Neuer Inhalt
Berliner Zeitung | Heike Döge hat drei Kinder in Pflege genommen, die nicht bei ihren Eltern leben können: Eine andere Art von Familie
19. July 2007
http://www.berliner-zeitung.de/15711320
©

Heike Döge hat drei Kinder in Pflege genommen, die nicht bei ihren Eltern leben können: Eine andere Art von Familie

Lisa* stand in der Tür eines Kinderheims, ein kleines, dürres Ding, mit Brille und Schokolade-verschmiertem Mund. Sie fragte, ob sie jetzt abgeholt wird. Das war schwer zu verstehen, Lisas Nase war verklebt, die Sechsjährige brabbelte wie ein Kleinkind. Ihre Mutter hatte während der Schwangerschaft zu viel Alkohol getrunken. Inzwischen war sie tot. Lisas Vater war Alkoholiker, er schaffte es nicht mehr, sich um sein Kind zu kümmern. Seit ein paar Monaten lebte Lisa im Heim.1993 war das, Heike Döge sagt, dass sie den Anblick dieses kleinen Mädchens nie vergessen wird. Sechs Wochen lang besuchte sie Lisa im Heim, dann nahm sie sie mit nach Hause. Als Pflegekind.Wenn Kinder nicht bei ihren Eltern leben können, weil die sich nicht um sie kümmern können oder wollen, sie aber auch nicht zur Adoption freigeben, dann haben diese Kinder nur noch eine Chance auf eine Familie: Jemand kommt und nimmt sie in Pflege.Max, das RhesusäffchenJemand wie Heike Döge. Sie ist Erzieherin, mag Kinder, das war schon immer so. Sie wollte auch schon immer eine große Familie haben. Vielleicht, weil sie selbst nur mit ihrer Mutter aufgewachsen ist, sagt sie. Eine große Familie, das klingt wie ein großer Plan. Wahrscheinlich kann so ein Plan nur gut gehen, wenn man ihn nicht verbissen verfolgt. Heike Döge hat früh eine Tochter bekommen, die Beziehung zu deren Vater hielt nicht. In der Kita, in der sie arbeitete, lernte die Erzieherin Pflegeeltern kennen. Jemand fragte sie, ob das nichts für sie wäre. Sie bewarb sich.Als Lisa zum ersten Mal die Treppen zu ihrem neuen Zuhause hochsteigen sollte, fiel sie um. Sie hatte zu wenig Kraft in den Beinen. Ihre Pflegemutter machte Säuglingsgymnastik mit der Sechsjährigen. "Pflegekinder sind wie Geschenke. Man packt aus und nimmt, was drin ist", sagt Heike Döge. Sie meint, dass man nichts erwarten darf. Nur Überraschungen. Gute, vor allem aber weniger gute. "Pflegekinder werden sich anders entwickeln, als man denkt." Vielleicht entwickeln sie sich sogar zurück.Heike Döge hat inzwischen fünf Kinder, drei sind Pflegekinder. Sie ist 41, eine kleine Frau, die ihre wilden Locken durch einen Kurzhaarschnitt gebändigt hat. Sie läuft auf bequemen Turnschuhen durch ihr Leben, sie hat immer einen Kalender dabei, in dem im Stundentakt Termine stehen. Die Kinder besuchen verschiedene Schulen, Therapien, Vereine. Dazu arbeitet die Mutter dreißig Stunden in der Woche in einer Kita, die viele behinderte Kinder besuchen. Wenn man Heike Döge fragt, ob ihr das alles nie zu viel wird, sagt sie: "Ich konnte das auch nicht schon immer. Ich bin mit jedem Kind gewachsen."Als sie Max zum ersten Mal im Arm hielt, dachte sie: wie ein Rhesusäffchen. Dünner Körper, großer Kopf. Max war drei Wochen alt, eine andere Frau hatte ihn irgendwo in Berlin geboren und in ein Krankenhaus gebracht. Die Frau verschwand, das Baby blieb im Krankenhaus. Es wollte nicht trinken, nicht schlafen, es schrie den ganzen Tag. Heike Döge bekam einen Anruf. Ob sie ein Baby nehmen würde? Sie war im Erziehungsurlaub, ihr Sohn Daniel etwas älter als ein Jahr. Sie hatte die beiden Mädchen, aber sie hatte auch gesagt, dass sie noch ein Kind aufnehmen würde.Max war ein Schrei-Baby, er wachte alle zwei Stunden auf und lärmte, bis seiner Pflegemutter das Herz weh tat. Später wurden aus den Schreikrämpfen dann Wutanfälle. Eigentlich ein Kind zum Abgewöhnen, sagt Heike Döge. Sie lacht und erzählt von der Familientherapie, die ihr half, das Schreien auszuhalten. Die Ärztin ihrer Kinder hatte eine Zusatzausbildung. Max' Urvertrauen ist kaputt, weil er am ersten Tag seines Lebens verlassen wurde, lernte seine Pflegemutter.Im Kontakt mit den ElternEmma wurde nicht verlassen. Das Jugendamt entschied, dass sie nicht bei ihrer Mutter bleiben sollte, weil die nicht Ordnung halten konnte in ihrer Wohnung und ihrem Leben. Als Emma fast ein Jahr war, landete sie beim Kindernotdienst, mit 40 Grad Fieber, Ausschlag, einer Pilzerkrankung. Es war ein Freitag, als Heike Döge diesen Anruf bekam. Sie holte Emma nach der Arbeit ab. Emma lächelte lange nicht, aber sie stürzte sich in ihrem neuen Zuhause auf alles, was sie essen konnte. Wenn sie etwas wollte, brüllte sie.Emma ist jetzt fünf, sie soll nach den Ferien in die musikorientierte Schule kommen, die ihr Bruder Daniel besucht. Alle Kinder sehen sich als Geschwister, sagt Heike Döge. Man glaubt es sofort, wenn man sie über den Spielplatz toben sieht.Das mit der großen Familie ist jetzt so: Andrea, die Älteste, ist 23 und lebt in Hamburg. Lisa, das Heimkind mit den schlappen Beinen, ist 21. Sie hat gerade wieder eine Medaille im Bowling gewonnen. Sie macht Sport im Verein und lernt in einer Behindertenwerkstatt. Lisa ist zu fünfzig Prozent geistig behindert. Daniel ist zehn und hat die wilden Locken seiner Mutter. Er spielt gern Fußball, genau wie Max, das ehemalige Schrei-Baby. Max ist neun, ein kleiner, schmaler Junge mit großen, hellblauen Augen. Er hat Probleme mit dem Lernen, vielleicht ist auch er geistig behindert.Den Überblick über die Familie zu behalten, ist für Außenstehende nicht einfach. Heike Döge hat einen Lebensgefährten, auch er lebt in der 145-Quadratmeter-Wohnung in Lichtenberg und hilft, wo er kann.Und dann gibt es da noch die Eltern und Geschwister der Pflegekinder. Und die Pflegefamilien der Geschwister. Max hat vier Geschwister, Emma zwei, auch diese Kinder leben fast alle nicht mehr bei ihren leiblichen Eltern. Eure Eltern lieben euch, aber sie schaffen es nicht, sich um euch zu kümmern, sagt Heike Döge zu Max und Emma. Lisas Eltern sind inzwischen beide tot.Pflegefamilien müssen versuchen, den Kontakt zu den Eltern der Kinder zu halten. Zwar können die Kinder meist nicht zurück. Aber es soll nicht ausgeschlossen werden. Auch das muss man aushalten, wenn man Kinder in Pflege nimmt. Heike Döge trifft sich mit anderen Pflegeeltern, ihr steht eine Beraterin aus der Jugendhilfe bei. Es gibt Tiefpunkte, trotz allem. Und es gibt Höhepunkte. Wenn ein Kind zum ersten Mal lacht, das sei einer, "ach, jedes Kinderlachen", sagt die Pflegemutter.* Namen der Kinder geändert.------------------------------Wer darf Kinder in Pflege nehmen?Der Altersunterschied zum Kind darf höchstens 45 Jahre betragen: Pflegeeltern dürfen nicht älter als 63 sein, wenn das Kind 18 wird. Der Familienstand ist unerheblich. Verheiratete, nicht verheiratete, homosexuelle Paare, Singles - alle kommen infrage.Ein polizeiliches Führungszeugnis und ein Attest über die gesundheitliche Eignung müssen vorgelegt, eine ausreichend große Wohnung und ausreichendes Einkommen belegt werden.In Vorgesprächen und Hausbesuchen wird erkundet, wie man lebt und warum man Kinder aufnehmen möchte. Eine Pflegeelternschulung ist obligatorisch. Für jedes Kind wird ein Hilfeplan festgelegt. Dieser Plan wird mindestens einmal im Jahr überprüft.Es gibt Geld für den Lebensunterhalt des Kindes sowie eine Aufwandsentschädigung für die Erziehungsarbeit Die "Pauschale zum Lebensunterhalt" beträgt je nach Alter des Kindes zwischen 330 und 564 Euro im Monat, bei Kindern mit erweitertem Förderbedarf bis zu 670 Euro. Für die "Kosten der Erziehung" bekommen Pflegeeltern zusätzlich 300 Euro im Monat, bei Kindern mit erweitertem Förderbedarf bis zu 959 Euro. Es ist nicht zulässig, dass Pflegeeltern davon leben.Infoabende für Bewerber bietet der Verein Liki - Pflegefamilien für Lichtenberger Kinder am 26. Juli und 16. August. Anmeldung unter Tel. 6139070.Informationen im Netz: www.familien-fuer-kinder.dewww.liki-berlin.de------------------------------Foto: Unter und über einem Dach: Heike Döge mit vier ihrer fünf Kinder. Ganz oben Pflegesohn Max, neun, darunter Pflegetochter Lisa, 21. Unten sitzen Pflegetochter Emma, fünf, und Sohn Daniel, zehn, neben ihrer Mutter.Da kann das Auto einfach nicht mithalten: Seitdem die Deutsche Bahn (DB) mit Tempo 230 in etwas mehr als anderthalb Stunden von Berlin nach Hamburg fährt, boomt die Strecke. Nicht nur in der zweiten, sondern auch in der ersten Klasse sind Sitzplätze oft Mangelware. Damit die Bahn dem Andrang besser gerecht werden kann, gibt es im neuen Fahrplan ein anderes Betriebskonzept für den Intercity Express (ICE), sagte der DB-Konzernbevollmächtigte Ingulf Leuschel. Vom 9. Dezember an wird zwischen Hamburg und Berlin-Südkreuz ein weiterer Zugtyp eingesetzt: Alle zwei Stunden fährt anstelle des ICE-T der größere ICE 1. Davon profitieren vor allem Erste-Klasse-Kunden.Für die Passagiere, die für die Bahn besonders lukrativ sind, ist im ICE 1 in der Tat viel Raum: Jede dieser 12-Wagen-Einheiten bietet fast 200 Sitze in der ersten Klasse. In der zweiten Klasse gibt es knapp 500 Sitze. Das ist mehr als im ICE-T, der zirka 50 Plätze in der ersten und rund 300 in der zweiten Klasse hat.Zwar verkehrt dieser Triebzug auf der Hamburger Bahn zu bestimmten Zeiten in Doppeltraktion - also zu zweit zusammengekuppelt. Doch auch die "Doppelpacks" bieten weniger Erste-Klasse-Sitzplätze als ein einziger ICE 1. Die Zahl der Sitzplätze in der zweiten Klasse ist darin allerdings höher. Damit müssen Fahrgäste, die für weniger Geld unterwegs sind, in einigen Fällen also mit weniger Sitzplätzen als heute vorlieb nehmen.Baubeginn für die S 21 erst 2008Ebenfalls zum 9. Dezember wird es eine weitere Neuerung geben, sagte Leuschel: "Dann kann man wieder ohne Umsteigen mit dem Zug von Berlin nach Kopenhagen reisen." Täglich fährt eine Zweiereinheit des Diesel-ICE in Berlin ab. Von Hamburg rollt ein Teil nach Kopenhagen, der andere Teil nach Århus. Dagegen wird es einen anderen Fernzug im neuen Fahrplan nicht mehr geben: Der Nachtzug nach Köln/Dortmund wird eingestellt.Ende 2007 sollte auch damit begonnen werden, eine S-Bahn vom Hauptbahnhof nach Norden zum Ring zu bauen. Die geplante S 21, die sich nach einem 800 Meter langen Tunnelabschnitt in zwei Äste zu den S-Bahnhöfen Westhafen und Wedding aufspaltet, sollte 2012 fertig sein. Nun aber zeichnet sich ab, dass der erste Spatenstich wohl erst 2008 getätigt werden kann, so Leuschel. Zwar bekennen sich die Bahn, der Bund und das Land zu dem Projekt. Die Finanzierungsvereinbarung und die Ausschreibung des Baus bräuchten aber noch Zeit.------------------------------Mit Tempo 230Schneller: 1964 dauerte eine Bahnreise von Berlin (damals vom Bahnhof Zoo) nach Hamburg vier Stunden und 38 Minuten. Seit dem 12. Dezember 2004 sind die Fahrgäste im Intercity Express (ICE) nur noch rund 90 Minuten unterwegs. Für 650 Millionen Euro wurde die Strecke für ein Tempo von bis zu 230 Kilometer pro Stunde ausgebaut.Voller: Inzwischen sind in den Fernzügen zwischen Berlin und Hamburg täglich rund 10 000 Reisende unterwegs. Anfang 2006 waren es rund 6 000.Größer: Von Dezember an fährt der ICE 1 alle zwei Stunden nach Hamburg.Lisa* stand in der Tür eines Kinderheims, ein kleines, dürres Ding, mit Brille und Schokolade-verschmiertem Mund. Sie fragte, ob sie jetzt abgeholt wird. Das war schwer zu verstehen, Lisas Nase war verklebt, die Sechsjährige brabbelte wie ein Kleinkind. Ihre Mutter hatte während der Schwangerschaft zu viel Alkohol getrunken. Inzwischen war sie tot. Lisas Vater war Alkoholiker, er schaffte es nicht mehr, sich um sein Kind zu kümmern. Seit ein paar Monaten lebte Lisa im Heim.1993 war das, Heike Döge sagt, dass sie den Anblick dieses kleinen Mädchens nie vergessen wird. Sechs Wochen lang besuchte sie Lisa im Heim, dann nahm sie sie mit nach Hause. Als Pflegekind.Wenn Kinder nicht bei ihren Eltern leben können, weil die sich nicht um sie kümmern können oder wollen, sie aber auch nicht zur Adoption freigeben, dann haben diese Kinder nur noch eine Chance auf eine Familie: Jemand kommt und nimmt sie in Pflege.Max, das RhesusäffchenJemand wie Heike Döge. Sie ist Erzieherin, mag Kinder, das war schon immer so. Sie wollte auch schon immer eine große Familie haben. Vielleicht, weil sie selbst nur mit ihrer Mutter aufgewachsen ist, sagt sie. Eine große Familie, das klingt wie ein großer Plan. Wahrscheinlich kann so ein Plan nur gut gehen, wenn man ihn nicht verbissen verfolgt. Heike Döge hat früh eine Tochter bekommen, die Beziehung zu deren Vater hielt nicht. In der Kita, in der sie arbeitete, lernte die Erzieherin Pflegeeltern kennen. Jemand fragte sie, ob das nichts für sie wäre. Sie bewarb sich.Als Lisa zum ersten Mal die Treppen zu ihrem neuen Zuhause hochsteigen sollte, fiel sie um. Sie hatte zu wenig Kraft in den Beinen. Ihre Pflegemutter machte Säuglingsgymnastik mit der Sechsjährigen. "Pflegekinder sind wie Geschenke. Man packt aus und nimmt, was drin ist", sagt Heike Döge. Sie meint, dass man nichts erwarten darf. Nur Überraschungen. Gute, vor allem aber weniger gute. "Pflegekinder werden sich anders entwickeln, als man denkt." Vielleicht entwickeln sie sich sogar zurück.Heike Döge hat inzwischen fünf Kinder, drei sind Pflegekinder. Sie ist 41, eine kleine Frau, die ihre wilden Locken durch einen Kurzhaarschnitt gebändigt hat. Sie läuft auf bequemen Turnschuhen durch ihr Leben, sie hat immer einen Kalender dabei, in dem im Stundentakt Termine stehen. Die Kinder besuchen verschiedene Schulen, Therapien, Vereine. Dazu arbeitet die Mutter dreißig Stunden in der Woche in einer Kita, die viele behinderte Kinder besuchen. Wenn man Heike Döge fragt, ob ihr das alles nie zu viel wird, sagt sie: "Ich konnte das auch nicht schon immer. Ich bin mit jedem Kind gewachsen."Als sie Max zum ersten Mal im Arm hielt, dachte sie: wie ein Rhesusäffchen. Dünner Körper, großer Kopf. Max war drei Wochen alt, eine andere Frau hatte ihn irgendwo in Berlin geboren und in ein Krankenhaus gebracht. Die Frau verschwand, das Baby blieb im Krankenhaus. Es wollte nicht trinken, nicht schlafen, es schrie den ganzen Tag. Heike Döge bekam einen Anruf. Ob sie ein Baby nehmen würde? Sie war im Erziehungsurlaub, ihr Sohn Daniel etwas älter als ein Jahr. Sie hatte die beiden Mädchen, aber sie hatte auch gesagt, dass sie noch ein Kind aufnehmen würde.Max war ein Schrei-Baby, er wachte alle zwei Stunden auf und lärmte, bis seiner Pflegemutter das Herz weh tat. Später wurden aus den Schreikrämpfen dann Wutanfälle. Eigentlich ein Kind zum Abgewöhnen, sagt Heike Döge. Sie lacht und erzählt von der Familientherapie, die ihr half, das Schreien auszuhalten. Die Ärztin ihrer Kinder hatte eine Zusatzausbildung. Max' Urvertrauen ist kaputt, weil er am ersten Tag seines Lebens verlassen wurde, lernte seine Pflegemutter.Im Kontakt mit den ElternEmma wurde nicht verlassen. Das Jugendamt entschied, dass sie nicht bei ihrer Mutter bleiben sollte, weil die nicht Ordnung halten konnte in ihrer Wohnung und ihrem Leben. Als Emma fast ein Jahr war, landete sie beim Kindernotdienst, mit 40 Grad Fieber, Ausschlag, einer Pilzerkrankung. Es war ein Freitag, als Heike Döge diesen Anruf bekam. Sie holte Emma nach der Arbeit ab. Emma lächelte lange nicht, aber sie stürzte sich in ihrem neuen Zuhause auf alles, was sie essen konnte. Wenn sie etwas wollte, brüllte sie.Emma ist jetzt fünf, sie soll nach den Ferien in die musikorientierte Schule kommen, die ihr Bruder Daniel besucht. Alle Kinder sehen sich als Geschwister, sagt Heike Döge. Man glaubt es sofort, wenn man sie über den Spielplatz toben sieht.Das mit der großen Familie ist jetzt so: Andrea, die Älteste, ist 23 und lebt in Hamburg. Lisa, das Heimkind mit den schlappen Beinen, ist 21. Sie hat gerade wieder eine Medaille im Bowling gewonnen. Sie macht Sport im Verein und lernt in einer Behindertenwerkstatt. Lisa ist zu fünfzig Prozent geistig behindert. Daniel ist zehn und hat die wilden Locken seiner Mutter. Er spielt gern Fußball, genau wie Max, das ehemalige Schrei-Baby. Max ist neun, ein kleiner, schmaler Junge mit großen, hellblauen Augen. Er hat Probleme mit dem Lernen, vielleicht ist auch er geistig behindert.Den Überblick über die Familie zu behalten, ist für Außenstehende nicht einfach. Heike Döge hat einen Lebensgefährten, auch er lebt in der 145-Quadratmeter-Wohnung in Lichtenberg und hilft, wo er kann.Und dann gibt es da noch die Eltern und Geschwister der Pflegekinder. Und die Pflegefamilien der Geschwister. Max hat vier Geschwister, Emma zwei, auch diese Kinder leben fast alle nicht mehr bei ihren leiblichen Eltern. Eure Eltern lieben euch, aber sie schaffen es nicht, sich um euch zu kümmern, sagt Heike Döge zu Max und Emma. Lisas Eltern sind inzwischen beide tot.Pflegefamilien müssen versuchen, den Kontakt zu den Eltern der Kinder zu halten. Zwar können die Kinder meist nicht zurück. Aber es soll nicht ausgeschlossen werden. Auch das muss man aushalten, wenn man Kinder in Pflege nimmt. Heike Döge trifft sich mit anderen Pflegeeltern, ihr steht eine Beraterin aus der Jugendhilfe bei. Es gibt Tiefpunkte, trotz allem. Und es gibt Höhepunkte. Wenn ein Kind zum ersten Mal lacht, das sei einer, "ach, jedes Kinderlachen", sagt die Pflegemutter.* Namen der Kinder geändert.------------------------------Wer darf Kinder in Pflege nehmen?Der Altersunterschied zum Kind darf höchstens 45 Jahre betragen: Pflegeeltern dürfen nicht älter als 63 sein, wenn das Kind 18 wird. Der Familienstand ist unerheblich. Verheiratete, nicht verheiratete, homosexuelle Paare, Singles - alle kommen infrage.Ein polizeiliches Führungszeugnis und ein Attest über die gesundheitliche Eignung müssen vorgelegt, eine ausreichend große Wohnung und ausreichendes Einkommen belegt werden.In Vorgesprächen und Hausbesuchen wird erkundet, wie man lebt und warum man Kinder aufnehmen möchte. Eine Pflegeelternschulung ist obligatorisch. Für jedes Kind wird ein Hilfeplan festgelegt. Dieser Plan wird mindestens einmal im Jahr überprüft.Es gibt Geld für den Lebensunterhalt des Kindes sowie eine Aufwandsentschädigung für die Erziehungsarbeit Die "Pauschale zum Lebensunterhalt" beträgt je nach Alter des Kindes zwischen 330 und 564 Euro im Monat, bei Kindern mit erweitertem Förderbedarf bis zu 670 Euro. Für die "Kosten der Erziehung" bekommen Pflegeeltern zusätzlich 300 Euro im Monat, bei Kindern mit erweitertem Förderbedarf bis zu 959 Euro. Es ist nicht zulässig, dass Pflegeeltern davon leben.Infoabende für Bewerber bietet der Verein Liki - Pflegefamilien für Lichtenberger Kinder am 26. Juli und 16. August. Anmeldung unter Tel. 6139070.Informationen im Netz: www.familien-fuer-kinder.dewww.liki-berlin.de------------------------------Foto: Unter und über einem Dach: Heike Döge mit vier ihrer fünf Kinder. Ganz oben Pflegesohn Max, neun, darunter Pflegetochter Lisa, 21. Unten sitzen Pflegetochter Emma, fünf, und Sohn Daniel, zehn, neben ihrer Mutter.