Große Koalition
Union und SPD haben sich auf eine Große Koalition geeinigt.

Peer Steinbrück: Steinbrück in der Lernkurve

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Berlin –  

Der SPD-Kanzlerkandidat Peer Steinbrück wird die Debatte um seine Vortragshonorare nicht los – und muss nun dringend sein Image korrigieren.

Das Röhren ist schon von Weitem zu hören. Dieses charakteristische Motorengeräusch, das man hier, auf der feinen Halbinsel Schwanenwerder am südlichen Rand von Berlin, öfter hören kann. Es klingt selbstbewusst und protzig, und für einen Moment kann man sich wirklich vorstellen, dass es zu Peer Steinbrück gehört, der schon seit einer Weile erwartet wird. Die Kamerateams gehen in Position, die Tonfrau stellt ihre Kaffeetasse auf den Boden und eilt an das schmiedeeiserne Eingangstor. Jetzt bloß nichts verpassen.

In gemächlichem Tempo rollt der Wagen die Straße herunter, die hier eine enge Linkskurve beschreibt, ein Porsche 356, silbern-anthrazit, in den Sechzigerjahren erbaut. „Issa das?“, fragt einer der Kameramänner und lacht. „Leisten könnte er sich die Schüssel“, entgegnet ein anderer. Jetzt lachen alle, selbst die umstehenden Kirchenleute können kaum an sich halten. Es ist Freitagnachmittag, und die Evangelische Kirche erwartet Peer Steinbrück, den Vortragsreisendenden, Honorar-Millionär, Kanzlerkandidaten.

Egal, wo er dieser Tage auftaucht, ob bei der IG Metall in Hamburg, beim Roten Frauensalon im Willy-Brandt-Haus, beim Großhandelsverband in Berlin oder eben am Freitag bei der Kirche in Schwanenwerder, immer begleitet den Hoffnungsträger der deutschen Sozialdemokratie ein Thema: Geld. Sein Geld.

Er kann über die Krise des Euro reden, über das „schwachsinnige Betreuungsgeld“ oder darüber, dass Frauen endlich genauso viel Gehalt erhalten sollten wie ihre männlichen Kollegen. Irgendjemand im Publikum macht immer einen Witz, in dem ziemlich zuverlässig die Begriffe Steinbrück, Vortrag und Honorar auftauchen. Die leidige Debatte um seine Verdienste als Vortragsreisender klebt an ihm wie ein alter Kaugummi.

„Wer hat eigentlich den Taktstock des Geschehens in der Hand?“, fragt Steinbrück in den Saal. Der Kanzlerkandidat ist inzwischen in Schwanenwerder eingetroffen und redet über Europa, will die Zeit gutmachen, die er im Stau auf der Berliner Avus verplempert hat. Er spricht von entgrenzten Märkten und vom Primat der Politik, den es zurückzuerobern gelte, vom Derivate-Handel, der bereits jetzt wieder 600 Billionen US-Dollar umfasst, das Zehnfache der Weltwirtschaftsleistung eines Jahres. Die Mitglieder des Evangelischen Verbandes Kirche, Wirtschaft, Arbeitswelt hören interessiert zu, diskutieren später mit dem SPD-Kanzlerkandidaten über die Vor- und Nachteile einer Haftungsunion. Sie erleben einen konzentrierten Vortrag, unterhaltsam, ohne Firlefanz – aber auch größtenteils ohne jene Portion Selbstironie, die Peer Steinbrück lange ausgezeichnet hat. Die verkneift er sich jetzt lieber.

Der Kandidat ist vorsichtig geworden. Die Debatte um seine lukrativen Vortragshonorare ärgert ihn wahnsinnig. Schließlich ist er bis heute der Auffassung, dass ihm diese Honorare zustehen, dass er sein Geld wert gewesen ist. Und er wundert sich, dass die Medien und die Öffentlichkeit nur ihm, dem Sozialdemokraten, die hohen Zusatzverdienste neiden und nicht auch Ex-Wirtschaftsminister Michael Glos (CSU), Heinz Riesenhuber (CDU) oder FDP-Generalsekretär Patrick Döring.
Doch auf dem Weg von Berlin-Mitte nach Schwanenwerder hat er genügend Zeit gehabt, um die aktuellen Umfragewerte zu lesen. Im direkten Vergleich zu Bundeskanzlerin Angela Merkel hat Steinbrück, der Herausforderer, seit Oktober klar an Boden verloren – er hatte sich das eigentlich ganz anders vorgestellt.

Im Gestrüpp verheddert

Vor drei Wochen, an einem verregneten Mittwoch in der Hauptstadt, ist Peer Steinbrück beim Unternehmertag der Groß- und Außenhändler eingeladen – vor ihm hat Wirtschaftsminister Philipp Rösler (FDP) das Publikum gelangweilt, später wird die Kanzlerin sprechen. 400 Anzugsträger haben sich im Foyer des Verbandshauptquartiers direkt an der Weidendammer Brücke versammelt, unweit vom Bahnhof Friedrichstraße. Unter ihrem Vorsitzenden Anton F. Börner steht der Verband seit Jahren treu zur Kanzlerin, der Sozialdemokrat Steinbrück hat hier alles andere als ein Heimspiel, doch er weckt großes Interesse.

Der Kandidat wirkt kampfeslustig, als er die Bühne erklimmt. Er spricht natürlich von Europa, aber auch von Mindestlöhnen und von gleicher Bezahlung für Frauen und Männer. „Jaa, wenn der Steinbrück dran ist“, kolportiert er an einer Stelle selbstironisch, was man hier über ihnen wohl denken mag, „dann verstaatlicht er noch meine Trockenhaube.“ Gelächter im Saal.

Der Sozialdemokrat erinnert dann an die Reform Erbschaftssteuer, die seine Partei einst so ausgestaltet hatte, dass die Wohlhabenden und Besitzer von Familienunternehmen damit doch leben konnten. „Damals habe ich keinen Dankesbrief von ihnen erhalten“, sagt er keck. „Oder eine Flasche Weißwein als Dankeschön.“ Mehr hätte er auch gar nicht annehmen dürfen, fügt er hinzu: „Sie hätten mich natürlich zu einem Vortrag einladen können.“
So viel Chuzpe quittiert der Saal mit Beifall, Steinbrück bleckt die Zähne beim Lachen. Da hat er noch die Hoffnung, die Vorwürfe über Honorare könne für die Koalition zum Bumerang werden, schließlich findet sich das Gros der Großverdiener im Bundestag bei Union und FDP.

Viele Bürger scheint das demonstrative Selbstbewusstsein des Hamburgers aber abzuschrecken. Nicht nur seine Partei verharrt in den Umfragen auf niedrigem Niveau, auch der Kandidat kommt nicht recht in Fahrt. Was nicht an einem Mangel an der vielzitierten Beinfreiheit liegt, sondern daran, dass Steinbrück sich mit den Füßen verheddert hat im Gestrüpp seiner Finanzen.

In der Partei wundern sich maßgebliche Leute, wieso der Kandidat, ein passionierter Schachspieler, nicht ein paar Züge vorausgedacht und seine Finanzen im Vorfeld seiner Kandidatur geordnet hat. Als Teil der Troika hätte ihm klar sein müssen, dass er rasch sehr genaue Nachfragen erhalten wird zu seinem „Cash“, das er nach seiner Zeit als Bundesfinanzminister endlich verdienen wollte – und verdient hat. Von Instinktlosigkeit ist die Rede und von schlechtem politischem Handwerk.
Selbst die Union hatte zu Jahresanfang recht unverhohlen erklärt, sie werde die Vortragstätigkeit Steinbrücks thematisieren, sollte die Kandidatur auf den 65-Jährigen hinauslaufen. „Ich weiß auch nicht, was da schief gelaufen ist bei uns“, stöhnt ein SPD-Führungsmann.

Zuletzt der aberwitzige Streit mit den Bochumer Stadtwerken über ein fürstliches Honorar für die Teilnahme an einer 80-minütigen Talkshow. 25 000 Euro hatte Steinbrück dafür erhalten − angeblich war vereinbart, das Geld zu spenden. Nur hatte das dem SPD-Politiker offenbar niemand gesagt. Eine Posse in einer klammen Kommune wie Bochum. Rechtlich mag Steinbrück einwandfrei gehandelt haben, politisch ist der Schaden da. Am vergangenen Donnerstag kündigte Steinbrück an, sein Honorar nun doch zu spenden. Es dauerte weitere drei Tage, bis er am Sonntag reumütig einen Mangel an Fingerspitzengefühl eingestand Er hätte das Honorar von den Bochumer Stadtwerken nicht annehmen dürfen, sagte der Kandidat. Wer den stolzen Hanseaten kennt, weiß, wie schwer ihm diese Worte gefallen sind.

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Vom Euro-Besserwisser zum Generalist

Peer Steinbrück spricht gerne von Lernkurven, wenn es darum geht, eigene Fehler und eigene Irrtümer zu kaschieren. In Sachen Honorar hat er gerade, wenn man so will, eine besonders „steile Lernkurve“ genommen – bei der er jetzt hoffen muss, dass die Wähler ihm folgen. Zehn Monate vor der Bundestagswahl wartet auf den Kandidaten eine lange Strecke von Windungen, wenn er die SPD zurück an die Regierung und sich ins Kanzleramt bringen will.

Aus dem Fachpolitiker Peer Steinbrück, dem Finanzminister und Euro-Besserwisser, muss alsbald ein Generalist werden, der sich genauso eloquent zur Außen- und Sicherheitspolitik, zu Fragen der Gleichstellung, zu Arbeitslosenstatistiken, Ausbildungsabgabe und Umweltpolitik äußern muss. Nur, wer soll ihm all das erklären? In Steinbrücks Umfeld fehlt es bislang an Leuten, denen er vertraut und die sich auf eben diesen Feldern gut auskennen.

„Das ist doch eine Chance“, heißt es bei jenen in der SPD-Führung, die nicht gerade zum FanClub des Kanzlerkandidaten gehören. „In all diesen Fragen ist Peer eben nicht festgelegt, da können wir ihn enger an die Partei binden.“ Nach wie vor herrscht in Teilen der SPD eine Grundskepsis, was den Kandidaten Steinbrück anbetrifft. Diese Skepsis lässt sich auf zwei Fragen verdichten: Wie viel Schröder/Agenda-Partei steckt noch in ihm? Und: Wie sehr Autokrat ist Steinbrück?
In der SPD-internen Rentendebatte zeigt sich dieser Tage, dass Peer Steinbrück anders als etwa Frank-Walter Steinmeier viel seltener auf grundsätzlichen Positionen beharrt. Mit Kompromissen kann er gut leben. Als Kandidat scheint er bereit, noch manche steile Lernkurve zu nehmen, wenn, ja wenn es ihn am Ende nur den Sieg bringt.

Von einem Sieg ist Steinbrück heute, zehn Monate vor der Wahl, allerdings recht weit entfernt. Insbesondere bei Frauen, jungen Leuten und Migranten kommt der Sozialdemokrat bislang nicht so gut an. Genau jene Bevölkerungsgruppen, die Barack Obama vor einer Woche die Wiederwahl gegen seinen konservativen Herausforderer gesichert haben.

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SPD-Chef Sigmar Gabriel hat Steinbrück jetzt ein paar Termine verordnet zur Imagepflege – und zur Imagekorrektur. So marschiert Peer Steinbrück am Donnerstag vergangener Woche brav in eine Veranstaltung, die er vor wenigen Monaten in kleiner Runde noch mit Vergnügen verspottet hätte: den „Roten Frauensalon“.

Was erstmal altbacken klingt, ist ein überraschend kurzweiliges Netzwerktreffen von Sozialdemokratinnen im Willy-Brandt-Haus, die sich darüber Gedanken machen, was besser werden muss für Frauen in Deutschland. Steinbrück hört anderthalb Stunden von den Nöten junger Selbstständiger, von den Schwierigkeiten, einen Kitaplatz zu finden und vom Mentalitätswechsel, der in Unternehmen nötig ist, um Kind und Karriere unter einen Hut zu bekommen.

Mit leisem Motor

Konzentriert folgt er der Veranstaltung und versucht, all die Kameras und Fotoapparate zu ignorieren, die sich auf ihn richten. Keiner möchte sich das Bild entgehen lassen: Peer − allein unter Frauen. Steinbrück weiß, wie genau sich die Augen gerade auf ihn richten, deshalb hat er sich Verstärkung mitgebracht. Neben ihm sitzt seine 33-jährige Tochter Anne, jung, attraktiv und selbstbewusst. Sie soll den roten Frauen beweisen, dass sich der Kandidat trotz aller hanseatischen Kühle auskennt in der weiblichen Lebenswirklichkeit.

Ja, bekennt Steinbrück kurz darauf, seine Frau, promovierte Biologin und Lehrerin, sei ebenfalls sehr selbstbewusst und habe stets darauf geachtet, nicht als sein Appendix wahrgenommen zu werden. Ich bin also gar nicht der Macho, soll das wohl heißen, als der ich häufig wahrgenommen werde.

Der Kanzlerkandidat bekennt sich nun sogar noch zu einer gesetzlichen Frauenquote, wieder so eine Lernkurve. In seiner Zeit als Bundesfinanzminister war er strikt dagegen. Die Frauen applaudieren dem Kanzlerkandidaten, ihrem Kanzlerkandidaten, dann folgt die obligatorische Jazzband.

Peer Steinbrück bleibt noch ein Weilchen, bevor er wieder in den Fonds seines Dienstwagens steigt. Einen biederen VW-Phaeton hat die Partei ihrem Kandidaten zur Verfügung gestellt − mit leisem Motor.

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