blz_logo12,9

Historiker Martin Schulze Wessel: „Der historische Kontext fehlt“

Martin Schulze Wessel, Historiker

Martin Schulze Wessel, Historiker

Foto:

VDH

Herr Schulze Wessel, ist der Direktor der Vertriebenen-Stiftung, Manfred Kittel, noch zu halten?

Dazu kann ich mich nicht äußern.

Wie bewerten Sie die Vorwürfe, wonach Kittel den Wissenschaftlichen Beraterkreis der Vertriebenen-Stiftung nicht konsultiert habe und Vertreibung einseitig beleuchte?

Wissenschaftliche Beraterkreise sind dazu da, dass man sie hört. Das gilt zumal für eine Ausstellung, die politische Brisanz hat. Die Berater aus dem In- und Ausland haben ja auch ihren guten Namen in die Waagschale geworfen, um diese Ausstellung zu unterstützen. Wenn sie nicht gehört werden, funktioniert das ganze Modell nicht.

Und was ist mit der Einseitigkeit?

Man kann mit Blick auf die vorliegende Ausstellung, die Kittel von einem griechischen Anbieter gekauft hat, eindeutig sagen, dass dem Teil, der am Ende nicht gezeigt worden ist über die Vertreibung der Deutschen aus Polen, der nötige historische Kontext fehlt. Die Zusammenhänge der Vertreibung, die sich aus dem Zweiten Weltkrieg ergeben, werden nicht dargestellt. Ich selbst habe in einer Gruppe von Historikern – mit Unterstützung der Deutsch-Tschechischen und Deutsch-Slowakischen Historikerkommission und der Deutsch-Polnischen Schulbuchkommission – 2010 einen Gegenentwurf gemacht zu dem Ausstellungsplan von Manfred Kittel. Und es war da ein wichtiger Punkt, dass der dominierende Zusammenhang des Zweiten Weltkriegs ganz stark zum Ausdruck kommen muss. Wenn Kittel an einem solchen Punkt wiederum eine Einseitigkeit unterläuft, ist das ein befremdlicher Vorgang.

Das bestätigt jene, die gegenüber dem Zentrum und der Stiftung skeptisch waren.

Ich würde zwischen beidem trennen. Denn es handelt sich um eine Bundesstiftung. Das ist keine Veranstaltung der Vertriebenen. Außerdem ist der Bund der Vertriebenen unter dem Nachfolger von Erika Steinbach offenbar dabei, sich zu wandeln.

Es gibt auch Bedenken hinsichtlich der Dauerausstellung. Ist die Aufgabe unlösbar?

Nein. Denn es gibt die entsprechenden Mittel dafür und ein hohes politisches Interesse. Ich sehe überhaupt nicht, dass das ein Ding der Unmöglichkeit wäre. Die politischen Rahmenbedingungen sind derzeit geradezu ideal. Wir haben beste Beziehungen zu den Historikern in Polen und Tschechien. Wir haben einen Neuanfang im BdV. Und wir haben aufgrund der Flüchtlinge in Deutschland eine Situation, die geradezu danach ruft, das Phänomen von Flucht und Integration auch historisch zu spiegeln.

Sie meinen Syrien und den Irak?

Natürlich sind die Vorgänge von 1945 und heute nicht direkt vergleichbar. Aber die Integrationsherausforderungen sind ähnlich. Deshalb ist es das Projekt wert, weiter verfolgt zu werden.

Das Gespräch führte Markus Decker.