31.01.2012

Arbeitslose in Spanien : Auf die Calle de Roquetas gesetzt

Von Jenni Roth
Madrid –  

Im Krisenland Spanien werden pro Tag bis zu 180 Wohnungen zwangsgeräumt. Viele Arbeitslose können Kredite nicht mehr abzahlen.

In Manoteras, einem Stadtteil im Norden Madrids, leben viele Menschen hinter Gittern. Das Metall vor den Fenstern soll sie vor Einbrechern schützen. Denn hier, im Arbeiterviertel, sind Einbrüche ein großes Problem. Arme rauben Arme aus – weil die meist wenig Mittel haben, um sich dagegen zu wehren.

Vor Azucenas Fenstern gibt es keine Metallgitter. Die würden sie auch nicht schützen, heute, an dem Tag, an dem „mein ganzes Zuhause geraubt“ wird, wie Azucena, eine Mutter von drei Kindern, es ausdrückt. Ein, zwei und drei Jahre sind die Kinder alt. Mit ihnen, ihrem Mann, ihrer Mutter und der 87-jährigen kranken Großmutter teilt sich die junge Frau eine Dreizimmerwohnung in der Calle de Roquetas Nummer 19.

Um halb elf werden sie kommen, die Gerichtsvollzieher und die Verwalterin, um die Familie aus der Wohnung zu holen, in der sie seit 20 Jahren lebt. Noch bleiben drei Stunden. Die ersten Demonstranten haben sich vor dem Backsteinbau versammelt, auch Azucena steht auf der Straße. Ihr Gesicht unter den blond gefärbten Haaren ist wachsbleich, von schlaflosen Nächten und zu vielen Zigaretten. Aus den Fenstern des Wohnblocks hängen Transparente: „Häuser ohne Menschen, Menschen ohne Häuser“, steht darauf. Erste Sprechchöre durchschneiden die morgendliche Stille: „Sie nennen es Demokratie, aber das hier ist keine Demokratie!“. Eine alte Frau lehnt sich aus einem der Fenster und trommelt auf einem Kochtopf dazu.

399 Euro Arbeitslosengeld

Viele der Demonstranten sind Nachbarn. Die anderen gehören zur PAH, der Plattform „Afectados por la Hipoteca“, die sich sich mit den Opfern von Hypothekengeschäften, Immobilienspekulationen und der Wirtschaftskrise solidarisiert. Die Protestbewegung versucht im ganzen Land mit Aktionen Zwangsräumungen zu verhindern. Bis zu 180 Zwangsräumungen gebe es in Spanien täglich, allein in Madrid 100 pro Woche, sagt José Maria Ruiz, Sprecher der PAH.

Harte Einsparungen

4,4 Millionen Menschen in Spanien sind offiziell arbeitslos. Laut Arbeitsministerium ist die Quote im November und Dezember stark gestiegen. Grund seien die harten Sparmaßnahmen der Regierung zur Bekämpfung der Schuldenkrise.

65 Milliarden Euro Einsparungen wurden 2010 beschlossen, vor allem bei staatlichen Investitionen und im öffentlichen Dienst, aber auch bei Sozialleistungen. Die spanische Wirtschaft steckt nun in einer Rezession.

Die spanische Verfassung garantiert zwar ein Recht auf würdiges Wohnen. Doch diesem steht das Recht auf Eigentum entgegen. In Azucenas Fall ist der Eigentümer die Stadt. Vor ein paar Jahren hat Azucena die Sozialwohnung für 30.000 Euro gekauft, die Familie begann die Schulden abzuzahlen. Doch 2009 verlor Azucena ihren Job in einem Callcenter. Seither ist sie arbeitslos. Ihr Mann kann die Familie kaum mehr mit Gelegenheitsjobs ernähren. So geht es vielen Spaniern. Mittlerweile gibt es in 1,2 Millionen Familien keinen mehr, der ein festes Einkommen hat. Die Arbeitslosenquote liegt bei rund 22 Prozent. Bei den Jugendlichen sind sogar 48 Prozent ohne Job – die mit Abstand höchste Quote europaweit. Und viele Spanier, die während des Immobilienbooms vor 2008 Wohnungen kauften, können die Raten nicht mehr abstottern.

Vom Staat bekommt Azucena 399 Euro Arbeitslosengeld. Da bleibt kaum etwas für die monatlichen 350 Euro für die Wohnung – und erst recht nicht für einen Anwalt. Die junge Frau schuldet der Empresa Municipal de Viviendas, der städtischen Hausverwaltungsgesellschaft EMV, viel Geld. Deshalb hat die Stadt beschlossen, sie aus ihrer Wohnung zu holen.

Ganz einfach ist das nicht. Die Gruppe von Demonstranten wird immer größer, gegen neun Uhr stehen rund 50 Polizisten etwa 70 empörte Bürger gegenüber. Sie rufen den Uniformierten zu: „Schämt euch! Was werdet ihr heute Abend euren Kindern erzählen, was ihr getan habt? Seid ihr stolz darauf, eine Familie auf die Straße zu setzen?“

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