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Hans Werner Henze zum 80. Geburtstag: Du sollst ja nicht weinen, sagt eine Musik

Hans Werner Henze gehört einer Komponistengeneration an, die vor allem durch die übermächtige, außermusikalische Erfahrung von Faschismus, Nazismus und Krieg schicksalhaft verbunden ist. Geboren am 1. Juli 1926 in Gütersloh Westfalen, fielen sein Schuleintritt und der Machtantritt der Nazis zusammen. Sein Vater, ein Dorfschullehrer, entwickelte sich zum überzeugten "Parteigenossen". Die Kinder mussten beim Zubettgehen den Hitlergruß ausführen. Als bei dem jugendlichen Henze homosexuelle Neigungen erkennbar wurden, fuhr sein eigener Vater ihn mit den Worten an, so etwas wie er gehöre ins KZ. Auch der Militärdienst blieb ihm nicht erspart; im letzten Kriegsjahr war Henze Militärfunker. Das Grauen von Zerstörung und Tod schlug ihm im zerbombten Magdeburg und schließlich in Schleswig-Holstein mit aller Härte entgegen. In der Nähe von Esbjerg erfuhren er und einige überlebende Kameraden endlich von der Kapitulation. Aus Freude über das Ende des Terrors schenkte Henze dem Sohn eines dänischen Pfarrers sein Gewehr, froh, es endlich los zu sein.So ähnlich die schwierigen Startbedingungen der in den 1920er Jahren in Europa geborenen Komponisten auch waren, so verschieden sind die künstlerischen Wege, die sie dann einschlugen. Den Trend zur Abstraktion und zur Verwissenschaftlichung der Kunst, der bei einem Teil der Nachkriegsavantgarde zu beobachten war, lehnte Henze für sich ab. Seine Musik war von Anfang an darauf gerichtet, kommunikative Verhältnisse zu schaffen, zwischen Komponist und Hörer einen Austausch von Erfahrungen und vor allem auch Gefühlen zu erreichen, anstatt Einsichten in die Syntax musikalischen Sprechens zu vermitteln. Dass Henze Gustav Mahler für den wichtigsten Komponisten des frühen 20. Jahrhunderts hält und nicht, wie viele andere, Anton Webern, ist bezeichnend. Auch seine Übersiedlung nach Italien 1953 passt in dieses Kunstkonzept. Mediterrane Lebensart und Kultur erschlossen ihm eine geschichtliche Dimension, deren mehrtausendjährige Tiefe er suchte, um heute nicht nur zeitgemäß, sondern auch europäisch sprechen zu können. Als vermeintlicher Traditionalist verschiedentlich angefochten, stellt sich Henzes Verhältnis zur Tradition in Wirklichkeit als reflektiert und gut durchdacht dar. Dies belegt etwa eine Äußerung von 1959: "Wir sind in unserer Arbeit nicht durch die Vergangenheit belastet. Durch unsere Arbeit beeinflussen wir das Vergangene, sich dem Heutigen anders darzustellen als dem Gestrigen."Undine gingEine der wichtigsten Verbündeten auf Henzes Weg war Ingeborg Bachmann, die ihm nach Italien folgte und bis 1960 auf Ischia und in Neapel mit ihm zusammenlebte. Der inzwischen zugängliche Briefwechsel zwischen Henze und Bachmann lässt das Glückliche und auch das Problematische dieser Beziehung eindrucksvoll hervortreten. In privater Hinsicht war es eine Liebe sui generis, in künstlerischer Hinsicht kann man von gegenseitiger Bereicherung und Stimulierung sprechen. "Musik und Dichtung haben nämlich eine Gangart des Geistes. (.) Darum vermögen sie einander zu erkennen", sagt Bachmann in ihrem Essay "Musik und Dichtung". Diese in den 1950er Jahren gelegentlich bezweifelte Wahrheit haben beide Künstler offensiv verteidigt. Als Henze 1957 zwei Gedichte von Ingeborg Bachmann für Sopran und Orchester setzte, nannte er das fünfteilige Opus "Nachtstücke und Arien". Dies war eine gezielte Provokation gegen die damalige Musikavantgarde, hatte doch Hermann Scherchen Henze vor der Uraufführung von dessen Oper "König Hirsch" in Berlin 1956 vorgehalten, "wir" schrieben heute keine "Arien" mehr! - und die meisten Arien folglich gestrichen. Henze und Bachmann ließen sich nicht beirren. Zwei großartige Opern haben sie zusammen gemacht: "Der Prinz von Homburg" und "Der junge Lord". Zu Bachmanns Hörspiel "Die Zikaden" steuerte Henze die Musik bei. Ein eher indirekter Bezug besteht zwischen Henzes Ballett "Undine" und Bachmanns Erzählung "Undine geht". Lange, nachdem Ingeborg Bachmann ("gegangen" war) - zu Max Frisch nämlich -, widmete sie ihr letztes Gedicht "Enigma" dem Freund Hans Werner Henze. Darin zitiert sie Mahler-Worte: "Du sollst ja nicht weinen, / sagt eine Musik"; sie belegen die Verankerung der beiden Künstler in einer Moderne, die ihren entscheidenden Richtungsimpuls im Wien der Jahrhundertwende erhielt.Instrumentales TheaterHenze ist ein Mann des Theaters. Zu den Welterfolgen zählen außer den bereits genannten Opern "Boulevard solitude", "Elegie für junge Liebende", "Die Bassariden", "Wir erreichen den Fluß" und "Die englische Katze". Zur Zeit schreibt der Achtzigjährige an der zweiaktigen Konzertoper "Phaedra", deren erster Akt bereits vollendet ist. Theatrale Imaginationen dringen aber auch in Henzes Instrumentalmusik ein. Der Komponist steht sogar auf dem Standpunkt, dass Musik insgesamt zu den "darstellenden Künsten" zu zählen sei, gemäß einem Wort Leonardo da Vincis, der von der Musik sagte, sie "stelle die Dinge dar, die man nicht sehen" könne. Die Durchlässigkeit von Henzes Instrumentalmusik für literarische und malerische Sujets und überhaupt für andere Ausdrucksmedien hat auch in formaler Hinsicht zu ganz neuen, teils singulären Lösungen geführt. Henzes Innovationen, gerade auch innerhalb der Gattung Solokonzert, sind überhaupt noch nicht richtig gewürdigt worden. Die "Ariosi" für Sopran, Violine und Orchester, der "Tristan" für Klavier, Orchester und Tonbänder oder das "Requiem" in Form von neun "geistlichen Konzerten" für konzertierende Trompete, Solo-Klavier und Orchester sind ohne Vorbild in der neuen und alten Musik.Hans Werner Henze, der sich nach wie vor als Deutscher fühlt, obgleich er die Ehrenbürgerschaft zweier italienischer Städte besitzt, wird als einer der Großen in der deutschen Musikgeschichte Bestand haben. Welcher Komponist aus seiner Generation hat eigentlich außer gut 30 Musiktheaterwerken bereits zehn Sinfonien, mehr als 20 Konzerte, Oratorien, Kantaten und Lieder sowie instrumentale und vokale Kammermusik unterschiedlichster Besetzung - darunter zahlreiche Meisterwerke - geschrieben? Tatsächlich muss man bis auf Mozart, das früh verstorbene Genie, zurückblicken, um auf einen Komponisten zu stoßen, dessen Schaffen ein Leben lang gleichmäßig der Theaterbühne einerseits und dem Konzertpodium andererseits zugewandt war, nein ist.------------------------------Unser Autor ist Professor für Musikwissenschaft in Hamburg.Hans Werner Henze wird am 31. August in der Berliner Philharmonie über die Neufassung seiner Oper "Das verratene Meer" sprechen, die anschließend vom Orchestra Sinfonica Nazionale della RAI unter Gerd Albrecht zur Berliner Erstaufführung gebracht wird.------------------------------"Wir sind in unserer Arbeit nicht durch die Vergangenheit belastet. Durch unsere Arbeit beeinflussen wir das Vergangene, sich dem Heutigen anders darzustellen als dem Gestrigen."Hans Werner Henze



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