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Berliner Zeitung | Hier wurde David Bowie bald zum Dauergast: Am 1. April vor 30 Jahren eröffnete in Schöneberg das Café "Anderes Ufer": Komm, tanz mit mir
31. March 2007
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Hier wurde David Bowie bald zum Dauergast: Am 1. April vor 30 Jahren eröffnete in Schöneberg das Café "Anderes Ufer": Komm, tanz mit mir

Es war zwar der 1.April, als 1977 das Café "Anderes Ufer" gegründet wurde, aber als Scherz war es wirklich nicht gedacht. Denn Gerhard Hoffmann und sein Freund Reinhard von der Marwitz wollten nicht nur offen schwul leben können, sondern eine offene Gesellschaft überhaupt. Und dazu passte es nicht, dass Schwulenbars bloß hinter dicken Vorhängen und getarnten Eingängen mit Einlass per Klingelzeichen geduldet waren.Das "Andere Ufer" am Kleistpark hatte folglich trotz großer Auslagen zur Hauptstraße weder Vorhänge noch Türkontrollen. Auch heterosexuelle Gäste waren willkommen. So wurde es zum ersten offenen Lesben- und Schwulencafé in Deutschland, vermutlich in Europa. Immerhin hatte erst 1971 Rosa von Praumheims Agitprop-Film "Nicht der Homosexuelle ist pervers, sondern die Situation, in der er lebt", viel Aufsehen erregt. Man konnte das "emanzipierte" Lokal bald in normalen Reiseführern finden. Außer Kaffee und Eis und hübschem Publikum gab es alle paar Wochen eine neue Ausstellung, wozu der Innenraum meist inklusive der Tapeten umdekoriert wurde. Nachmittags war der weibliche Anteil, oft durch Besucherinnen des nahen Frauensportzentrums höher, abends umlagerten durchtrainierte Jungs in engen Reihen die Theke. Zu Gast waren ferner gern auch Nina Hagen, Marianne Rosenberg, Rio Reiser und Michel Foucault.Zwei Häuser weiter wohnte 1976 bis 1978 David Bowie mit Iggy Pop in einer gewiss nicht drogenfreien Wohnung und kehrte morgens auf den Weg zu den Hansa-Studios zum Frühstück oder auch ansonsten hier ein. Als einmal nachts ein Betrunkener die Scheiben der Kneipe einwarf, hörte Bowie das, eilte hinunter, schenkte Hoffmann einen Batzen Geld für die Reparatur und hielt in den Scherben Wache, bis der Glaser eintraf. Noch heute ist David Bowie eine Art Schutzheiliger des "Ufers". Wenn er in Berlin ist, sagt die Legende, lässt er sich gern im Schritttempo an seiner alten Trinkhalle vorbeifahren. Als Frank Wacker 2003 den Laden übernahm, renovierte er zunächst einmal gründlich. Daraufhin meldeten sich unerschrockene Bowie-Fans, die sich für die abmontierten Urinale interessierten, in denen sich der Star vermutlich einst des vorher getrunke-nen Biers entledigt hatte. Zu spät, die Firma hatte sie bereits entsorgt.Frank Wacker, ein schmaler, schmucker Norddeutscher, kam um 1985 erstmals ins "Andere Ufer". Er war derart aufgeregt, dass er an der falschen U-Bahn-Station ausstieg und danach eine halbe Stunde zu Fuß unterwegs war. Von Anfang an war er der Aura des Etablissements mit der aparten Kundschaft verfallen. Heterosexuelle können überall flirten, bei Homosexuellen ist das schwerer. Im "Ufer" war es tagsüber und mit mehr emotionaler Bandbreite möglich als in den Abschleppschuppen mit ihren anonymen Darkrooms, ohne dass die Bar gleich zum Kontakthof geriet.So hat das "Andere Ufer" nicht nur den deutschen Herbst überstanden und Helmut Kohl, sondern auch die Maueröffnung und die Turbulenzen auf dem ohnehin hektischen Kneipensektor, die sich mit der Wiedervereinigung abermals beschleunigten. Zwei Jahre, nachdem von der Marwitz an Aids verstorben war, trennte sich Hoffmann 1998 von dem Lokal. Dann wech-selten die Betreiber, das Niveau sank, es gab eine Schließung von etlichen Monaten.Dem gelernten Bankkaufmann Frank Wacker blutete das Herz. Als gastronomischer Newcomer bewarb er sich kurz entschlossen um das traditionsreiche Café, warf all seinen Charme in die Verhandlungen - und gewann. Um die Zäsur des Neubeginns zu betonen, benannte er das "Andere Ufer" in "Neues Ufer" um. Mit dem langen Atem des wahren Liebhabers, der selbst hinter der Theke steht, setzte er auf Stil und Qualität, obwohl sich das langsamer rentiert, als wenn er jedem Modetrend nachlaufen würde. Das Mobiliar ist nach Kaffeehausart gediegen, auf den 14 Tischen leuchten frische Blumen, die Wände sind farbig und tragen derzeit wunderschöne Plakate von Choreographien Pina Bauschs.Das Kuchen- wie Kaffeeangebot ist vorzüglich, die Zeitungsauswahl ansprechend. Die Bionade wird so freundlich serviert wie das Bier. Trau keinem über 30? Dem "Ufer" schon. Die verwöhnte Klientel aus dem Homo- wie Heterolager entdeckt es gerade wieder neu. Im Lauf des Jahres soll es ein Geburtstagsfest geben. Vielleicht schaut ja auch David Bowie wieder mal vorbei.Neues Ufer, Hauptstr. 159, Schöneberg------------------------------Foto : Wohnzimmer für jede Tageszeit: das Café "Neues Ufer", als es noch das "Andere Ufer" war. Heute treffen die Palmen vom Leuchtschild sich in der Mitte.


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