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Hannah Arendts Kritik an den Judenräten während der NS-Zeit war vom Standpunkt eines utopischen Sozialismus geprägt: Der Traum von einem anderen Europa

Von allen Schriften Hannah Arendts löste "Eichmann in Jerusalem" die bei weitem verbissenste Kontroverse aus ­ und wirft seitdem einen langen Schatten auf ihre denkwürdige, ansonsten aber achtbare und durchaus glänzende Karriere als öffentlich wirksame Intellektuelle und Gelehrte. Die "Eichmann-Affäre" wirbelte viele Fragen zu ihrer Person, nicht nur als politische Denkerin, sondern auch als Jüdin auf. Gershom Scholems grausamer Vorwurf, Hannah Arendt habe es an "Ahabath Israel" (Liebe zum jüdischen Volke) gefehlt, fängt etwas von der tiefsitzenden Verbitterung ein.Ironischerweise ist gerade das Eichmann-Buch von 1963 besonders stark durch Hannah Arendts Judentum geprägt, weil sie sich darin moralisch wie wissenschaftlich ganz auf die Seite des jüdischen Volkes stellt. Es scheint, als habe ihre Suche nach den ethischen, politischen und juristischen Grundlagen für die Aburteilung und Bestrafung Adolf Eichmanns die tiefsten Widersprüche einer historisch geprägten jüdischen Identität aufgedeckt. Arendt kämpfte ihr Leben lang darum, das Allgemeine mit dem Besonderen, ihre aufgeschlossene Modernität mit dem Glauben an irgendeine Form kollektiver jüdischer Selbstbestimmung zu verbinden. Und gerade weil ihr jenes Werk in Wahrheit so naheging, brachte es sie aus der Fassung und offenbarte einen manchmal erschreckenden Mangel an Augenmaß, Feingefühl und Besonnenheit. Ihre kaum verhohlenen, fast rassistischen Äußerungen über den ostjüdischen Hintergrund des Hauptanklägers Gideon Hausner, die kindische Parteinahme für das "beste deutsche Judentum" der Richter und der beinahe angeekelte Abscheu vor dem "überall lungernden orientalischen Mob" Jerusalems zeugen von äußerster Gereiztheit und damit fehlender Distanz. Hannah Arendt wurde gerade deshalb von der jüdischen Gemeinschaft geächtet, weil sie ­ wie viele Überlebende des Holocaust ­ nicht den richtigen Ton getroffen hatte, um öffentlich über das Leiden, den Schmerz und die Verluste der Vergangenheit zu berichten."Eichmann in Jerusalem" besteht aus mindestens drei verschiedenen zeitgeschichtlichen Problemkomplexen. Erstens berichtet Arendt darin über die Bedingungen, unter denen Eichmann von den israelischen Behörden ergriffen, inhaftiert und abgeurteilt wurde, worunter auch das Auftreten des Hauptanklägers Gideon Hausner während des Verfahrens fällt. Zweitens analysiert sie die Aufgabe der durch Erlaß der Nationalsozialisten vom 21. September 1939 ins Leben gerufenen Judenräte bei der Verwaltung der jüdischen Bevölkerungsgruppen in Polen, den baltischen Staaten (Litauen, Lettland und Estland) und den besetzten sowjetischen Gebieten (Weißrußland und Ukraine) sowie ihre Kooperation mit den Nazis bei der "Endlösung der Judenfrage". Drittens versucht sie, das Verhalten der sogenannten "gewöhnlichen Deutschen" im Dritten Reich nachzuvollziehen. Dabei wird Eichmann für sie zum Paradebeispiel, um zu zeigen, wie sich weder besonders schlechte noch übermäßig intelligente Menschen in den Maschen des Bösen verfangen und jene Taten begehen konnten, die sie begingen.Judenräte und GestapoArendts Leser verblüffte vor allem das Zusammentreffen dieser drei Stränge mit ihrer moralphilosophischen These über die "Banalität des Bösen". Auf einer Ebene schien es so, als wollte Arendt die Juden und ihre Führung selbst für den Holocaust mit verantwortlich machen, gleichzeitig aber Eichmann und andere Deutsche gleichsam entschuldigen, indem sie ihre Taten als "banal" bezeichnete.Von all den heiklen historischen und moralischen Problemen, die Hannah Arendt anriß, ist das Verhalten der Judenräte in der Tat nach wie vor das kniffligste. Arendt hätte genauer zwischen den einzelnen Phasen der "stillschweigenden" Kooperation verschiedener jüdischer Organisationen und Gremien mit dem Nazi-Regime unterscheiden müssen. Vor 1936 gab es insofern eine gewisse Zusammenarbeit zionistischer Verbände mit der Gestapo, als "für beide Seiten eine negative Identität der Ziele gegeben war", weil sie, wenn auch auf unterschiedliche Weise, wollten, daß die Juden Deutschland und andere europäische Staaten verließen. Bis 1938 hoffte man im Zentralverein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens, sich mit dem Regime irgendwie einigen zu können. Arendt bezeichnete Leo Baeck, den ehemaligen Oberrabbiner von Berlin, als "den jüdischen Führer", ließ diesen Ausdruck jedoch in späteren Auflagen des Buches fallen.Über die Rolle der Judenräte zeigte sich Arendt schon vor dem Beginn der Eichmann-Kontroverse beunruhigt. Am 23. Dezember 1960, noch vor Prozeßbeginn, schrieb sie Karl Jaspers: "Nehmen wir an, der Prozeß wird tadellos geführt. Dann habe ich die Befürchtung, daß Eichmann erstens beweisen kann, daß kein Land Juden wollte (also die Art von zionistischer Propaganda, die Ben Gurion will und die ich für ein Unheil halte), und zweitens demonstrieren wird, in welchem ungeheuerlichen Ausmaß die Juden mitgeholfen haben, ihren eigenen Untergang zu organisieren. Dies ist zwar die nackte Wahrheit, aber diese Wahrheit, wenn sie nicht wirklich erklärt wird, könnte mehr Antisemitismus erregen als zehn Menschenraube."Einige Jahre später war Arendt immer noch davon überzeugt, daß es nur einen Grund gab, warum sich das "jüdische Establishment" (wie sie es nannte) so außerordentlich dafür interessierte und sich in so ungeheure Kosten stürzte, sie anzugreifen: "Die Antwort scheint doch wohl zu sein, daß die jüdische Führung (Jewish Agency vor Errichtung des Staates) sehr viel mehr Dreck am Stecken hat, als irgend jemand vermutete ­ jedenfalls weiß ich nicht sehr viel darüber. Soweit ich sehen kann, dürfte es um Beziehungen zwischen der jüdischen Führung und den Judenräten gehen."Künftige Holocaust-Forscher werden festzustellen haben, in welchem Maße die verschiedenen jüdischen Organisationen, die sich auf sehr unterschiedliche regionale und demographische Gegebenheiten einstellen mußten ­ von den jüdischen Gemeinden Berlins bis zu den Judenräten der Ghettos von Lodz, Wilna und Bialystok ­, mit den Nazis kooperierten. Arendts Einstellung gegenüber den Judenräten ist und bleibt zweideutig: Einerseits scheint sie nur zu beklagen, daß es weder einen jüdischen Widerstand noch Aufstände wie später im Warschauer Ghetto gab ­ diese Reaktion versteht sich aus ihren links-zionistischen Neigungen, die noch auf die Studentenzeit zurückgingen. Andererseits beurteilte sie Gideon Hausner, den Hauptankläger im Eichmann-Prozeß, überaus kritisch, weil er die Zeugen immer wieder fragte, warum sie keinen Widerstand geleistet hatten. Arendt hielt diese Art der Befragung für "töricht und grausam".Welche Motive bewegten sie selbst also dazu, diese Fragen zu stellen? War es so schwer zu verstehen, daß die jüdischen Gemeinden und ihre Anführer das beispiellose Ausmaß der Verbrechen, die an ihnen begangen wurden, nicht fassen konnten? War es so schwer zu begreifen, daß sie die Vernichtungsstrategie der Nazis lediglich als eine verschärfte Form des traditionellen Antisemitismus deuteten, dem sie sich seit unvordenklichen Zeiten ausgesetzt sahen? War es so unmöglich nachzuvollziehen, daß die Judenräte versucht hatten, bei der Organisation des Gemeindelebens den Anschein von Normalität und Alltäglichkeit zu wahren und irgendwie an der Hoffnung festhielten, die Dinge beeinflussen und vielleicht sogar das Schlimmste abwenden zu können? Wenn es "töricht und grausam" war, von den Juden zu verlangen, sie hätten unter solchen Bedingungen Widerstand leisten müssen, wie es Arendt den Fragen Gideon Hausners vorwarf, worauf wollte sie dann eigentlich selbst hinaus?"Macht nicht mehr mit!"Ein interessantes, jüngst unter Arendts nachgelassenen Papieren entdecktes Interview gibt einigen Aufschluß über diese Fragen. Am 19. September 1963 hatte Samuel Grafton, vom Magazin "Look" beauftragt, einen Artikel über die Reaktionen auf Eichmann in Jerusalem zu schreiben, Arendt einige schriftliche Fragen vorgelegt. Zu Graftons Frage, wann die jüdischen Gemeindeführer hätten drängen sollen, "Macht nicht mehr mit, sondern kämpft jetzt!" bemerkte Arendt: "Es gab keinen bestimmten Moment, in dem die Gemeindeführer hätten sagen können: ,Macht nicht mehr mit, sondern kämpft jetzt! , wie Sie es ausdrücken. Widerstand, den es in sehr geringem Umfang ja gab, bedeutete lediglich: Wir wollen keinen solchen Tod, sondern wir wollen in Würde sterben. Aber die Frage der Kooperation ist in der Tat beunruhigend. Gewiß gab es einen Moment, in dem die jüdische Führung hätte sagen können: Wir machen nicht mehr mit, sondern versuchen zu fliehen. Dieser Moment könnte gekommen sein, als sie ­ bereits im vollen Wissen darüber, was Deportation hieß ­ aufgefordert wurden, für die Nazis Deportationslisten zu erstellen Auch wenn ich Ihre Fragen zu diesem Punkt beantwortet habe, möchte ich darauf hinweisen, daß es nie meine Absicht war, diesen Teil unserer ,unbewältigten Vergangenheit ins öffentliche Bewußtsein zu bringen. Die Judenräte kamen eben im Prozeß zur Sprache, und so mußte ich darüber berichten wie über alles andere auch. Innerhalb meines Berichtes spielt das aber keine herausragende Rolle Es wurde nur über jedes vernünftige Maß hinaus aufgebläht."Die ironische Verwendung des Ausdrucks "unbewältigte Vergangenheit", der im Nachkriegsdeutschland geprägt worden ist, um die drückende Last der Geschichte zu betonen, zeigt in diesem Zusammenhang erneut, zu welchem abgrundtiefen Sarkasmus Arendt in dieser Debatte greifen konnte. Da es im Hinblick auf Schuld und Kooperation keine Übereinstimmung zwischen Opfern und Tätern gab und geben konnte, war es gefühllos, die Bewältigung der Geschichte gleichermaßen auf beide Gruppen zu beziehen. Allerdings befand sich Arendt mit ihrer Antwort auf Graftons Fragen auch in der Defensive, weil die Judenräte sie schon bei Kasztners Tod, also vor dem Eichmann-Prozeß, beschäftigt hatten. Kasztner, ein prominenter ungarischer Jude, der sich nach Kriegsende in Israel niedergelassen hatte, war beschuldigt worden, Eichmann persönlich eine Liste der Juden übergeben zu haben, die nicht in Lager deportiert werden sollten, darunter seine eigenen Familienangehörigen. Dieser Vorwurf zog 1955 in Israel einen emotionsgeladenen Verleumdungsprozeß nach sich. Kasztner wurde im März 1957 in Tel Aviv umgebracht. Weithin hieß es, er habe für die Jewish Agency gearbeitet, und gewiß glaubte das auch Arendt selbst. Angesichts der Tatsache, daß sie sich von Anfang an brennend für die Frage der jüdischen Kollaboration interessierte, kann man ihre Behauptung kaum für bare Münze nehmen, daß diese Themen sie nur in zweiter Linie beschäftigten.Ihr Versuch, mit der eigenen Stimme einen Standpunkt außerhalb des Staates Israel und der Weltjudenheit einzunehmen, trug ihr Schwierigkeiten ein. Von welcher Position aus und für wen sprach sie? Sie war weder Bürgerin Israels noch Überlebende eines Konzentrationslagers ­ hatte allerdings ein Gefangenenlager im südfranzösischen Gurr kennengelernt. Seit 1941 war sie Amerikanerin und hatte sich nach dem Tod Judah Magnes· im Jahr 1948 praktisch nicht mehr um jüdische Politik gekümmert, in der sie seit 1933 stark engagiert gewesen war. Als sie ihre Artikel über den Prozeß gegen Adolf Eichmann für das Magazin des New Yorker schrieb, wußte zunächst kaum jemand etwas von ihrem früheren starken Engagement in der jüdischen und zionistischen Politik und von ihrer Arbeit in jüdischen Organisationen.Hannah Arendt hatte Deutschland 1933 verlassen müssen, als sie gerade für ihren Freund Kurt Blumenfeld Material über deutsche Berufs- und Wirtschaftsverbände sammelte, die seinerzeit anfingen, gegen ihre jüdischen Mitglieder vorzugehen. Blumenfeld wollte beim 18. Zionistenkongreß 1933 über diese Sanktionen berichten. Bei ihren Recherchen wurde sie von der Gestapo festgenommen, kam kurz in Haft und setzte sich danach sofort aus Deutschland ab. In Paris arbeitete sie bei der Organisation Jugend-Aliyah, die dabei half, Kinder in Palästina unterzubringen. In New York schrieb sie dann für die jiddische Zeitschrift "Der Aufbau" über jüdische Probleme. Bemerkenswert ist in diesem Zusammenhang ihre Forderung nach einer jüdischen Armee, die auf seiten der Alliierten gegen die Nazis kämpfen sollte.Nach der Gründung des Staates Israel, besonders aber, nachdem Judah Magnes· Bemühungen gescheitert waren, in Palästina einen demokratischen, föderativen Zweivölkerstaat aufzubauen und die amerikanische Judenheit zunehmend feindselig auf diesen Plan reagierte, hüllte sich Arendt bezüglich der "Judenfrage" in Schweigen. Ihr Eichmann-Buch weckte dann wieder Erinnerungen an eine Zeit, in der sie nicht nur eine verfolgte, staatenlose Jüdin, sondern auch eine politisch militante, linksgerichtete Zionistin gewesen war, fest eingebunden in das Umfeld von Sympathisanten, Kämpfern und Organisatoren des europäischen Sozialismus und Kommunismus. Als Hannah Arendt "Eichmann in Jerusalem" schrieb, waren diese historischen Möglichkeiten bereits verspielt. In Palästina hatte sich der Staatszionismus längst gegen den utopischen Sozialismus durchgesetzt, und das Projekt eines europäischen Völkerbundes, an dem auch die Juden hätten mitwirken können, war in den Gaskammern von Auschwitz elend umgekommen.Zu den tragischen Aspekten von Arendts Bericht über den Eichmann-Prozeß gehört auch das Schwinden der Erinnerung an dieses historische Milieu, das in den zwanziger und dreißiger Jahren enge Kontakte geknüpft hatte zwischen Bundisten, die im Rahmen einer föderativen sozialistischen Sowjetrepublik einen jüdischen Teilstaat bilden wollten, nationalen Zionisten, die einen eigenständigen Judenstaat in Palästina anstrebten, proletarischen Zionisten, die in einem Judenstaat den Traum von der sozialen Gerechtigkei t verwirklichen wollten, nachdem die "Judenfrage" endgültig geklärt war, und ­ jüdischen wie nichtjüdischen ­ militanten Kommunisten, die in Spanien in der Internationalen Brigade kämpften; einige dieser letzteren wurden später von Stalin umgebracht, andere schlossen sich den Nazis an, und eine dritte Gruppe machte sich auf nach Palästina. Obwohl Hannah Arendt selbst nicht militant war, ließ sie sich von den Träumen und Hoffnungen dieses Milieus prägen, jenes "anderen Europa", das sie dann von 1941 an im französischen Widerstand gegen Hitler verwirklicht sah. Viele ihrer Urteile über das Verhalten der etablierten jüdischen Organisationen während des Holocaust vertreten den Standpunkt einer politischen Militanz, der sie ironischerweise zuweilen innerhalb der zionistischen Bewegung in die Nähe des militant zionistischen Revisionistenführers Ze·ev Jabotinsky und seiner Gruppe brachte.Geprägt durch dieses Milieu konnte Hannah Arendt das individuelle Verhalten von Deutschen und Juden im Dritten Reich auch sehr differenziert und nuanciert beurteilen. Für sie waren Verallgemeinerungen über den deutschen Nationalcharakter, den Antisemitismus gerade deshalb ausgeschlossen, weil sie als Zeitgenossin ein sicheres Gespür für schwierige Entscheidungen, Lebensgeschichten und Verstrickungen hatte, die allesamt davon zeugten, daß "es auch anders hätte sein können".Aus dem Englischen von Hans Günter Holl.Seyla Benhabib (*1950) ist Professorin am Department of Political Science der Harvard University und Senior Research Fellow am Center of European Studies. Publikationen: "Selbst und Kontext. Geschlecht, Gemeinschaft und Postmoderne in der zeitgenössischen Ethik" (1995), "The Reluctant Modernism of Hannah Arendt (1996, erscheint 1998 auf Deutsch im Rotbuch Verlag). Auszug aus einem Vortrag, der im Juni 1997 im Rahmen der Tagung "Zur Historiographie des Holocaust am Beispiel von Hannah Arendts ,Eichmann in Jerusalem " gehalten wurde. Ein Sammelband mit den Beiträgen dieser Tagung ist in Vorbereitung.