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Götz-Aly-Kolumne: Befreiung des KZ Auschwitz – Ehre gebührt der Roten Armee!

Gefangene des Konzentrationslagers Auschwitz bei der Befreiung durch die Rote Armee.

Gefangene des Konzentrationslagers Auschwitz bei der Befreiung durch die Rote Armee.

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imago stock&people

Vergangene Woche behauptete der polnische Außenminister Schetyna, nicht russische, „sondern ukrainische Soldaten“ hätten Auschwitz befreit. Es handelte sich um Soldaten der I. Ukrainischen Front, doch bezeichnete der Name den ursprünglichen Aufstellungsraum dieser Heeresgruppe, nicht die Nationalitäten. Zu Recht nannte Russlands Außenminister die chauvinistische Verfälschung Schetynas „frevlerisch“. Polens Staatspräsident Komorowski beschwichtigte: „Die größte Gruppe“ innerhalb der sowjetischen Truppen, die Auschwitz befreiten, „waren Russen; und das muss man würdigen“.

Nicht im Fall Auschwitz, doch in vielen anderen Fällen lässt sich von polnischer Seite die russische Staatsgeschichtsschreibung begründet zurückweisen, und selbstverständlich war es eine unerhörte, gegen Polen und die baltischen Staaten gerichtete – von mir am 24. November kritisierte – Provokation, als Putin erklärte, der Hitler-Stalin-Pakt sei „keine schlechte Idee gewesen“. Aber all das, auch die aktuelle russische Aggression in der Ostukraine, rechtfertigt nicht, die Befreiung von Auschwitz zur ukrainischen Großtat zurechtzulügen und in diesem Zusammenhang Präsident Putin und damit die russische Bevölkerung insgesamt zu brüskieren. Das sollte auch für die bevorstehenden Feiern zum Kriegsende im Mai gelten – hoffe ich wohl vergeblich.

In Berlin erklärte der ukrainische Ministerpräsident Jazenjuk neulich (laut Kiewer Übersetzung): „Wir können uns alle sehr gut an die sowjetische Invasion sowohl der Ukraine als auch unter anderem Deutschlands erinnern.“ Damit meinte er den Zweiten Weltkrieg, also die Gegenwehr der Roten Armee gegen den deutschen Angriffs-, Raub- und Vernichtungskrieg. Während die Bundeskanzlerin seinerzeit selbst Papst Benedikt XVI. zurechtwies, als er Holocaustleugner förderte, schweigt sie, wenn ein Staatsgast die deutschen Massenverbrechen an sowjetischen Juden, Kriegsgefangenen und Zivilisten leugnet und sämtliche Tatsachen verdreht.

Geschichtslügen gegen Russland gelten als Kavaliersdelikte

Solange sich Geschichtslügen gegen Russland richten, gelten sie als Kavaliersdelikte, die kumpelhaft übergangen werden. Weil das so ist und sich deutsche Politiker derart roh verhalten, erinnern wir uns (wie schon vor einer Woche) an die Verdienste der Roten Armee.

Sowjetische Truppen befreiten die KZs Majdanek, Auschwitz, Stutthof, Groß-Rosen und die Anstalt Meseritz-Obrawalde. Hier waren 10.000 deutsche Geisteskranke ermordet worden; ein Krematorium wurde gerade gebaut, 5.000 Urnen standen bereit. Unter großen Opfern erreichte die Rote Armee Berlin. Dort, auf dem Jüdischen Friedhof in Weißensee, hielten sich Juden versteckt, unter ihnen Rabbiner Martin Riesenburger. Er berichtete: „Man schrieb Montag, den 23. April 1945. Als es 15 Uhr war, durchschritt das Tor unseres Friedhofs der erste sowjetische Soldat! Aufrecht und gerade war sein Gang. Ich hatte das Gefühl, dass er mit jedem Schritt bei seinem Kommen zu uns ein Stück des verruchten Hakenkreuzes zertrat. Wir umarmten diesen Boten der Freiheit, wir küssten ihn – und wir weinten!“

Am 18. Februar um 18.30 Uhr liest Götz Aly aus seinem Buch „Volk ohne Mitte“ im Großen Saal des Berliner Verlages, Karl-Liebknecht-Str. 29.