Rot, prall und bitte nicht allzu wässrig: Die Tomate ist das Lieblingsgemüse der Deutschen. Zehn Kilogramm werden pro Jahr und Haushalt verzehrt.
Rot, prall und bitte nicht allzu wässrig: Die Tomate ist das Lieblingsgemüse der Deutschen. Zehn Kilogramm werden pro Jahr und Haushalt verzehrt.
Berlin –
In Berlin hat die Grüne Woche begonnen, die größte Leistungsschau der Agrarwirtschaft. Aber es ist auch eine Modenschau – denn was wir gerne essen, ändert sich mit der Zeit genau so sehr wie unsere Kleidung.
Das Klischee von der "kulinarischen Wurstigkeit" der Germanen überdauert schon Jahrtausende. "Ihre Nahrung ist schlicht, ohne Aufwand und Raffinesse", zitiert die "Kulturgeschichte der deutschen Küche" den römischen Geschichtsschreiber Tacitus. Und der germanische Speisezettel war in der Tat frugal. Hauptnahrungsmittel: mit Tierfett geschmelzter Dinkelbrei, Graupen, Linsen und Rüben. Aber auch Haselnüsse, Beeren, Honig, Pilze, Wildfrüchte und, natürlich, Fleisch: Schwein, Schaf, Rothirsch und Auerochse.
Moderne Ernährungswissenschaftler hätten ihre Freude an dieser Auswahl: Ein ausgewogenes Verhältnis von tierischem und pflanzlichem Eiweiß, viele Ballaststoffe, wenig Fett. Wären die Deutschen den kulinarischen Vorlieben ihrer Vorfahren treu geblieben, hätten heute nicht 60 Prozent der Männer, 43 Prozent der Frauen und 15 Prozent der Jugendlichen mit Übergewicht zu kämpfen. Jeder zweite Deutsche leidet der Nationalen Verzehrstudie zufolge unter Fettleibigkeit, bei 16 Prozent ist sie gar krankhaft.
Süßsaure Flecke aus Pansen und Euter waren mein Lieblingsgericht, dicht gefolgt von Gräupchensuppe, Sellerieschnitzel und Quarkkäulchen. In meiner Kindheit im Erzgebirge wurde nach Großmutters Art gekocht – Braten gab es nur sonntags. In der Woche wurden Eintopf, Eierspeisen und Fisch verzehrt – bekömmlich, preiswert und jederzeit erhältlich. Als wir nach Berlin zogen, wurde das Familienbudget größer. Es gab in den Geschäften mehr zu kaufen als in der Provinz, Fleisch blieb nicht nur mehr den Sonntagen vorbehalten. Später dann, im eigenen Haushalt, wurden häufig auch abends Steaks gebrutzelt, beim Grillen lagen Schweinekammscheiben und Würste zu Dutzenden auf dem Rost, nach der Wende erweitert um Putensteaks und Hähnchenfilets. Einige Kilo schwerer und etliche Lebensmittelskandale später sind wir wieder bei Omas Küche: Fleisch kommt nur noch am Sonntag auf den Tisch. Manchmal gibt es Gräupchensuppe, Sellerieschnitzel oder Quarkkäulchen, natürlich selbst gemacht. Nur vor Flecke süßsauer schrecke ich noch zurück. Birgitt Eltzel
Das Ende der Revolution
Wenn ich sagen sollte, warum die deutsche Einheit für mich gar keine so schlechte Sache war, dann fallen mir vier Sachen ein: Pinienkerne, frische Mango, Ziegenkäse und Büffelmozzarella. Wahrscheinlich fallen mir sogar noch mehr Sachen ein, wenn ich ein bisschen nachdenken würde. Aber das sind die wichtigsten. In keinem anderen Lebensbereich hat mich der Westen so erstaunt wie beim Essen. Weil es auf einmal so viele Sachen gab, von denen ich noch nie gehört hatte.
Ich meine, die Autos waren im Westen auch besser als im Osten. Aber ich wusste trotzdem in groben Umrissen, was ein Auto ist. Die Pinienkerne waren weder von ihrem Geschmack, noch von ihrem Aussehen, noch übrigens von ihrem Preis her mit irgendetwas vergleichbar, was ich schon kannte. Ich erlebte eine kleine Gaumen-Revolution, eine Pinienkernspaltung. Leider ist diese revolutionäre Zeit schon wieder so weit weg. Ich bin satt geworden und bin nur noch selten wirklich erstaunt. Ich beneide Menschen, die noch keine Pinienkerne kennen. Maxim Leo
Adieu, Aceto Veccio!
Ruccola litt so allein, enttäuscht von ihrer Liebe, der Letzte war ganz arg gemein, und machte dann die Biege.
"Was soll’s, dem weine ich keine Träne nach, der wirklich schon auf jeder lag, Carpaccio, Caprese, anderen Speisen, Und wie sie alle heißen."
Zuletzt, erwischt auf frischer Tat, ergoss er sich aufs Radicchio! Sie machte ihrem Ärger Luft, und schrie: "Du ekelhafter Schuft, avanti, verschwinde, Balsamico!"
Ruccola, weine nicht! Du bist noch jung, verliere Dich nicht in Erinnerung. Bist knackig grün und lässig, wie wäre es zur Abwechslung einmal mit Weißweinessig? Mely Kiyak
Miracolis unvergleichliche Röte
Der Geschmack meiner Kindheit hat einen Namen: Pasta Schuta. Wer nun angesichts des italienisch angehauchten Namens an liebevoll handgemachte Nudelware denkt, liegt falsch. Es geht schließlich um die Siebzigerjahre! Denn Pasta Schuta stand bei uns für Miracoli – jenes Halbfertiggericht aus dem Hause Kraft. Auf den Anblick der gelb-grün-roten Packung reagieren meine Geschmacksnerven noch heute. Der Packungsinhalt ist seit fünf Jahrzehnten derselbe: eine Packung Spaghetti, ein Beutel Tomatenmark, eine Gewürzmischung und ein Päckchen Käse, dessen Name nach Parmesan klingt und den ich auch lange dafür hielt.
Fast genauso lange glaubte ich, dass dies die einzig wahre Art ist, Nudeln mit Tomatensoße zuzubereiten. Heute überbrühe ich dafür selbstverständlich frische Tomaten, entferne ihre Haut und die Kerne, schnipsele Zwiebeln, Karotten und Sellerie klein, hole Basilikumblätter vom Balkon. Soll ja schließlich eine richtige, echte, gesunde Tomatensoße werden. Aber manchmal beschleicht mich die Sehnsucht nach dem unverkennbaren "Pasta-Schuta-Miracoli"-Geschmack, der unvergleichlichen Röte.
Susanne Rost
Beute aus dem Fjord
Fisch muss sein. Am besten Kabeljau – ein schönes, dickes Filet, die Hautseite leicht mit Mehl bestäubt. Maismehl ist sehr gut. Auf der Hautseite in das heiße Butterschmalz legen. Zusehen, wie die Hitze nach oben steigt und den Fisch gart. Ist die Hälfte des Filets weißlich, was nicht mehr als drei Minuten dauert, die Pfanne vom Feuer nehmen, das Filet umdrehen und in der Resthitze maximal zwei Minuten ziehen lassen.
Glasig muss der Fisch jetzt aussehen, sonst ist er zu trocken. Meersalz drüber, allenfalls noch einen Spritzer Zitronensaft. Fertig. Essen. Und machen Sie nur nicht den Fehler, Remoulade auf den Fisch zu geben. Das ist eine schwere Sünde, die mit Fegefeuer nicht unter 1000 Kilojoule bestraft wird. Gelingt perfekt natürlich nur mit Kabeljau, den man selbst von einem wackligen Boot aus in den ersten Märztagen in einem Fjord im Norden Norwegens gefangen hat. Glauben Sie nicht? Ging mir auch so. Bis ich es versucht habe.
Damir Fras
Geschlechterkampf auf meinem Teller
Sich vegetarisch zu ernähren, erklärte mir eine Bekannte mal mit großem Ernst, sei gelebter Feminismus. Die Struktur des Fleischgerichts sei doch patriarchalisch. In der Mitte liegt das Fleisch, das ist der Star. Das Gemüse muss sich unterordnen, es ist ja nur die Beilage. In der vegetarischen Küche dagegen, fuhr die Bekannte fort, sind alle Zutaten gleichberechtigt. Die Kartoffel, die Paprika, die Zucchini – sie sind alle Teile eines großen Ganzen, kein Gemüse ist dem anderen Untertan. Ich fand das völlig hanebüchen, die Bekannte verlor ich bald aus den Augen.
Ein paar Jahre später lernte ich meine heutige Freundin kennen – eine Vegetarierin. Mein Speiseplan wurde auf den Kopf gestellt. Ciao ciao, Bolognese, adieu, Coq au Vin. Aber irgendwann begann ich all die Details zu verstehen, die aus Grünzeug Essen machen. Dass ein Kartoffelgratin zum Sehnsuchtsgericht werden kann, wenn es eine Kruste aus Bergkäse und Äpfeln bekommt. Dass Brokkoli und Pastinaken sehr wohl zueinander passen, wenn man sie mit einer Soja-Sahne-Sauce zubereitet. Das Kochen wird interessanter, wenn es nicht bloß darum geht, einen Brocken Fleisch zu verhätscheln. Klar, wenn ich alleine bin, dann erlaube ich mir alles. Burger mit Pommes, lecker! Hirschragout mit Klößen, schmackofatz! Etwas simpel finde ich diese Gerichte inzwischen schon. Aber man kann ja hin und wieder auch über Altherrenwitze lachen.
Frederik Bombosch
Reaktionärer Schwachsinn
Ich muss in der sechsten Klasse gewesen sein, als die damalige Landesregierung in Niedersachsen auf die Idee verfiel, das Fach "Hauswirtschaft" in den Schulunterricht zu integrieren. Ich kam nach Hause mit dem Tagesplan einer Hausfrau und Mutter. Darauf stand zu lesen, dass die Zubereitung des Essens täglich zwischen drei und fünf Stunden in Anspruch nehmen sollte. Ich legte ihn meiner Mutter auf den Küchentisch. Sie wurde blass. Die moderne Frau der 70er-Jahre brachte, sofern sie Mann und Kinder zu versorgen hatte, morgens ein hastig geschmiertes Brötchen, mittags ein Tiefkühlgericht und abends Brot, Aufschnitt und Käse auf den Tisch.
Das nahm summa summarum maximal eine Stunde Zubereitungszeit in Anspruch. Wer sich als Frau länger in der Küche aufhielt, hatte die Emanzipation verpennt. Hauswirtschaftsunterricht, erklärte meine Mutter, sei reaktionärer Schwachsinn. Mit dem Kochen fing sie an, als ich aus dem Haus war. Sie ist eine gute Köchin geworden.
Katja Tichomirowa
Kampf mit dem Dill
Eigentlich habe ich nichts gegen Dill, ich kann ihn bloß nicht ausstehen. Daher wurde ich auf eine ernste Belastungsprobe gestellt, als ich nach Russland, ins Land des Dills, ging. All die Nationalgerichte, Pelmeni, Borschtsch, Schaschlik – mit dem Grünzeug verdorben. Selbst in einem Wasserschüsselchen, das in einem Restaurant zum Händewaschen gereicht wurde, fand ich ihn. Sich zu entziehen war nicht möglich.
Was sollte ich machen, wenn mir eine Babuschka von ihrer kleinen Rente ein üppiges Mahl, reichlich mit Dill abgeschmeckt, vorsetzte? Mit angeekelter Miene ablehnen? Nein, ich musste den Teller leer essen, drei Nachschläge inklusive ("Junge, du bist viel zu dünn2) und durfte keinesfalls vergessen, die Kochkünste meiner Gastgeberin zu loben. Die Zeit härtete mich ab, nach einer Weile konnte ich voll am kulinarischen Leben teilnehmen. Ich traue mich mittlerweile sogar, Fisch zu bestellen, ohne mir vorher alle Bestandteile der Soße aufzählen zu lassen. So weit, dass ich Dill in meine Küche lasse, bin ich aber noch lange nicht.
Markus Awater
Die Entdeckung des Schafskäse
Der Ernährungsbericht der Deutschen Gesellschaft für Ernährung von 2008 führt die weite Verbreitung des Übergewichts auf die veränderten Lebensbedingungen einer modernen Industrie- und Informationsgesellschaft zurück. Wer tagsüber am Schreibtisch und abends vor der Glotze sitzt, statt auf freier Flur dem Auerochsen nachzustellen, muss seinen Energiebedarf darauf einstellen. Macht aber keiner, vielmehr wird so gut wie alles verzehrt, was jederzeit und überall verfügbar ist. Daran hat auch das zunehmende Wissen über die Wechselwirkung von Gesundheit und Ernährung kaum etwas ändern können.
Allerdings ist das Verzehrverhalten nicht nur Bedürfnissen, sondern auch Moden unterworfen. War es nach dem Krieg oberstes Ziel jedes bundesdeutschen Essers, den Bauch wieder zu füllen, folgte spätestens in den Siebzigerjahren die Sättigung. Nun war es der Wunsch nach Exotik, der den kulinarischen Horizont der Deutschen erweiterte. Pasta, Pizza, Oliven, Ananas, Schafskäse und Avocado eroberten die Regale. Der Ostteil des Landes holte das Bedürfnis nach Exotik in den Neunzigern nach. Im Westen prägten seit den Siebzigern die Supermärkte das Konsumverhalten. Man versorgte sich mit Tiefkühlkost und Dosenware. Im Osten stand man derweil Schlange vorm HO, wenn es Trauben gab oder Bananen.
Das Auf und Ab der Vorlieben für Schweine-, Rind- und Geflügelfleisch, aber auch für Sättigungsbeilagen wie Gemüse und Kartoffeln zeichnet der Ernährungsbericht seit 1950 nach. So kann man etwa den Aufstieg des gemeinen Haushuhns zum Goldbroiler bestaunen. Vier Kilogramm Geflügelfleisch verbrauchten die Konsumenten (West) noch 1950 pro Kopf und Jahr. Bis zur Wende steigerte man sich auf 12 Kilo. Gesamtdeutsch bringen wir es inzwischen auf 19,3 Kilo. Ein Höhenflug, fürwahr. Allerdings hat das Huhn in der Massentierhaltung reichlich Federn lassen müssen.
Der Spitzenkoch und das Müsli
Lebensmittelskandale provozierten Gegentrends, spätestens in den Achtzigern. Weniger, aber dafür gut. Frische und Qualität setzte die "Nouvelle Cuisine" der Maßlosigkeit entgegen. In abgewandelter Form fand diese Welle ihr Echo auch in der zunächst noch überschaubaren Schar von Gesundheitsbewussten, die mit Müsli und giftfrei gezogenem Gemüse die ersten Bioläden bestückten.
Inzwischen laufen verschiedene Entwicklungen zusammen. Immer mehr Menschen beschäftigen sich mit dem Thema Essen. "Die Essgewohnheiten haben sich spürbar geändert", sagt Vincent Klink, der bei Stuttgart seit zwanzig Jahren das Sternerestaurant "Wielandshöhe" führt. "Das fing mit dem Müsli an, da haben sich Leute zum ersten Mal ernsthaft Gedanken über gesundes Essen gemacht." Klink mischt sich seit Jahren in die Ernährungsdebatte ein. "Für mich war Koch schon immer ein politischer Beruf", sagt er.
Die Forderung nach gesundem Essen aus kleinbäuerlicher Landwirtschaft ist eine Kampfansage an die weltweit agierenden Lebensmittelkonzerne, die das Angebot bestimmen. Skandale um Gammelfleisch, mit multiresistenten Keimen belastetem Geflügel oder Analogkäse bringen immer mehr Menschen dazu, ihre Art der Ernährung zu überdenken.
Die Deutschen machen nicht nur mit wachsender Freude wieder Urlaub im eigenen Land, sie besinnen sich auch auf die Kochkunst ihrer Großmütter. Das spiegeln die Speisekarten der Restaurants. Die Gäste schätzen altbewährte Rezepte mit Zutaten, die vor der Haustür wachsen. Die Definition von Luxus hat sich geändert. Es muss nicht mehr Kaviar oder Hummer sein, sondern kann, wie im Spitzenlokal "Wielandshöhe", ein am Schlachttag zubereitetes Würstchen mit Kartoffelsalat sein – trotz der 18 Euro, die dafür verlangt werden.