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Berliner Zeitung | Holzschlag nimmt rasant zu: Amazonas-Regenwald wird wieder gerodet
12. October 2014
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Holzschlag nimmt rasant zu: Amazonas-Regenwald wird wieder gerodet

Auch in dieser Amazonas-Landschaft in Brasilien werden die Bäume sterben: Der Xingu-Fluss wird für den Belo-Monte-Staudamm gestaut.

Auch in dieser Amazonas-Landschaft in Brasilien werden die Bäume sterben: Der Xingu-Fluss wird für den Belo-Monte-Staudamm gestaut.

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getty images south america

Rio de Janeiro -

Der Bürgermeister geriet ins Stottern. „Äh, ja, es wurde eine Geldbuße verhängt. Richtig, ja. Aber ich fechte das an, verstehen Sie?“, sprach João Cleber Torres mit sichtlichem Unbehagen in die Fernsehkamera. Gegen den 53-Jährigen, dem Sägewerke und zwei große Farmen gehören, wird wegen illegaler Abholzung ermittelt – ausgerechnet gegen ihn, den Bürgermeister von São Félix do Xingu.

Die Gemeinde im östlichen Amazonasgebiet gehörte jahrelang zu den Gebieten mit der höchsten Abholzungsrate Brasiliens. Vor vier Jahren gelang ihr die Wende, der Holzeinschlag wurde kräftig gedrosselt – aber nun nimmt er wieder zu, und offenbar lässt auch der Herr Bürgermeister die Kettensägen kreischen.

Wie viele Gemeinden im Amazonasbecken ist São Félix do Xingu riesengroß: mit 84.000 Quadratkilometern etwa so groß wie Bayern und Thüringen zusammen. Auf jeden der 112 000 Einwohner kommen 20 Rinder, und damit ist der Druck auf die riesigen Wälder von São Félix schon fast erklärt. Zumal kaum einer der Farmer sich die Mühe macht, Futter für die Kühe anzubauen. Nach wie vor gilt die Formel: ein Rind gleich ein Hektar Weide. Und die Preise für Rindfleisch sind zurzeit hoch.

Berüchtigter Bürgermeister

40 Quadratkilometer wurden 2011 in São Félix abgeholzt, und so absurd das klingt: Das war eine gute Nachricht. Im Jahr davor verschwanden 353 Quadratkilometer, noch ein Jahr vorher 441, und 2008 fielen 769 Quadratkilometer den Kettensägen zum Opfer. Wenn man noch weiter zurückgeht in den Annalen der Stadt, taucht übrigens schon einmal der Name des Bürgermeisters auf. Er und sein Bruder – heute der zweithöchste im Rathaus – seien „die Spitze des organisierten Verbrechens in der Gegend von São Félix do Xingu“, hieß es 2003 in einem Bericht der Staatsanwaltschaft, die den Mord an sechs Landarbeitern untersuchte. Die Torres-Brüder besetzten öffentliches Land und eigneten es sich gewaltsam an: „Wegen der Gefahr, die von ihnen ausgeht, sind sie in der ganzen Gegend gefürchtet“.

Es war nicht Einsicht, dass São Félix damals die Wende schaffte. Die Regierung in Brasília raffte sich vor etwa zehn Jahren auf, endlich etwas zu tun gegen die Vernichtung der Wälder, worunter Brasiliens Ansehen weltweit zunehmend litt. Die Gemeinden mit hoher Abholzung kamen auf eine schwarze Liste, was die dortigen Farmer von billigen Agrarkrediten ausschloss.

Zu den Maßnahmen gehörten auch schärfere Kontrollen und wirksamere Sanktionen. Öffentliche Proteste bewegten zudem die Aufkäufer, Soja und Fleisch zu boykottieren, die von illegal abgeholzten Flächen stammten. „Entscheidend aber war der Druck auf die Gemeinden und auf die Industrie, denn deshalb haben die Schlachthäuser, die Bürgermeister und die Produzenten einen Pakt gegen die Entwaldung geschlossen“, resümiert Ian Thomson, der das Amazonas-Programm von „The Nature Conservancy“, einer Naturschutzorganisation, leitet.

Die Maßnahmen wirkten nicht nur in São Félix, sondern in ganz Brasilien. 2004 mussten die Behörden noch eingestehen, dass in einem Jahr fast 28000 Quadratkilometer Amazonas-Wald vernichtet worden waren – also eine Fläche so groß wie Hessen. Aber dann sank die Rate, bis auf 4500 Quadratkilometer zwischen Juli 2011 und Juni 2012.

Dabei war der Rückgang nicht einfach ein Reflex auf die schwache Weltkonjunktur, wie Skeptiker gemeint hatten – obwohl eine sinkende Nachfrage nach Soja und Fleisch den Druck auf den Wald mindert. Doch auch nach der Krise 2009 stieg die Entwaldung – zumindest eine Zeit lang – nicht mehr an.

Neuerdings aber nimmt der Holzeinschlag wieder zu. Von Mitte 2012 bis 2013 wurden 5900 Quadratkilometer gerodet, 29 Prozent mehr als im Jahr davor. In São Félix do Xingu fielen zum Beispiel im vergangenen Jahr wieder 220 Quadratkilometer Wald der Kettensäge zum Opfer, zwei Jahre zuvor waren es 140 Quadratkilometer gewesen. Im Soja-Bundesstaat Mato Grosso wurde innerhalb eines Jahres 50 Prozent mehr Wald geschlagen.

Einige Experten hatten diese Trendwende bereits erwartet. So sind die bisherigen Kontrollen und Sanktionen mittlerweile an ihre Grenze gestoßen, erklärt Roberto Smeraldi von Friends of the Earth. Sie müssten verstärkt und verfeinert werden.

Ein Beispiel dafür liefert die Lage im Westen des Bundesstaates Pará, in dem auch São Félix liegt: Dort verläuft die Bundesstraße 163 von Süden, aus den Soja-Anbaugebieten, durch den Wald nach Norden, zum Hafen Santarém am Amazonas, wo das Soja verschifft wird. Entlang dieser Straße werden die staatlichen Wälder von „grileiros“, also von Land-Aneignern, heimgesucht, parzelliert und mit falschen Papieren verkauft. Dagegen müsste der Staat entschiedener einschreiten. Doch seine Angestellten, die Recht und Ordnung durchsetzen sollen, bräuchten bessere Gehälter, eine bessere Ausstattung und mehr politische Unterstützung von den lokalen wie nationalen Behörden.

Womöglich noch schwerer ist es, illegale Praktiken legaler Farmen in solch einem riesigen, dünn besiedelten Land zu kontrollieren: So werden nämlich Rinder, die auf illegal abgeholzter Fläche fett geworden sind, einfach als Besitz eines normalen Farmers ausgegeben und zum Schlachthof getrieben. Genauso kann man auch mit illegal angebautem Soja oder illegal geschlagenem Holz verfahren. Die Nichtregierungsorganisation Forest Trends lobt Brasilien zwar wegen der jüngsten Fortschritte. Aber sie schätzt auch ein, dass 40 Prozent der Soja- und 65 Prozent der Fleisch-Exporte mit illegaler Abholzung verbunden sind.

Mehr Kontrolle ist nötig

Schlichte Verbote nützen nichts. Das zeigt sich aus Erfahrungen. Als die Entwaldung in den 90er-Jahren dramatisch anstieg, wurde in Brasília beschlossen, dass Farmen in Amazonien statt wie bis dahin 50 Prozent künftig 80 Prozent ihrer Fläche als Wald stehen lassen oder wieder aufforsten müssen. Die Farmer, die noch zwei Jahrzehnte zuvor als Helden der Erschließung und Entwicklung gehätschelt wurden, empfanden das als Enteignung und hielten sich nicht an die Vorgaben. Zudem sind oft die Besitzverhältnisse rechtlich unklar, und kaum jemand überwachte die 80-Prozent-Vorgabe.

Die Anstrengungen Brasiliens in den vergangenen Jahren zielten auch auf die Legalisierung der durch Abholzung gewonnenen Flächen, wobei der Staat den Sündern weit entgegenkam. Vermessung und Registrierung der Ländereien sind heute Voraussetzung für günstige Agrarkredite, und die Bedingungen für die geforderte Wiederaufforstung sind nicht allzu streng.

Aber damit sind vor allem die größeren Farmen zu Wohlverhalten zu verlocken. Die Kleinen, die mitten im Wald eine Lichtung roden, werden dadurch kaum vom Abholzen abgehalten. „Wenn wir nicht Instrumente zur Erhöhung der Wertschöpfung und Programme für die Kleinproduzenten entwickeln, werden wir noch lange um die 5000 Quadratkilometer Entwaldung pro Jahr haben“, prophezeit Smeraldi. „Solange hat es keinen Sinn, zu feiern, wenn die Zahl ein bisschen sinkt, oder zu dramatisieren, wenn sie etwas ansteigt.“