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Herfried Münkler über "Imperien. Die Logik der Weltherrschaft": Zustände wie im alten Rom

Die Selbstauflösung der Sowjetunion am 31. Dezember 1991 schloss das imperiale Zeitalter ab. Seit dreitausend Jahren wurde Weltpolitik durch Universalreiche bestimmt. Das ist nun vorbei." Der Berliner Althistoriker Alexander Demandt stellte 1997 diese weltgeschichtliche Diagnose; eine ganz neue Zeit schien ihm angebrochen. Von heute aus, mit Blick auf Anspruch und Machtmittel der USA ist das ganz zweifelhaft. Nach militärischer, wirtschaftlicher, technisch-wissenschaftlicher Kraft sind die USA allen anderen Staaten drückend überlegen. Ihre Einflusszonen mit hunderten von Militärstützpunkten weltweit; eine militärische Organisation nach fünf möglichen Einsatzgebieten auf der Erde; die Fähigkeit, Kapitalströme durch Weltbank und Weltwährungsfonds zu steuern, und zuletzt die Bereitschaft, diese Mittel auch einzusetzen, lassen die USA als Imperium erscheinen, da mag der Verteidigungsminister noch so fest beteuern "we don't do Empire". Andererseits sehen wir gerade, wie der Versuch, in einem einzelnen Staat, Irak, Ordnung zu schaffen, zu scheitern droht. Befinden wir uns doch in einer postimperialen Ära?Herfried Münkler, Professor für Politikwissenschaft an der Humboldt-Universität, hält das für eine Illusion. Sein neues Buch "Imperien. Die Logik der Weltherrschaft - vom Alten Rom bis zu den Vereinigten Staaten" deutet schon im Titel an, dass er Imperien für eine feste Größe der Geschichte hält. Über die Zeiten und Räume hinweg gibt es eine Logik der Weltherrschaft, einen Zwang aus Vernunft. Nun ist Münkler selbst kein Mann schärfsten Denkens. Wohl grenzt er Staaten gegen Imperien ab auch nach der "Bevölkerungsintegration". Der Staat hat eine weitgehend homogene Bevölkerung, das Imperium umfasst verschiedenartige Bevölkerungen. Aber dann, wenige Seiten später, schiebt Münkler den Hinweis auf den multinationalen, multiethnischen Charakter der Imperien beiseite, das sei nur eine politische Definition des Zentrums, oft nach dem Grundsatz des divide et impera, teile und herrsche. Doch typischerweise besteht gerade in diesem Punkt, der Wahrnehmung der Trennung, Einvernehmen zwischen Zentrum und Peripherie, zwischen Gallien und Rom, Indien und London, Tschetschenien und Moskau. Und das ist es auch, was imperiale Herrschaft so schwierig macht: Die Asymmetrie des Imperiums ist nicht nur eine der Macht, sondern auch eine der Achtung.Darüber nun schreibt Münkler wenig. Zwar beanstandet er, dass ältere Theorien der Imperien und des Imperialismus sich um die "Peripherie" - das ist das Wort für die Unterworfenen - wenig gekümmert hätten. Er selbst aber hält es kaum anders. Vielleicht ist das der letzte Grund, warum er so wenig über die Donaumonarchie schreibt, ihr sogar (wenn auch nicht konsequent) den Charakter des Imperiums abspricht. Über das Habsburgerreich sprechen heißt über die nationalen, kulturellen Konflikte sprechen, zum Beispiel über den deutsch-tschechischen Gegensatz, der durch alle Schichten ging. Das ist so wichtig, weil das Imperium, anders als die Hegemonialmacht, nicht allein außenpolitische Beziehungen organisiert, sondern in die inneren Verhältnisse der abhängigen Gesellschaften eingreift, in ihre wirtschaftliche, politische oder religiöse Verfassung. Darin aber liegt die Gefahr der Kränkung. Wie zweifelhaft das Selbstbestimmungsrecht der Völker scheint - die Erfahrungen nach 1918 waren entmutigend -, es bleibt die Frage, ob es nicht doch mit den Ideen der Menschenrechte und der Demokratie unlösbar verbunden ist. Und hier liegt ja wohl auch der Grund für die Annahme Demandts, es könne nach der weltweiten Anerkennung des demokratischen Prinzips keine Imperien mehr geben.Münkler entfaltet dieses Problem nicht. Aber er macht doch deutlich, dass es fortlebt, wenn er ein Problem des "liberalen Internationalismus" anspricht: Die Öffnung regionaler Märkte für westliche Produkte und Kapitalien hatte schon im 19. Jahrhundert die politisch-gesellschaftliche Stabilität dieser "kapitalistisch infiltrierten Räume" untergraben; "nun war es an den Europäern, sie durch Entsendung von Truppen und den Aufbau eigener administrativer Strukturen wieder herzustellen."Die See-Imperien, die bis dahin mit geringen Mitteln und also hochprofitabel die Ströme von Verkehr, Handel und Informationen hatten sichern und steuern können, sahen sich gezwungen, unter hohen Kosten Länder zu besetzen und regieren. Und ähnlich könnte es auch den USA ergehen. Die Vorgänge im Irak lassen sich so interpretieren.Ob das indes Münklers Ansicht ist, lässt sich nicht mit Bestimmtheit sagen. Denn der Autor führt sein gedankliches Material gern als Referat aus der Literatur, als Frage oder als hypothetischen Satz vor: wenn es aber so ist, dass ..., dann ... Was er selbst für das Richtige, Sichere, Wahrscheinliche hält, bleibt mehr als einmal im Unklaren. Man kann es verstehen, wissenschaftlich abgesicherte Aussagen erlaubt seine Frage allerdings nur selten. Denn wenn er auch die ganze Welt der Imperien von Athen, Sparta und Rom bis zu den USA mustert, so steht die politische Frage nach der Natur der amerikanischen Vorherrschaft doch im Vordergrund.Als politischer Essay mit historischer Unterfütterung aber springt Münkler zu viel in der Weltgeschichte herum. Peter Bender, der den Aufstieg der USA mit dem Roms verglichen hat ("Weltmacht Amerika - das neue Rom", Klett-Cotta, jetzt auch bei dtv) oder Niall Ferguson, der die imperiale Unlust und Unfähigkeit der USA tadelnd gegen die Weltreichsbaumeisterlichkeit der Briten abhob ("Das verleugnete Imperium", Piper), haben ihr Problem wissenschaftlich beherrschter angefasst. Was immer man dort einwenden konnte, der Blickpunkt war klar und also auch die Bedeutung der historischen Parallelisierungen. Münkler aber spricht über zu vieles und das zu kurz, als dass sich ähnliche Deutlichkeit herstellte.Die knappen Ausführungen über China etwa können dem, der keine eigenen Kenntnisse hat, kaum helfen. Und selbst an der für ihn entscheidenden Stelle ist der Autor nicht ganz trittfest, an der "augusteischen Schwelle". Gemeint ist damit der Moment, in dem das römische Reich aus der Phase der Eroberung in die der Konsolidierung überging, eine ungeheure politische Leistung vor allem des ersten Kaisers Augustus. Hier spricht Münkler lange über dessen Tugendbläserei, die "tief greifende Sittenreform", statt die Umstellung des politischen und Verwaltungssystems zu erläutern. Das macht keinen ganz seriösen Eindruck, verkennt vor allem die Tiefe der Umwälzung. Immerhin wurden die demokratischen Momente der alten Republik getilgt und auf deren Ruinen ein neuer Verwaltungsapparat aufgebaut, effizient, korrekt, aber ganz dem Kaiser verpflichtet.Im übrigen aber stehen alle ausgreifenden Staaten irgendwann vor der augusteischen Schwelle. Dann müssen die ersten Erfolge, Macht und Einfluss institutionalisiert werden, was heißt: die "Peripherie" vom Wert des Imperiums auch für sie zu überzeugen. Gerade für Demokratien ist das, wie Münkler feststellt, ein Problem, denn jetzt muss die Zentralmacht und deren stimmberechtigtes Volk Vorteile mit der Peripherie teilen.Wie mögen die Chancen dazu in den USA stehen? Münkler enthält sich des Urteils. Wohl glaubt er mit dem Philosophen Richard Rorty, dass ein amerikanisches Imperium immer noch das beste sei, was die Erde zu erwarten habe (auch wenn er Europa eine größere Rolle als derzeit zuweist, ja Amerikas Rüstung eine Antwort auf die europäische Wirtschaftskraft nennt.)Doch wie ein solches Imperium unter den Bedingungen der Gegenwart aussehen könnte, das ist ihm auch nicht klar. Mehrfach spricht er von der Lenkung der "Ströme", Verkehr-, Handels-, Informationsströme als dem völlig neuen Ausdruck imperialer Herrschaft. Doch was das heißt für die Ordnung der Welt, das bleibt im Ungefähren. Münkler ist tief von der Ordnungskraft der Imperien überzeugt. Was sich ihnen entgegenstellt, hat er selten im Blick. So ist sein Buch Ausdruck einer ratlosen Hoffnung.------------------------------Herfried Münkler:Imperien. Die Logik der Weltherrschaft - vom Alten Rom bis zu den Vereinigten Staaten. Rowohlt Berlin, Berlin 2005. 336 S., 19,90 Euro.------------------------------Foto: Brüh' im Dampfe dieses Rüssels! Der Stahlelefant in Jules Vernes gleichnamigen Roman zieht ein rollendes Hotel durch Indien. Er kann seinen Dampf aber auch auf Eingeborene lenken. Die geben daraufhin den Weg frei für die Herren der Welt, den Siphahi-Aufstand gegen das Empire niederzuwerfen.