20.01.2012

Grüne Woche: Wer will schon immer Kaviar?

Von Von Kerstin Krupp und Katja Tichomirowa
Fotolia
Rot, prall und bitte nicht allzu wässrig: Die Tomate ist das Lieblingsgemüse der Deutschen. Zehn Kilogramm werden pro Jahr und Haushalt verzehrt.
Berlin –  

In Berlin hat die Grüne Woche begonnen, die größte Leistungsschau der Agrarwirtschaft. Aber es ist auch eine Modenschau – denn was wir gerne essen, ändert sich mit der Zeit genau so sehr wie unsere Kleidung.

Das Klischee von der "kulinarischen Wurstigkeit" der Germanen überdauert schon Jahrtausende. "Ihre Nahrung ist schlicht, ohne Aufwand und Raffinesse", zitiert die "Kulturgeschichte der deutschen Küche" den römischen Geschichtsschreiber Tacitus. Und der germanische Speisezettel war in der Tat frugal. Hauptnahrungsmittel: mit Tierfett geschmelzter Dinkelbrei, Graupen, Linsen und Rüben. Aber auch Haselnüsse, Beeren, Honig, Pilze, Wildfrüchte und, natürlich, Fleisch: Schwein, Schaf, Rothirsch und Auerochse.

Moderne Ernährungswissenschaftler hätten ihre Freude an dieser Auswahl: Ein ausgewogenes Verhältnis von tierischem und pflanzlichem Eiweiß, viele Ballaststoffe, wenig Fett. Wären die Deutschen den kulinarischen Vorlieben ihrer Vorfahren treu geblieben, hätten heute nicht 60 Prozent der Männer, 43 Prozent der Frauen und 15 Prozent der Jugendlichen mit Übergewicht zu kämpfen. Jeder zweite Deutsche leidet der Nationalen Verzehrstudie zufolge unter Fettleibigkeit, bei 16 Prozent ist sie gar krankhaft.

Leib und Magen
Essen wie bei Oma

Süßsaure Flecke aus Pansen und Euter waren mein Lieblingsgericht, dicht gefolgt von Gräupchensuppe, Sellerieschnitzel und Quarkkäulchen. In meiner Kindheit im Erzgebirge wurde nach Großmutters Art gekocht – Braten gab es nur sonntags. In der Woche wurden Eintopf, Eierspeisen und Fisch verzehrt – bekömmlich, preiswert und jederzeit erhältlich. Als wir nach Berlin zogen, wurde das Familienbudget größer. Es gab in den Geschäften mehr zu kaufen als in der Provinz, Fleisch blieb nicht nur mehr den Sonntagen vorbehalten. Später dann, im eigenen Haushalt, wurden häufig auch abends Steaks gebrutzelt, beim Grillen lagen Schweinekammscheiben und Würste zu Dutzenden auf dem Rost, nach der Wende erweitert um Putensteaks und Hähnchenfilets.
Einige Kilo schwerer und etliche Lebensmittelskandale später sind wir wieder bei Omas Küche: Fleisch kommt nur noch am Sonntag auf den Tisch. Manchmal gibt es Gräupchensuppe, Sellerieschnitzel oder Quarkkäulchen, natürlich selbst gemacht. Nur vor Flecke süßsauer schrecke ich noch zurück. Birgitt Eltzel

Die Entdeckung des Schafskäse

Der Ernährungsbericht der Deutschen Gesellschaft für Ernährung von 2008 führt die weite Verbreitung des Übergewichts auf die veränderten Lebensbedingungen einer modernen Industrie- und Informationsgesellschaft zurück. Wer tagsüber am Schreibtisch und abends vor der Glotze sitzt, statt auf freier Flur dem Auerochsen nachzustellen, muss seinen Energiebedarf darauf einstellen. Macht aber keiner, vielmehr wird so gut wie alles verzehrt, was jederzeit und überall verfügbar ist. Daran hat auch das zunehmende Wissen über die Wechselwirkung von Gesundheit und Ernährung kaum etwas ändern können.

Allerdings ist das Verzehrverhalten nicht nur Bedürfnissen, sondern auch Moden unterworfen. War es nach dem Krieg oberstes Ziel jedes bundesdeutschen Essers, den Bauch wieder zu füllen, folgte spätestens in den Siebzigerjahren die Sättigung. Nun war es der Wunsch nach Exotik, der den kulinarischen Horizont der Deutschen erweiterte. Pasta, Pizza, Oliven, Ananas, Schafskäse und Avocado eroberten die Regale. Der Ostteil des Landes holte das Bedürfnis nach Exotik in den Neunzigern nach. Im Westen prägten seit den Siebzigern die Supermärkte das Konsumverhalten. Man versorgte sich mit Tiefkühlkost und Dosenware. Im Osten stand man derweil Schlange vorm HO, wenn es Trauben gab oder Bananen.

Das Auf und Ab der Vorlieben für Schweine-, Rind- und Geflügelfleisch, aber auch für Sättigungsbeilagen wie Gemüse und Kartoffeln zeichnet der Ernährungsbericht seit 1950 nach. So kann man etwa den Aufstieg des gemeinen Haushuhns zum Goldbroiler bestaunen. Vier Kilogramm Geflügelfleisch verbrauchten die Konsumenten (West) noch 1950 pro Kopf und Jahr. Bis zur Wende steigerte man sich auf 12 Kilo. Gesamtdeutsch bringen wir es inzwischen auf 19,3 Kilo. Ein Höhenflug, fürwahr. Allerdings hat das Huhn in der Massentierhaltung reichlich Federn lassen müssen.

Der Spitzenkoch und das Müsli

Lebensmittelskandale provozierten Gegentrends, spätestens in den Achtzigern. Weniger, aber dafür gut. Frische und Qualität setzte die "Nouvelle Cuisine" der Maßlosigkeit entgegen. In abgewandelter Form fand diese Welle ihr Echo auch in der zunächst noch überschaubaren Schar von Gesundheitsbewussten, die mit Müsli und giftfrei gezogenem Gemüse die ersten Bioläden bestückten.

Inzwischen laufen verschiedene Entwicklungen zusammen. Immer mehr Menschen beschäftigen sich mit dem Thema Essen. "Die Essgewohnheiten haben sich spürbar geändert", sagt Vincent Klink, der bei Stuttgart seit zwanzig Jahren das Sternerestaurant "Wielandshöhe" führt. "Das fing mit dem Müsli an, da haben sich Leute zum ersten Mal ernsthaft Gedanken über gesundes Essen gemacht." Klink mischt sich seit Jahren in die Ernährungsdebatte ein. "Für mich war Koch schon immer ein politischer Beruf", sagt er.

Die Forderung nach gesundem Essen aus kleinbäuerlicher Landwirtschaft ist eine Kampfansage an die weltweit agierenden Lebensmittelkonzerne, die das Angebot bestimmen. Skandale um Gammelfleisch, mit multiresistenten Keimen belastetem Geflügel oder Analogkäse bringen immer mehr Menschen dazu, ihre Art der Ernährung zu überdenken.

Die Deutschen machen nicht nur mit wachsender Freude wieder Urlaub im eigenen Land, sie besinnen sich auch auf die Kochkunst ihrer Großmütter. Das spiegeln die Speisekarten der Restaurants. Die Gäste schätzen altbewährte Rezepte mit Zutaten, die vor der Haustür wachsen. Die Definition von Luxus hat sich geändert. Es muss nicht mehr Kaviar oder Hummer sein, sondern kann, wie im Spitzenlokal "Wielandshöhe", ein am Schlachttag zubereitetes Würstchen mit Kartoffelsalat sein – trotz der 18 Euro, die dafür verlangt werden.

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