird. Ein Anruf beim ehemaligen Biotec-Geschäftsführer Jörg Schmidt. Der zeigt sich enttäuscht. „Hoch dotierte Wissenschaftler bestätigen unsere Arbeit“, sagt er. „Man hat den Kern der Wertstoffschützung nicht erkannt.“ Heute interessiere keinen, dass die Firma 1 000 Tonnen Blei zurück in den Verarbeitungskreislauf geführt habe.

„Keinerlei Überschreitung“

Schmidt ist ein Chemiker, der sich schon zu DDR-Zeiten für die Wertstoffrückgewinnung begeisterte, während seiner Doktorarbeit. Nach dem Fall der Mauer machte er sich an die Verwirklichung seiner Forschungen und Pläne.

Die Deponien übrigens, sagt er, seien alle untersucht worden. „Es gibt keinerlei Grenzwertüberschreitungen.“ Und der Angestellte Wiesener? „Der hatte mit den Behandlungen gar nichts zu tun. Der arbeitete zu DDR-Zeiten als Klempner und wird sich die Blutwerte bei den bleiverseuchten Rohren geholt haben.“

Bei der Geschichte um Biotec kollidieren die Aussagen gewaltig. Auf Anfrage antwortet das sächsische Umweltministerium, nur bei einer Deponie wurden 2009, also drei Jahre vor Schließung der Firma, Biotec-Abfälle untersucht. Es gab keine Beanstandungen. Und weiter heißt es lapidar: „Gemäß den gesetzlichen Vorgaben erfolgt bei allen Deponien in Sachsen laufend eine umfassende Umweltüberwachung. Ergebnis ist, dass bei den betreffenden fünf Deponien für Umwelt, Bevölkerung und Grundwasser keine Gefahren bestehen.“

Noch einmal die Nachfrage: Giftmüll, der eigentlich unter Tage in Salzstöcken gelagert wird, landete, womöglich nicht richtig behandelt, auf konventionellen Deponien. Warum untersucht man den nicht? Der Ministeriumssprecher schreibt noch einmal zurück, die technischen Sicherungssysteme der Deponien seien nach dem Vorsorgeprinzip ausgelegt. „Sie wirken also auch bei einer eventuell ‚höheren‘ Schadstofffracht.“ Und er verweist noch einmal auf die „laufende Umweltüberwachung“. „Deshalb gebe es auch keine Notwendigkeit, nach den Biotec-Abfällen auf den Deponien zu suchen. Nichts ist also faul im Freistaate Sachsen. Der Müll, die Fragen und die ganze Geschichte sollen bleiben, wo sie sind.