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Hasan Elahi: Der blaue Toilettendeckel und die NSA

Computer-Überwachung bei harmlosen Bürgern war kein Thema bei der BKA-Pressekonferenz.

Computer-Überwachung bei harmlosen Bürgern war kein Thema bei der BKA-Pressekonferenz.

Foto:

REUTERS

Wenn der Staat alles über seine Bürger wissen will, dann soll er alles von mir wissen. Das beschloss der Künstler und Medienwissenschaftler Hasan Elahi im Sommer 2002, als das FBI ihn am Flughafen von Detroit abfing, verhörte und danach seinen Lagerraum durchsuchte.

Statt des vermuteten Sprengstoffs fand sie jedoch lediglich Winterklamotten und Flohmarktkram. Und auch bei neun Befragungen mit dem Lügendetektor konnte das FBI – selbstverständlich – nicht den geringsten Hinweis auf terroristische Aktivitäten des Künstlers entdecken. Dennoch brauchte die Bundespolizei sechs Monate, bis sie Hasan Elahi mitteilte: Es ist alles okay.

Daraufhin fing Elahi an, dem FBI mitzuteilen, wenn er verreiste oder irgendetwas Besonderes tat. Seit 2003 kann jeder auf seiner Webseite genau verfolgen, wo sich der Künstler gerade befindet, Fotos von den Hotelzimmern sehen, das Essen im Flugzeug oder auch Toilettendeckel. In der unteren Hälfte der Seite weist ein roter Pfeil auf den Ort, an dem er sich gerade aufhält – und das bevor soziale Netzwerken wie Facebook oder Foursquare dies uns allen ermöglichten. Allerdings lassen sich all die Informationen auf seiner Seite nicht ohne weiteres in einen schlüssigen Zusammenhang bringen.

2011 folgerte Elahi in einem Gastkommentar für die New York Times aus seinem Projekt, dass wir unsere Privatsphäre womöglich am besten dadurch schützen, in dem wir sie aufgeben. Er ging davon aus, dass die Nachrichtendienste überfordert wären, wenn hunderte Millionen das machten. Ein Irrtum, wie wir heute dank der Enthüllungen durch Edward Snowden über die NSA wissen.

Der Freitag wollte daher von dem Künstler wissen, was das für ihn heiße: „Mir ist inzwischen auch klar, dass mein Projekt rein symbolischer Natur ist. Natürlich können die Geheimdienste Milliarden und Abermilliarden Daten scannen. Aber wie finden sie heraus, in welcher Stadt die Toilette mit dem blauen Klodeckel stand? Sie benötigen einen Übersetzer, um zu verstehen, was ich mache. Die Daten können sie bewältigen, die kulturelle Barriere nicht. Ich will sie zu einem anderen kulturellen Verständnis zwingen. Es ist immer möglich, innerhalb des Systems auf das System zu reagieren. Denken Sie an Francisco de Goya. Er malte den königlichen Hof, nutzte seine düsteren Bilder aber auch, um Massaker anzuklagen.“

Elahi sagt zudem, er sei nicht überrascht gewesen, dass es großflächige Überwachungsprogramme gibt: „Ich sehe mir regelmäßig die Serverprotokolle meiner Webseite an und weiß, wann die CIA, die NSA und die Geschäftsstelle des Präsidenten vorbeischauen. Wenn ich also seit Jahren beobachten kann, wer mich beobachtet, wäre es doch naiv zu denken, sie wüssten nicht alles über mich.“ Was aber heißt es, wenn ein Staat alles weiß – und darüber hinaus speichert, also nichts mehr vergisst? Vergessen ist schließlich ist für eine Gesellschaft und für jeden Menschen essenziell. Diese Frage beschäftigt auch Elahi nun mehr denn je. Vielleicht hilft die NSA ja beim Antworten.