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Görlitz liegt auf dem 15. Meridian - der "Mittagslinie", die die mitteleuropäische Zeit bestimmt: Wo die Stunde schlägt

In Deutschland gehen die Uhren falsch, selbst wenn sie eigentlich richtig gehen. Das ist in München so und in Hamburg, in Berlin wie in Hannover. Nur eine Stadt kann sich rühmen, da eine Ausnahme zu sein, und das ist Görlitz. Die Stadt an der Neiße, im südöstlichsten Zipfel des Landes, ist die einzige in Deutschland, durch die der 15. Längengrad verläuft, jene "Mittagslinie", die die mitteleuropäische Zeit, kurz MEZ, bestimmt. Solange nicht die Sommerzeit ausgerufen ist, hat die Sonne in Görlitz Punkt zwölf exakt ihren höchsten Punkt erreicht, während andere deutsche Städte und Dörfer mehr oder weniger hinterherhinken. In Aachen zum Beispiel, ganz im Westen, steht die Sonne erst eine gute halbe Stunde später im Zenit als an der Neiße, obwohl in beiden Städten die gleiche Uhrzeit gilt.Leider ist die Bedeutsamkeit von Görlitz in dieser Hinsicht etwas in Vergessenheit geraten. 1961 wurde zwar extra eine Weltkugel aus Sandstein aufgestellt, doch sie ist, anders als die historische Altstadt, nicht direkt ein Touristenmagnet. Das soll sich nun ändern, mit Hilfe des "Koordinierungsbüros 15. Meridian". An diesem Sonntag, einem historischen Datum, von dem noch die Rede sein soll, wird das Denkmal frisch geputzt erneut enthüllt, der Platz drum herum ist aufgehübscht, und eine Reihe von Stiefmütterchen und Primeln deutet den Verlauf des Meridians an. Später mal soll dies mit Hilfe von Lasertechnik geschehen.Ein Mitglied des Koordinierungsbüros war zuvor ins britische Greenwich gereist, das für den Nullmeridian steht und in dieser Eigenschaft etwas bekannter ist als Görlitz mit seinem 15. Von dort brachte er unter anderem die Erkenntnis mit, dass jedes Jahr rund 1,5 Millionen Touristen nur wegen des Nullmeridians anreisen. "Wenn nur fünf Prozent davon wegen des 15. Meridians zu uns kommen", rechnet Uwe Köhler, der Chef des Koordinierungsbüros, "wäre das schon viel für unsere Stadt." Fortan soll täglich um zwölf eine "Meridiantaufe" an der Denkmalskugel veranstaltet werden, zu der die Besucher per Shuttlebus gelangen können, Vorträge soll es geben und thematische Führungen. Es ist viel zu tun, genug für die jetzt zehn Ein-Euro-Jobber beim Koordinierungsbüro. Vielleicht, träumt Uwe Köhler, könnten sogar ein, zwei feste Arbeitsplätze dabei herausspringen.Bei allem Respekt vor Görlitz muss man allerdings sagen, dass es mehr Zufall als Verdienst war, dass die Stadt zu solcherlei Ehren kam. Görlitz war schon lange da, bevor der 15. Meridian als Zeitmaßstab "erfunden" wurde. Noch im 19. Jahrhundert hatte jede Stadt ihre eigene Zeit, die sich nach dem Stand der Sonne richtete. Die Münchner Ortszeit etwa unterschied sich von der Berliner Zeit um sieben Minuten. Das war damals nicht so tragisch, denn man reiste wenig und wenn, dann langsam, und wenn die Heimatzeit sich um ein paar Minuten von der lokalen unterschied, spielte das keine große Rolle.Erst mit dem sich entwickelnden Eisenbahnwesen bekam man ein Problem. Fahrpläne zu gestalten war so gut wie unmöglich, solange jede Haltestelle ihre eigene Uhrzeit hatte. Deswegen wurde zunächst in einzelnen Ländern eine einheitliche Zeitrechnung eingeführt. An den Grenzen mussten die Uhren umgestellt werden, was etwa am Bodensee sehr lustig sein konnte, weil dort fünf Länder aufeinander trafen. Wenn es in Bregenz Mittag schlug, war es in Konstanz erst 11.36, im bayrischen Lindau aber schon 11.49 Uhr. Kurzum: ein zeitmäßiges Chaos.Auch anderswo auf der Welt kannte man dies; so gab es in Amerika bis 1873 rund 70 verschiedene Eisenbahnzeiten. Zehn Jahre später einigte man sich dort aber schon auf fünf Zeitzonen, die sich um jeweils eine Stunde unterschieden. Die Engländer wiederum, die wegen der geringen Ost-West-Ausdehnung ihrer Insel ohnehin nicht so viel Trouble mit den Ortszeiten kannten, hatten schon 1848 die mittlere Londoner Zeit eingeführt. Sie richtete sich nach dem Meridian von Greenwich und hieß demzufolge Greenwich Mean Time.Auf einer internationalen Konferenz in Washington wurde dann im Jahr 1884 beschlossen, ein für allemal Ordnung in die Zeitzonen zu bringen: Die Erde wurde in 24 Stundenzonen von jeweils 15 Längengraden eingeteilt, und der von Greenwich wurde zum Nullmeridian erklärt, dem Ort sozusagen, wo der Westen auf den Osten trifft. Die Deutschen brauchten wie so oft noch ein Weilchen. Am 1. April 1893 trat das Zeitgesetz in Kraft, das "Wir Wilhelm, von Gottes Gnaden Deutscher Kaiser, König von Preußen urkundlich unter Unserer Höchsteigenhändigen Unterschrift" verordnet hatte: "Die gesetzliche Zeit in Deutschland ist die mittlere Sonnenzeit des fünfzehnten Längengrades östlich von Greenwich."Der 1. April wurde so ein großer Tag für Görlitz. Jetzt soll er zum Tag der mitteleuropäischen Zeit ausgerufen werde, vorerst nur hier, später vielleicht in ganz Mitteleuropa, für das Görlitz die Zeit vorgibt. Und das, sagt Uwe Köhler, soll sich nun endlich auch mal auszahlen.------------------------------Europastadt in besonderer LageGörlitz liegt in der niederschlesischen Oberlausitz, am westlichen Ufer der Neiße. Zusammen mit Zgorzelec am polnischen Ufer der Neiße versteht sich Görlitz als Europastadt. Am 15. Meridian, der Bestimmungslinie für die Mitteleuropäische Zeit, liegen außer Görlitz nur vier weitere Städte in Europa: Gudhjem in Dänemark, das österreichische Gmünd, Motala in Schweden und Catania auf Sizilien.Der Meridianstein, errichtet genau auf dem 15. Längengrad, weist Touristen und Anwohner auf die besondere geografische Lage der Stadt hin.------------------------------Karte: Auf dem 15. Meridian------------------------------Foto : Blick auf die gut erhaltene und sensibel restaurierte Altstadt von Görlitz. Besonders fällt hier das Rathaus im Stil der Neorenaissance auf.