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Jos Luhukay: Herthas kleiner General

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Konzentriert: Jos Luhukay vor dem Duell seiner Hertha beim 1. FC Kaiserslautern,
Konzentriert: Jos Luhukay vor dem Duell seiner Hertha beim 1. FC Kaiserslautern,
Foto: dpa
Belek –  

Seit Jos Luhukay Hertha BSC als Trainer übernommen hat, geht es aufwärts. Akribisch und durchsetzungsstark führt der Holländer den Verein auf dem Weg in die Erste Liga.

In der Lobby des Fünf-Sterne-Hotels im türkischen Badeort Belek nahe Antalya geht es um die Mittagszeit geschäftig zu. Männer in eleganten Anzügen und Frauen im Businesskostüm bewegen sich zwischen Fahrstuhl und Rezeption oder plaudern mit einem Erfrischungsgetränk in der Hand in einer der Sitzgruppen.

Dazwischen wuseln junge Männer in Trainingsanzügen umher. Das ist hier jedes Jahr so, wenn die Fußballligen in Europa Winterpause haben und sich die Teams auf die zweite Saisonhälfte vorbereiten. Die Temperaturen sind angenehm und die Rasenplätze exzellent, deshalb hat auch die Mannschaft von Hertha BSC hier Quartier bezogen.

Hoffnungsträger für Hertha

Jos Luhukay kommt in die Lobby und winkt schon von Weitem. Der Cheftrainer von Hertha trägt ein lange blaue Trainingshose und ein kurzärmeliges Shirt mit dem Logo seines Vereins. Er lächelt, und der schwarze Schnauzbart, den der 49-jährige Holländer trägt, hüpft lustig auf und ab. Gerade hat Luhukay mit seinen Spielern eine Übungseinheit absolviert, dann ein längeres Gespräch mit einem seiner Spieler gehabt, am Nachmittag geht das Training weiter.

Jos Luhukay ist seit Juni 2012 in Berlin im Amt, zuvor hatte er Borussia Mönchengladbach und den FC Augsburg trainiert und von der Zweiten in die Erste Liga geführt. Jetzt ist er in der Hauptstadt der Hoffnungsträger, nachdem Hertha in den zurückliegenden drei Jahren zweimal ab- und einmal aufgestiegen ist.

Er hat seitdem vor allem für positive Schlagzeilen gesorgt. „Luhukay überholt eigene Bestmarken“, „Mit Luhukay steigt Hertha auf“ oder „Luhukay – der sanfte Diktator“ schrieben die Zeitungen. Der Trainer hat sein neues Team bislang souverän auf Rang zwei in der Zweiten Bundesliga geführt, die Mannschaft ist seit siebzehn Spielen ungeschlagen, ein vereinsinterner Rekord.

So ganz nebenbei hat Luhukay mit seinen Erfolgen und seiner eloquenten, aber nicht anbiedernden Art auch den nach zwei Abstiegen in der Kritik stehenden Manager Michael Preetz aus der Schusslinie der Medien genommen. Am Sonntag soll das Unternehmen Aufstieg mit dem Spiel bei Jahn Regensburg weitergehen, dann beginnt die entscheidende Phase. Fünfzehn Duelle trennen Hertha noch von Liga eins.

„Du bist bekloppt!“

Luhukay sitzt in einem der roten Sessel, die in der Lobby verteilt sind. Er weiß, die Ausgangslage ist gut, das große Ziel Aufstieg ist erreichbar. Es ist für ihn auch eine emotionale Sache, die Mannschaft zurück in die Beletage des deutschen Fußballs zu führen. Luhukay sagt: „Ich arbeite immer mit viel Herz und Seele. Wenn ich mich für einen Verein entschieden habe, dann zu 100 Prozent.“

Als im Frühjahr vorigen Jahres der Anruf von Hertha-Manager Preetz kam, „da habe ich gesagt: ich fühle mich geehrt, aber ich muss eine Nacht über das Angebot schlafen“, sagt Luhukay. „Nach einem ersten Gespräch mit Preetz und Präsident Werner Gegenbauer in Hannover hatten beide Seiten ein gutes Gefühl.“

        

Der Trainer (l.) und seine erster Ansprechpartner im Team: Kapitän Peter Niemeyer (r.).
Der Trainer (l.) und seine erster Ansprechpartner im Team: Kapitän Peter Niemeyer (r.).
Foto: imago

Luhukay sagte noch vor den beiden turbulenten Relegationsspielen gegen Fortuna Düsseldorf zu, die Hertha am Ende verlor; er war bereit, mit dem Klub auch in der Zweiten Liga zu arbeiten. „Jos, du bist bekloppt!“, sagte einer seiner besten Freunde nach seiner Entscheidung zu ihm. Luhukay grinst, während er das erzählt. „Der hat das aber längst zurückgenommen.“

Luhukay sagt, es sei eben Zeit für eine neue Herausforderung gewesen. Vor Berlin hatte er drei Jahre beim FC Augsburg eine schöne Erfolgsgeschichte geschrieben, mit sehr kleinem Etat den Klub in die Erste Liga geführt und, was noch viel schwieriger war, auch in der Liga gehalten. „Dort habe ich drei Jahre am sportlichen Limit gearbeitet und das Maximale herausgeholt. Mehr ging nicht“, nennt Luhukay einen der Gründe, warum er sich verändern wollte.

Keiner für die Galerie

„Als Hertha anfragte“, sagt Andreas Rettig, damals als Manager kongenialer Partner beim FC Augsburg, „habe ich zu Preetz gesagt, dass Luhukay ein Glücksfall für Berlin werden kann.“ Rettig ist seit einigen Monaten Geschäftsführer der Deutschen Fußball-Liga. Am Telefon spricht er begeistert über Luhukay: „Jos ist sehr bescheiden, aber man darf deshalb nicht davon ausgehen, er habe zu wenig Durchsetzungsvermögen. Das wäre eine irrige Annahme. Das ist kein Trainer für die Galerie, aber ein Trainer mit einem klaren Plan, den er auch konsequent umsetzt.“

Einen konkreten Plan hat Luhukay auch für Hertha BSC. Aufsteigen und dann den Verein in der Ersten Liga wieder etablieren. Er weiß, das wird angesichts von rund 42 Millionen Euro Schulden, die den Klub drücken, schwer genug. Luftschlösser sind mit ihm nicht zu bauen.

Luhukay gehört zu den eher unauffälligen Akteuren im hektischen und schrillen Fußballgeschäft, wo oft Profilierungssucht im Vordergrund steht. In die holländische Nationalmannschaft hatte er es einst als Mittelfeldspieler nicht geschafft, in seiner Vita als Bundesligaprofi stehen lediglich zwei Einsätze für den KFC Uerdingen, die sich bei genauem Hinsehen auf nur 26 Minuten Spielzeit reduzieren. Als Trainer hat er auch noch nicht für ganz große Klubs arbeiten können. Aber die Profis von Hertha BSC schwärmen von ihrem Trainer, und die Verantwortlichen vertrauen ihm.

Indonesische Wurzeln

Auf dem Trainingsplatz ist Jos Luhukay äußerst temperamentvoll. Laut und energisch leitet er nahezu alle Übungen selbst. Der „kleine General“ wurde er schon mal genannt, Luhukay ist nur 1,67 Meter groß. Aber auch eine große Gelassenheit sei ihm zu eigen. „Und eine hohe soziale Kompetenz“, berichtet Andreas Rettig aus Augsburger Zeiten. „Jos lebt jeden Tag vor, was er von anderen fordert.“ Disziplin, Pünktlichkeit, Fleiß, Hingabe, Kreativität.

Die Wurzeln für diese Tugenden liegen sicherlich auch in Luhukays Biografie. Sein Vater, auf den Molukken geboren, die zu Indonesien gehören, musste einst flüchten, weil die Situation auf den Inseln lebensbedrohlich war. Die Molukken wurden in den Niederlanden auf verschiedene Städte verteilt.

„Später lernte mein Vater meine Mutter, eine Holländerin, kennen“, erzählt Luhukay. Sein Vater habe schwer gearbeitet und dafür gesorgt, dass „immer Brot auf den Teller kam“. Verantwortung für die Familie zu übernehmen, das habe er von seinem Vater gelernt – und dass man sich vieles im Leben hart erarbeiten müsse.

Luhukays Eltern wurden früh krank und sind beide früh verstorben. Sein Wunsch nach einer intakten Familie dürfte in dieser Erfahrung wurzeln. „Ich bin fast 33 Jahre mit meiner Frau Ingrid verheiratet“, sagt er, es klingt stolz. Das sei ja nicht selbstverständlich in seiner Branche. Zwei erwachsene Kinder haben die beiden zusammen. Tochter Naomi studiert in Nijmegen Medizin, Sohn Sonny in Venlo Sport.

Allein in der Hauptstadt

Den Lebensmittelpunkt haben die Luhukays noch immer in Venlo, einem Grenzstädtchen mit 99.000 Einwohnern. „Meine Familie sollte nie ihr Leben an meines anpassen, nur, weil ich Fußballtrainer bin“, sagt Luhukay. „Sie sollte ihren Lebensstandard behalten.“ Wie auf früheren Trainerstationen lebt er auch in Berlin allein, in einer Hotelanlage nahe dem Olympiastadion. Dort residieren auch seine beide Assistenten Markus Gellhaus und Rob Reekers. Luhukays Frau kommt fast zu jedem Heimspiel von Hertha BSC nach Berlin.

Noch ein anderes Ereignis hat Luhukay geprägt. Mit der so genannten „Kleurrijk Elftal“, einer Auswahl in den Niederlanden spielender Profis aus den früheren Kolonien, sollte er im Sommer 1989 auf Welttournee gehen. Auch die Stars und Europameister Ruud Gullitt und Frank Rijkaard sollten dabei sein, bekamen aber von ihren Klubs keine Freigabe.

Luhukay fehlte auf dem Flug der Surinam Airways 764 von Amsterdam nach Paramaribo, weil er mit seinem Heimatverein, dem VVV Venlo, noch ein Relegationsspiel um den Klassenerhalt bestreiten musste. Das hat ihm voraussichtlich das Leben gerettet.

Am 7. Juni 1989 stürzte die DC 8 beim Landeanflug ab. 179 Menschen starben, darunter 14 Fußballprofis. Nur elf Passagiere überlebten. An den Gegner in jenem Relegationsspiel, das ihn vor der Tournee bewahrte, erinnert sich Luhukay heute nicht mehr, vielleicht hat er die Geschichte verdrängt. Geblieben ist die Erkenntnis, dass man nach solchen Erfahrungen besser weiß, was im Leben wichtig und was weniger wichtig ist.

Jos Luhukay redet gern und schnell, wenn es um Fußball geht. Seinem Gesprächspartner gibt er dabei das Gefühl, dass man sich auf Augenhöhe unterhält. Wichtig für seine spätere Karriere sei gewesen, dass er schon früh sehr viel über Fußball nachgedacht habe. „Ich habe alles hinterfragt. Warum? Wieso? Weshalb? Für manchen meiner Trainer war das nicht immer angenehm. Ich habe meine Zukunft sehr früh im Fußball gesehen und wollte schnell erfahren, ob ich auch als Trainer tauge.“

Der Teamarbeiter

Dass er ein guter Trainer ist, hat Luhukay inzwischen hinlänglich bewiesen. In Straelen, in Uerdingen, in Paderborn, in Köln, in Mönchengladbach, in Augsburg. Und nun in Berlin. Er kann mit seiner Art zu führen seine Partner für sich einnehmen.

Markus Gellhaus, einer seiner beiden Assistenten, hatte schon Angebote als Chefcoach und ist doch lieber Jos Luhukay gefolgt. Hertha BSC ist die vierte gemeinsame Station. „Wir verstehen uns beide gut“, sagt Gellhaus, „Jos ist fachlich Spitze und er überträgt auch mir viel Verantwortung. Ich kann mich unter ihm entfalten.“

Gellhaus, der sich in Berlin nebenbei vor allem der Förderung der jungen Talente widmet, schätzt an seinem Chef auch, dass er verlässlich und ausgeglichen ist. „Er ist nicht himmelhochjauchzend und später zu Tode betrübt.“ Eine der Stärken von Luhukay, sagt Gellhaus, sei sein Gespür bei der Zusammenstellung der Mannschaft. „Er achtet neben der spielerischen Qualität sehr darauf, dass die Profis charakterlich passen.“

Sitzen Luhukay und seine Assistenten Tag und Nacht zusammen? „Nein“, sagt Gellhaus, „wir gehen schon mal zusammen essen, aber wenn man am Tag von 8 bis 18 Uhr auf dem Trainingsgelände arbeitet, dann braucht jeder später auch seinen Freiraum.“

„Ich genieße jeden Moment.“

Luhukay sieht sich als Teamarbeiter, aber das letzte Wort hat er. Er lässt sich von niemandem reinreden in seinen Aufgabenbereich, auch nicht von den Klubmanagern. „Wer mich anstellt, der weiß, wie ich bin“, sagt er. Wie konsequent er sein kann, bekommen die Spieler zu spüren, wenn sie nicht mitziehen auf dem Weg zum gemeinsamen Ziel.

Als Hertha das zweite Ligaspiel unter Luhukay im August vorigen Jahres sang- und klanglos beim FSV Frankfurt mit 1:3 verloren hatte, hielt er zuerst eine Brandrede in der Kabine und ging dann sogar an die Öffentlichkeit. „Da waren einzelne Personen auf dem Platz und keine Persönlichkeiten“, wetterte der Trainer, „viele bei Hertha meinen, sie seien groß und haben einen Namen. Aber das sind sie nicht.“

Später sagte Luhukay, das sei spontan und nicht kalkuliert gewesen, aber sein Ausbruch kam zum richtigen Zeitpunkt. Wenig später gab er die Prognose ab, Hertha sei nur noch schwer zu schlagen. Seitdem hat die Mannschaft kein Ligaspiel mehr verloren.

Luhukay hat seine Profis längst von seiner Arbeitsweise überzeugt. „Wenn ein Trainer sagt, dass man ab Oktober schwer schlagbar ist und dann klappt das auch – dann geht man für diesen Trainer durchs Feuer“, sagt Herthas Kapitän Peter Niemeyer. „So einfach ist das.“

Hat Jos Luhukay Träume? Einen Lieblingsverein vielleicht, den er gerne einmal trainieren möchte? Der Holländer überlegt nicht lange. „Warum sollte ich träumen, dass ich morgen in Barcelona sitzen darf?“, antwortet er. „Ich bin ein glücklicher Mensch. Ich kann meinen Beruf in Berlin in einer fantastischen Umgebung ausüben. Ich genieße jeden Moment.“

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