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Heli Ihlefeld : Die liebe Freundin des Willy Brandt

„Sein Humor kommt meistens zu kurz“, sagt Heli Ihlefeld über Willy Brandt.

„Sein Humor kommt meistens zu kurz“, sagt Heli Ihlefeld über Willy Brandt.

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BLZ/Markus Wächter

BERLIN -

Am Ende wird Heli Ihlefeld zu einer Kommode gehen, eine kleine Schublade aufziehen und einen Brief herausnehmen. „Der Bundeskanzler der Bundesrepublik Deutschland“ steht auf dem Umschlag, in geschwungenen Druckbuchstaben. In dem Umschlag liegt eine Karte aus Büttenpapier, in enger, zierlicher Handschrift beschrieben, datiert vom 19. 4. 1971: „Liebe Heli Ihlefeld, anbei finden Sie den Glücksklee, den meine Herren und ich Ihnen eigentlich schon in Riva geben wollten.“

Man muss etwas mehr über Heli Ihlefeld wissen, um diesen Brief zu verstehen, und warum sie ihn vierzig Jahre lang aufgehoben hat.

Vor den Fenstern von Heli Ihlefelds Wohnung in Berlin-Kreuzberg liegt ein Park in der Dämmerung. In der Wohnung brennen Kerzen, es sieht gemütlich aus, aber wahrscheinlich ist man für diese Seiten eines Berliner Novembertages wenig empfänglich, wenn man gerade von einer griechischen Insel kommt. „Zum Glück bin ich bald wieder weg“, sagt Heli Ihlefeld.

„Geht es jetzt um mich?“

Eigentlich wäre sie jetzt auf Naxos, wie jedes Jahr, wenn es kühl wird in Deutschland, aber ein Berliner Freund ist sehr krank, da ist sie hergeflogen. Angekommen ist sie allerdings nicht nur im dunklen deutschen Herbst, sondern in einem Land, das sich in diesen Tagen intensiv an einen Mann erinnert: Willy Brandt wäre am 18. Dezember 100 Jahre alt geworden, und vielleicht hat Heli Ihlefelds Ungeduld auch damit zu tun, dass sie mitten hineingeraten ist in die Gedenkwochen, in denen neue Bücher über Brandt erscheinen, Dokumentationen, Titelgeschichten, in denen Zeitzeugen und Weggefährten aufgesucht und befragt werden.

Sie redet ja gern über diesen Mann, der die Deutschen immer noch berührt wie kaum ein anderer Politiker. Aber unbehaglich wird ihr, wenn man sich zu sehr für diese eine Sache interessiert, Fragen stellt, die sie hier, in ihrer Wohnung, zu einer Gegenfrage veranlassen: „Geht es jetzt eigentlich um mich oder um Willy Brandt?“

Nun ja. Würde man sich auch mit Heli Ihlefeld treffen, wenn sie nur die gute Bekannte Brandts wäre, als die sie jahrzehntelang galt? Da wäre jedenfalls nicht die Neugier, die einen unweigerlich packt, wenn Leidenschaft und vielleicht Liebe im Spiel sind. Erst vor knapp zehn Jahren wurde bekannt, dass Heli Ihlefeld mit Willy Brandt in den Sechziger- und frühen Siebzigerjahren mehr als eine Freundschaft verband. „Willy Brandts heimliche Geliebte enttarnt“, hießen damals die Schlagzeilen. Aufgetaucht war ihr Name in einem Buch von Brandts letzter Ehefrau, Brigitte Seebacher-Brandt. Sie schrieb darin, Ihlefeld sei gemeint gewesen, „wenn W. B. von der ‚lieben Freundin‘ schreibt oder spricht.“ Und sie erzählte von einer zufälligen Begegnung ungefähr 1980, Brandt und Brigitte Seebacher, die damals schon zusammenlebten, trafen Heli Ihlefeld in Bonn, er stellte die Frauen einander vor, und zu Hause habe Willy Brandt dann über Ihlefeld gesagt: „Dies ist die Frau, die ich lange Jahre sehr gern gehabt habe.“ Es sind geradezu scheue Formulierungen, aber sie reichten aus, um im Land für ein wenig Aufregung zu sorgen.

Sie habe lange mit sich gerungen, ob sie der Veröffentlichung ihres Namens zustimmen solle, sagt Heli Ihlefeld an diesem Nachmittag in Kreuzberg. Ein leichter Räucherstäbchenduft zieht durch die Wohnung, an den Wänden hängen Zeichnungen und Radierungen, auf Regalen stehen Skulpturen, einige aus Asien. Es sind die Dinge, die ihr am wichtigsten sind, sie hat viel aussortiert, als sie vor ein paar Jahren ihr Haus in Bonn verkaufte und nach Berlin zog, wo ihr Sohn lebt.

Heli Ihlefeld ist 78, eine schöne, geschmackvoll gekleidete Frau mit weißem Haar und festem Blick. Warum hat sie sich so spät entschieden, ihre Beziehung zu Brandt öffentlich zu machen? Sie habe helfen wollen, sagt Heli Ihlefeld, „dem Bild eines geradlinigen und wunderbaren Menschen etwas von der Beschädigung zu nehmen, die es erfahren hat“. Die Beschädigung, das sind auch die Gerüchte um Willy Brandts Affären, die aufkamen, als es hieß, Günter Guillaume, der 1974 als Spion enttarnte Referent Brandts, habe ihm Mädchen zugeführt. Eine Liste mit Frauennamen tauchte auf, auch deswegen trat Brandt zurück. Die Gerüchte hielten sich. Diese Affären hat es nicht gegeben, da ist sie sich heute sicher. Aber es gab sie, Heli Ihlefeld.

Heli Ihlefeld umkreist das, was sie preisgegeben hat, mit vorsichtigen Beschreibungen, sie will es schützen vor Deutungen, die ihr zu einfach sind. Es ist ein mühevoller Versuch, erst im August stand es wieder in einem Wochenmagazin: Die jahrzehntelang verborgene Geliebte spricht.

„Furchtbar, dieses Wort“, sagt Heli Ihlefeld. Was hat sie dagegen? „Was ist das denn für Sie, eine Geliebte?“ fragt sie zurück. Eine Frau, mit der man eine Beziehung hat, aber nicht zusammenlebt? „Und eine Frau, die wartet. Aber so war es nicht. Da war eine große Sympathie, wir haben viel geredet, über Politik. Und auch, wenn da mehr passiert ist, ist es die falsche Beschreibung.“ Welche fände sie denn passender? „Es war eine intime Freundschaft, damit könnte ich leben.“

Heli Ihlefeld hat vor ein paar Jahren ein Buch über ihr Leben geschrieben. Es heißt „Auf Augenhöhe“, und besser könnte man nicht zusammenfassen, worauf es ihr ankommt – in dem Buch, aber auch bei dem Treffen in ihrer Wohnung, beim etwas komplizierten Versuch, ihr Verhältnis zu Willy Brandt zu beschreiben. Sie hat den Kampf um Gleichberechtigung später zu ihrem Lebensthema gemacht, geprägt auch durch ihre Erfahrungen im politischen Betrieb im Bonn der Sechziger- und Siebzigerjahre, wo Frauen eben genau so meistens nicht behandelt wurden: auf Augenhöhe.

Heli Ihlefeld hat Willy Brandt bei der Arbeit kennengelernt, er war Außenminister, sie, 22 Jahre jünger, Bonner Korrespondentin der Münchener Abendzeitung und später des Stern. Bewundert hat sie ihn schon viel länger, seit sie ihn als Teenager im Haus der Eltern in Hannover im Fernsehen sah, da war Brandt noch Regierender Bürgermeister von Berlin. Als Volontärin bei der Kölnischen Rundschau erlebte sie ihn dann bei einer Tagung in Berlin, er hielt eine Rede, sprach von der Unbeugsamkeit der Berliner, der Notwendigkeit, statt in die Aufrüstung in den Frieden zu investieren. Die junge Frau war beeindruckt. „Von da an“, sagt sie, „habe ich mich für Politik interessiert.“

Bei der Abendzeitung, einem Boulevardblatt mit durchaus seriösem Anspruch, fand sie ein paar Jahre später den Ort, an dem sie ihr Interesse an der politischen Analyse mit ihrer Beobachtungsgabe verbinden konnte. Ihre Artikel von damals haben eine Farbigkeit und Detailfreude, die in der politischen Berichterstattung selten waren. Der Spiegel schrieb schon 1966, da war sie 30, sie gelte als „beste Anekdotenerzählerin der Bundeshauptstadt“.

Natürlich hat sie auch eine Anekdote über die erste Begegnung mit Brandt. Es war in der Rheinlust, einer Kneipe, in der sich Politiker und Journalisten trafen. Willy Brandt stand neben Heli Ihlefeld, wie aus Versehen schnippte er Zigarettenasche auf ihr Haar. Ein Annäherungsversuch, der zur männerdominierten Bonner Politikwelt ganz gut passt.

Sie sahen sich bei Interviews, auf Reisen, wo Ihlefeld zu den begleitenden Journalisten gehörte, und irgendwann im Bundestagswahlkampf 1969 wurde mehr aus ihrer Bekanntschaft. Heli Ihlefeld sagt, es geschah „so selbstverständlich, als müsste es so sein“, ohne Erwartungen, ohne schlechtes Gewissen.

Willy Brandt führte eine, allerdings schon nicht mehr glückliche, Ehe mit Rut Brandt, Heli Ihlefeld war ebenfalls verheiratet und Mutter von zwei Kindern. Viele wussten oder ahnten, dass etwas war zwischen ihnen. Doch außerhalb dieses Kreises wurde Heli Ihlefelds Name nie genannt, nie veröffentlicht. Als Günter Guillaume enttarnt wurde, habe sie Angst gepackt, dass es nun soweit sei, sagt Heli Ihlefeld. Der Verleger Franz Burda, Vater von Hubert, bot ihr sein Ferienhaus in Bayern an, damit sie „ein wenig von der Bildfläche verschwinden“ konnte. Doch nichts passierte.

Am Abend des Rücktritts stand Heli Ihlefeld in der Menschenmenge vor Brandts Villa und war „unendlich traurig“. Sie spürte, dass es ein Abschied war. Danach haben sie sich nur noch zweimal gesehen. Nach einem Jahr, zum Mittagessen, und viel später bei der Begegnung mit Brigitte Seebacher.

In seinen Memoiren schrieb Brandt zu den „Weibergeschichten“, sie seien „eine klebrige Mischung von Vorgängen, die teils beobachtet und teils unterstellt worden waren“. Gegeben habe es „eine liebe Freundin, mit der ich mich seit Jahren (…) getroffen (…) hatte“.

„Die einzige Liebeserklärung, die ich je von ihm bekommen habe“, sagt Heli Ihlefeld dazu. Ihre Zweifel, ob doch was dran war an den Gerüchten, waren nun weg. Weil Willy Brandt „ein wahrheitsliebender Mensch“ gewesen sei. Der lieber geschwiegen habe, als etwas Falsches zu sagen. Sollte es doch auch der Wunsch nach Aufmerksamkeit gewesen sein, der Heli Ihlefeld bewogen hat, ihren Namen zu nennen, hat sie die sofort wieder in den Dienst Willy Brandts gestellt.

Gerade hat sie ein Buch veröffentlicht, in dem Anekdoten erzählt werden, die von Willy Brandt handeln. Einige der Geschichten hat sie selbst erlebt, andere hat Brandt für sie aufgeschrieben. „Auch darüber wird Gras wachsen …“ heißt das Buch. Es ist ein kleines Denkmal, das Brandt vor allem als Menschen mit leisem Humor zeigt. „Sein Humor kommt meistens zu kurz, wenn über ihn geredet wird“, sagt Heli Ihlefeld. „Dabei hat er sich damit durchs Leben gerettet. Er hatte eine innere Distanz, die ihn auch bei Belastendem, Verstörendem, bei Anfeindungen und Intrigen sagen ließ: So wichtig bin ich nicht.“

Heli Ihlefeld klingt immer noch schwärmerisch. Allerdings klingen viele Menschen so, wenn sie von Willy Brandt reden. Auch solche, die nicht in ihn verliebt waren.

„Das hat mich wütend gemacht“

Nur die Gleichberechtigung sei nicht sein Thema gewesen, sagt sie. Aber er habe ihr aufmerksam zugehört, wenn sie davon sprach. Sie selbst hat es dazu gebracht, beruflich noch mal neu anzufangen: Sie wurde Pressereferentin von Annemarie Renger, der ersten Bundestagspräsidentin, weil über deren extravagante Kleidung mehr geschrieben wurde als über ihre Arbeit. „Das hat mich wütend gemacht“, sagt Heli Ihlefeld. Sie hatte ihr Thema gefunden. Ein paar Jahre später wurde sie Gleichstellungsbeauftragte der Telekom, sie bekam das Bundesverdienstkreuz für ihren Einsatz.

Sie ist die selbstbewusste Frau geworden, die sie, wie sie sagt, als Journalistin noch nicht war. Den Geschlechterkampf beobachtet sie immer noch interessiert. Sie fand es gut, dass eine junge Stern-Journalistin im vergangenen Jahr in einem Artikel Rainer Brüderles Anzüglichkeiten beschrieb. „Man macht sich doch sonst keine Vorstellung, wie alltäglich Sexismus immer noch ist.“ Als sie jung war, hätte man sich nicht getraut, so etwas öffentlich zu machen. Sie erzählt, wie Franz Josef Strauß, den sie einmal zufällig im Nachtzug von Bonn nach München traf, plötzlich in ihrem Schlafwagenabteil saß, in jeder Hand eine Flasche Bier. „Ich bin raus auf den Flur gegangen, da konnte er nicht anders, als mir zu folgen. Das Bier haben wir dann da getrunken.“ Sie sagt, dass man mit solchen Zudringlichkeiten umgehen können musste. Wäre es denkbar gewesen, darüber zu schreiben? „Es hätte niemand gedruckt.“

Und dann geht sie zu der Kommode, greift in die kleine Schublade und zieht den Brief heraus, dessen Worte man ohne ihre Erklärung nicht verstehen kann. Sie sagt, damals im norditalienischen Riva seien keine „Herren“ dabeigewesen, als er den vierblättrigen Klee für sie pflückte. Und dass Brandt sie in dem Brief gesiezt habe, sei auch nur Tarnung gewesen. Heli Ihlefeld kichert jetzt ein bisschen. „Zum Piepen.“ Etwas Dunkelgrünes rutscht aus der Karte, „da ist ja der Glücksklee“, sagt sie und betrachtet die zarten, brüchig gewordenen Blätter.