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Hertha BSC: Lewan Kobiaschwili - Kapitän ohne Boot

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Sitzen bleiben: Weil er Schiedsrichter Stark im Relegationsspiel am 15. Mai in Düsseldorf geschlagen haben soll, hat Lewan Kobiaschwili die bisher längste Sperre eines Bundesligaprofis verbüßt.
Sitzen bleiben: Weil er Schiedsrichter Stark im Relegationsspiel am 15. Mai in Düsseldorf geschlagen haben soll, hat Lewan Kobiaschwili die bisher längste Sperre eines Bundesligaprofis verbüßt.
Foto: dapd

Nach seinem Ausraster im Relegationsspiel hat Lewan Kobiaschwili eine siebenmonatige Sperre hinter sich. Der Hertha-Verteidiger hat gelitten, gehofft, gekämpft – eine Begegnung

Lewan Kobiaschwili kommt pünktlich zur Verabredung. Das Café in der Nähe des Berliner Olympiastadions ist um die Mittagszeit gut gefüllt. Vorwiegend betuchte Rentner aus Westend besetzen die Tische, dazu Geschäftsleute mit iPhones und Laptops, sie alle sorgen für ein Stimmengewirr, das an einen Bienenschwarm erinnert.

Kobiaschwili trägt eine graue Wollmütze. Die setzt der Georgier, 35, auch im Café nicht ab. Er ist seit Januar 2010 Profi bei Hertha BSC. Er sagt, er habe immer versucht, möglichst wenig in der Öffentlichkeit zu stehen. „Ich musste meinen Namen nicht jeden Tag in der Zeitung lesen. Darauf habe ich keinen Wert gelegt.“ Die Mütze scheint ihm in diesen Tagen ein wenig Schutz vor fremden Blicken zu bieten.

Der vielseitige Abwehrmann, mit 100 Länderspielen Rekordinternationaler von Georgien, ist seit 15 Jahren im Bundesligageschäft. Zuerst fünf Jahre beim SC Freiburg, später sieben Jahre beim FC Schalke 04 und nun seit drei Jahren bei Hertha. Öffentlichkeit war da nicht zu vermeiden. Doch noch nie stand er so häufig so unfreiwillig im Fokus, noch nie haben ihn die Medien so bedrängt wie in den zurückliegenden Monaten. Der Anlass war unschön und dramatisch.

Die schlimmste Zeit der Karriere

Kobiaschwili rührt in seinem Milchkaffee, als er erzählt, wie er das letzte halbe Jahr überstanden hat: die schlimmste Zeit seiner Karriere. Monate, in denen er seinen von ihm so geliebten Beruf nicht ausüben konnte. Das hat ihn hart getroffen und sehr unglücklich gemacht. „Die Geschichte“, sagt er, „hat mich unheimlich belastet. Natürlich auch meine Familie, meine Frau Tamara, meinen Sohn Nicka und meine Tochter Salomé.“

„Die Geschichte“ – sie begann am 15. Mai beim zweiten Relegationsspiel um die Zugehörigkeit zur Ersten Bundesliga zwischen Fortuna Düsseldorf und Hertha BSC (2:2). Die skandalösen Umstände während des Duells, bei dem noch vor dem Abpfiff Hunderte Düsseldorfer Fans den Rasen stürmten, sind hinlänglich beschrieben worden und waren wochenlang Thema bei der Sportgerichtsbarkeit.

Im Tohuwabohu nach dem Ende der Partie beschimpften aufgebrachte Hertha-Profis Schiedsrichter Wolfgang Stark aus Ergolding, sie gestikulierten heftig. In dieser Situation soll Kobiaschwili den Fifa-Referee geschlagen haben. In dessen Nacken, wie Stark später berichtete. Ärzte stellten ein Hämatom fest.

Stark erstattete Anzeige wegen Körperverletzung, der DFB-Kontrollausschuss forderte ein Jahr Sperre für den Georgier. Später milderte das DFB-Sportgericht die Strafe ab. Sieben Monate und zwei Wochen für alle Pflicht- und Freundschaftsspiele betrug nun der Bann. Er endet am 31. Dezember, heute in einer Woche also.

Kobiaschwili zählt die Tage bis zu diesem Datum. Die Feiertage verbringt er mit Familie bei seiner großen Verwandtschaft und Freunden in Tiflis. Erst danach, im neuen Jahr, wird er wieder freier im Kopf sein. Eine Sorge ist er aber bereits vorige Woche losgeworden.

Da bekam er Nachricht von der Staatsanwaltschaft. Die hatte über eine Strafanzeige von Schiedsrichter Stark zu befinden und sich nun mit Kobiaschwilis Verteidigung geeinigt: auf eine Geldstrafe von 60.000 Euro. Der Profi hat das Urteil schnell akzeptiert, eine Gerichtsverhandlung ist damit vom Tisch.

Rehhagel will helfen

Kobiaschwili will nicht über Geld reden, nicht über die heftigen finanziellen Verluste, die er wegstecken musste. Er hat sehr gut verdient in seiner langen Karriere. Ihm geht es darum, dass er endlich wieder Fußball spielen kann und nicht nur jeden Tag mit dem Wissen zum Training gehen muss, dass er am Wochenende sowieso nicht auflaufen darf. „Es gab Tage, an denen ich nicht aufstehen wollte und keinerlei Lust auf Training hatte. Das alles war schon brutal“, berichtet er mit leiser Stimme.

Nie zuvor seit Bestehen der Bundesliga 1963 – abgesehen vom Bestechungsskandal 1971 – wurde ein Spieler so lange gesperrt wie der über viele Jahre als fairer Profi bekannte Georgier. Timo Konietzka, der erste Torschütze der Bundesliga, damals im Trikot von Borussia Dortmund, war bisher der Inhaber des Rekords.

Als Spieler von 1860 München wurde er 1966/1967 sechs Monate gesperrt. Der Angreifer wurde wegen einer „Tätlichkeit an einem Schiedsrichter“ aus dem Verkehr gezogen. „Stoßen vor die Brust, Tritt gegen das Schienbein, Wegschlagen der Trillerpfeife“, hieß es später in einem Bericht. Damals gab es noch keine Roten Karten.

Anfang Juni hat Lewan Kobiaschwili das Urteil des DFB-Sportgerichts gegen ihn zähneknirschend akzeptiert, „weil ich irgendwann wieder Fußball spielen wollte“. Dennoch erzählt er beim Treff im Café eine andere Version des Zwischenfalls von Düsseldorf.

Er sei während der Tumulte die Treppe Richtung der Kabinen heruntergestolpert, er sei geschubst worden und auf den Schiedsrichter gefallen. „Wir waren alle sehr aufgeregt, ja, aufgebracht, denn unsere Sicherheit war auch nicht gewährleistet. Das hat aber niemanden interessiert. Es gab natürlich Beleidigungen. Ganz klar.“ Wie genau sich die Geschichte tatsächlich abgespielt hat, wird wohl niemand mehr exakt rekonstruieren können.

Die Familie litt mit ihm

Für den Spieler haben sich die Momente ins Gedächtnis eingebrannt. Zu Beginn der Sperre, sagt Kobiaschwili, habe er beinahe jeden Tag die Begegnung von Düsseldorf analysiert. „Jede Szene, auch die nach dem Abpfiff.“ Er habe gegrübelt und natürlich auch eine Selbstwahrnehmung vom Geschehen entwickelt. Andere haben eine andere Wahrnehmung. Auch das weiß Kobiaschwili. Wiedergutmachen kann er die Vorfälle sowieso nicht.

Seinen Kindern, vor allem dem 13-jährigen Nicka, der bei Hertha Zehlendorf in der Jugend im Mittelfeld spielt, musste Kobiaschwili erklären, warum er so oft und so lange zu Hause war wie nie zuvor in seiner Karriere. „Nicka wollte nicht mehr ins Olympiastadion zu den Hertha-Spielen gehen, solange ich nicht dabei sein konnte“, sagt Kobiaschwili. Die Familie litt mit ihm.

Herthas damaliger Trainer Otto Rehhagel offenbar auch. Vor dem DFB-Sportgericht versuchte er zu helfen. Rehhagels kuriose Aussage: „Kobiaschwili ist der fairste Spieler seit dem Zweiten Weltkrieg!“ Doch ausgerechnet in jener Saison war Herthas stellvertretender Kapitän zwei Mal vom Platz gestellt worden. Am 25. Spieltag beim 0:1 gegen den 1. FC Köln mit einer Gelb-Roten Karte und am 31. Spieltag in Leverkusen beim 3:3 mit Rot.

Kobiaschwili galt daher als Wiederholungstäter. „Zuvor“, sagt er im Café in Westend, „bin ich in 15 Jahren in der Liga nur einmal mit Gelb-Rot vom Platz – beim SC Freiburg. Es kann doch nicht sein, dass 15 Jahre nichts wert sind und ich durch einen einzigen Tag ein schlechter Mensch geworden bin.“ Kobiaschwili wirkt ratlos und verzweifelt. „Ich habe eigentlich nie mit den Schiedsrichtern diskutiert, war nie in eine Schlägerei verwickelt, habe immer meine Linie beibehalten.“

„dem Verein einiges schuldig.“

Dennoch kam seine Laufbahn bei 336 Bundesligaspielen abrupt zum Stillstand. Und dennoch hat ihm Hertha BSC jegliche Unterstützung gegeben. Sein Vertrag wurde beinahe demonstrativ bis 2014 verlängert – sogar mit einer Option auf eine weitere Verlängerung. „Das ist stark“, sagt Kobiaschwili, „ich bin dem Verein einiges schuldig.“

Herthas Trainer Jos Luhukay hält viel von dem 35-Jährigen. Er hat ihn jeden Tag in die Übungseinheiten integriert. „Lewan ist ein angenehmer Mensch, der gut mit der Situation umgeht“, sagt Luhukay. Kobiaschwili trainierte mit Felix Bastians, 24, und Fabian Holland, 22, ohne mit ihnen wirklich konkurrieren zu können: Auf seiner Position, der linken Abwehrseite, lieferten die zwei bisher sehr ordentliche Leistungen ab. Luhukay sagt über Kobiaschwili: „Nach Ablauf der Sperre muss er erst mal seinen Rhythmus finden, er braucht viele Testspiele im Januar.“

Auch der Trainer muss erst mal sehen, zur Zukunft seines ältesten Profis sagt er: „Vielleicht wird er ein Spieler, der zwischen Startelf und Bank steht. Auch wenn er nicht auf dem Platz ist, kann er mit seiner Erfahrung helfen.“ Und mit Vielseitigkeit. Luhukay sieht vier Einsatzmöglichkeiten für Kobiaschwili: „Hinten links, Mittelfeld links, auf der defensiven Sechser-Position oder als Schalterspieler auf der Acht.“

Kobiaschwili lächelt, als er von Luhukays Arbeitsplatzbeschreibung hört. Er sagt, ihm sei es egal, wo ihn der Trainer hinstellt, „die Hauptsache ist, dass ich noch mal spielen kann. Ob es ein Einsatz wird oder 15 Einsätze – ich werde immer mein Bestes geben.“ Man merkt, wie gierig der Profi auf seinen ersten Einsatz ist, wie er ihn sich in Gedanken ausmalt, wie er die Teamkameraden auf dem Platz braucht, das Adrenalin beim Einlaufen ins Stadion, das Vertrauen des Trainers, den Beifall des Publikums.

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Die Heimspiele seiner Mannschaft hat er alle von der Tribüne des Olympiastadions aus verfolgt. „Das war schwer. Eine solche Situation war ich ja nie gewohnt.“ Die Auswärtsspiele sah er sich zu Hause vor dem Fernsehapparat an, meist mit seinem Sohn Nicka. Von der Couch aufgesprungen sei er bei den Hertha-Toren, „ja, wir haben dann immer zusammen gejubelt“.

Anfragen aus dem Ausland

Die lange Pause war hart, einerseits. Andererseits, sagt Kobiaschwili, habe sie durchaus auch kleine Vorteile gebracht. Er sei nie verletzt gewesen, körperlich topfit. „Nur die Spielpraxis fehlt natürlich.“ Lewan Kobiaschwili glaubt fest an sein Comeback.

Also gibt es nichts zu bereuen? „Nein“, sagt Kobiaschwili, „ich habe nichts bereut in meiner langen Karriere. Auch diese Situation werde ich überstehen.“ Er habe oft wichtige Entscheidungen treffen müssen und sei eigentlich zufrieden, wie alles lief. Bis auf das letzte halbe Jahr.

Zwei Mal, so verrät er beim Milchkaffee beiläufig, habe es sogar Anfragen vom FC Bayern München gegeben. Einmal, als er noch beim SC Freiburg spielte, einmal während seiner Zeit auf Schalke. Auch Inter Mailand habe schon mal angefragt. Später ZSKA Moskau, und nach dem ersten Abstieg mit Hertha BSC 2011 gab es ein finanziell sehr lukratives Angebot von Dynamo Moskau. Kobiaschwili blieb in Berlin und Hertha treu. Das haben sie ihm in der Chefetage nicht vergessen.

Kobiaschwili sitzt im vollen Café in Westend. Die Wollmütze hat er immer noch nicht abgesetzt, er ist fast inkognito geblieben. Noch einmal formuliert er diesen Wunsch, es ist sein größter momentan: „Auch wenn ich nur noch für ein Spiel gebraucht werden sollte, bin ich glücklich. Ich habe diese ganze unschöne Geschichte nur akzeptiert, weil ich noch einmal spielen möchte.“ Einen Psychologen habe er trotz der seelischen Belastung nie gebraucht und nie gesucht, sagt Kobiaschwili.

Die Sperre brachte ihm zwar viel freie Zeit, aber er suchte sich andere Beschäftigungen. Eine, sagt er, habe ihn prächtig abgelenkt. Kobiaschwili druckst herum, ehe er verrät, dass er im Sommer und im Herbst auf der Havel den Bootsführerschein gemacht hat – „mit sehr, sehr viel Spaß.“ Auf zu neuen Ufern. Jetzt fehlt eigentlich nur noch das passende Boot. Lewan Kobiaschwili besitzt noch keins.

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