Ralf Mielke nahm im November 2011an dem Austauschprogramm "Nahaufnahme" des Goethe-Instituts teil. Partner der Berliner Zeitung in Chennai war die dort erscheinende Tageszeitung The Hindu.
Der St. Thomas Mount ist die höchste Erhebung in Chennai, wobei Mount, also: Berg, ein wenig übertrieben zu sein scheint für diesen rund siebzig Meter hohen Hügel im Süden der Metropole. Der Weg auf den St. Thomas ist beschwerlich, 130 Stufen geht es hinauf, wenn man nicht über eine Schotterstraße an Hütten und kleinen Läden vorbei bergan stapfen möchte. Oder, wie ich, in einem Auto zum Parkplatz direkt unterhalb des Gipfels chauffiert wird.
Der Fahrer ließ sich das nicht nehmen. Die Hitze und der Anstieg, beides war in seinen Augen dem europäischen Gast nicht zuzumuten. Der war an diesem sonnenstrahlenden Morgen ganz froh darüber.
Der Berg verdankt seinen Namen dem Apostel Thomas, der der katholischen Überlieferung zufolge den Süden Indiens missionierte und auf dem nach ihm benannten St. Thomas Mount 72 n. Chr. den Märtyrertod fand. Die Portugiesen errichteten hier im 16. Jahrhundert auf den Ruinen eines älteren Gotteshauses eine Kirche und widmeten sie der Christusmutter Maria. Sie trägt den Namen "Our Lady of Expectation".
Papst Johannes Paul II.
Reliquien des Apostels befinden sich übrigens in einer anderen Kirche in Chennai, der Basilika Santhome weiter im Norden der Stadt, die über der angeblichen Grabstätte des Helligen Thomas errichtet wurde.
1986 war Papst Johannes Paul II. auf einer Pilgerreise auf dem St. Thomas Mount. Eine hübsche, sehr realistisch gestaltete Statue erinnert an seinen Besuch. Jetzt dringt aus der Kirche andächtiger Gesang. Die Türen stehen offen, einzutreten ist ausdrücklich erwünscht. Ein Geistlicher betet auf Tamil eine Art Litanei, rund zwanzig Gläubige singen ihm nach, es klingt fast wie ein Mantra.
In der hintersten Kirchenbank weint eine junge Frau im Sari herzzerreißend. Über all dem leuchtet ein buntes Gemälde mit dem Namenszug der Kirche.
Draußen wird gebaut, ein Fundament für eine Erweiterung ist angelegt. Frauen schleppen Sand in Körben, die sie auf ihrem Kopf tragen. Auf dem Kirchenvorplatz laufen die Vorbereitungen für das Fest zu Ehren der "Lady of Expectation", das in wenigen Tagen beginnt. Ein Festzelt steht gegenüber der Kirche, Kabel verlaufen über den Platz, ein großer, schattenspendende Banyanbaum dient als natürlicher Strommast.
Der Blick von hier über die Stadt ist großartig. Ein leichter Wind weht den Hang hinauf, der die Hitze fast vergessen macht.
Zahnbürsten in reih und Glied
Ein paar Schritte weiter geht es Stufen hinab zum "St. Thomas Mount Babies Home", einem Kinderheim, das Franziskanerinnen hier unterhalten. Sie versorgen und unterrichten hier Waisen und Kinder von Alleinstehenden. Fünfzig Kinder sind es zurzeit. Von der indischen Regierung haben die Schwestern außerdem die Lizenz erhalten, Adoptionen durchzuführen. Eine von ihnen, eine würdevolle, grauhaarige Frau führt den Gast bedächtig herum, Klassenraum, Spielplatz, Waschräume.
Zahnbürsten stehen in Bechern in Reih und Glied. Auf einer Holzwand ist ein buntes Bild mit spielenden Kindern zu sehen. Es ist Mittag geworden. Die Kinder sitzen an niedrigen Tischen und essen. Luftig ist es hier und sehr aufgeräumt. In einem Saal steht Bett an Bett, gleich ist Mittagspause, Schlafenszeit.
In einem kleinen Café, das die Schwestern betreiben, setzt sich die Leiterin zu mir. Sie hat gehört, dass ich aus Deutschland komme. Ob ich zum ersten Mal in Indien bin und wann ich wieder abreise, möchte sie wissen. Ach, schon so bald, vor Weihnachten? Ob ich den Schwestern dann nicht einen Gefallen tun und ein paar Briefe mitnehmen könne. Es seien Kalender für Spender und Freunde in Deutschland und Belgien.
Ich sage zu, und schon bekleben wir ein paar Dutzend Briefe mit Adresszetteln, die ich anschließend an mich nehme. Jetzt muss ich wohl, wenn ich in wenigen Tagen zurück bin, als erstes ganz dringend Weihnachtspost erledigen.
Die OECD meldet, der Unterschied zwischen Arm und Reich habe nochmals zugenommen. Nicht in Indien, man kann sich wirklich kaum vorstellen, wie der noch größer werden könnte, sondern in den westlichen Industrienationen, auch in Deutschland. Das hätten jüngste Studien ergeben. In Indien ist der Unterschied zwischen den Reichen und Wohlhabenden auf der einen Seite und den Geringverdienenden und den wirklich Armen auf der anderen jederzeit mit Händen zu greifen. Slums wuchern am Straßenrand, gegenüber preist ein Möbelgeschäft seine Sonderangebote an, stehen eingezäunte Wohnhäuser für Mittelschichtler oder zeigt eine Galerie Fotokunst aus Indien, alles jeweils auf ein paar hundert Quadratmetern. Während der Normalverdiener seinen Imbiss an der Straße einnimmt (was auch meine Kollegen vom Hindu lieber vermeiden), entstehen immer mehr exklusive Restaurants in Chennai. Und wo die einen ihr Geld damit verdienen, in offenen Autorikschas Passagiere durch den stinkenden Verkehr zu lotsen, da lassen sich andere in ihrem eigenen Auto von einem Fahrer ins Büro chauffieren.
So auch die höheren Posten bei der Zeitung The Hindu. Während die Abteilungs- und Verlagsleiter in ihren Büros den Geschäften nachgehen, warten ihre Fahrer im Hof darauf, dass sie ihren Arbeitgeber wieder nach Hause oder sonst wohin bringen können - und machen ihrerseits Geschäfte. Wie so oft in Indien hat sich aus der Situation "Viel Zeit, wenig Geld" ein aus Fahrerperspektive florierendes Business ergeben. Denn in ihrer Wartezeit waschen sie die Autos anderer Hindu-Mitarbeiter und kassieren dafür Extra-Geld. 600 Rupien, knapp unter zehn Euro, zahlt eine Kollegin im Monat dafür, dass einer der vielleicht ein Dutzend Fahrer, die täglich auf dem Hindu-Gelände ihre Zeit mit Warten und Wagenwaschen verbringen, ihr Fahrzeug zwei, drei Mal pro Woche wienert. Gestern sah ich einen jungen Mann, der hingebungsvoll die Fußmatte eines Kleinwagens schrubbte. Und an jeder Ecke hantiert jemand mit einem Fensterleder und sorgt für klare Sicht durch die Frontscheibe eines Mittelklassewagens. Dass sich die Lücke zwischen Arm und Reich auf diese Weise ein wenig schließt, scheint mir dennoch ausgeschlossen zu sein. Vielleicht sollte die OECD eine Studie in Auftrag geben.
Am Freitag war es soweit: Das Lied “Why this Kolaveri di?” riss die Zehn-Millionen-Klicks-Marke auf Youtube. Das Stück, Soundtrack eines im nächsten Jahre erscheinenden Films, ist damit endgültig der Internethit der Saison. Am Sonnabend gaben - unter nicht so großer, aber dennoch sehr freundlicher Beobachtung - die Schüler der Chennaier Musikschule Unwind ihr Adventskonzert. Am Sonntag schliesslich trat das Stuttgarter Kammerorchester in einem Konzertsaal in Chennai mit Werken von Bach, Vivaldi und Mozart auf, und am Montag besuchte ich die angesehenste Akademie für karnatische Musik und südindischen Tanz. Hier kommen vier Geschichten voller Musik.
Seit drei Wochen ist das Lied in aller Munde: "Why this Kolaveri di?", etwa "Warum bereitest Du mir solch einen Kummer, Mädchen", bricht im Internet nahezu alle indischen Rekorde. Mehr als zehn Millionen Mal haben sich User das Video des Songs angeschaut. Es handelt vom Liebesleid eines jungen Mannes und ist in einer Mischung aus Englisch und Tamil verfasst, Tanglish. Interpretiert wird es von einem bekannten tamilischen Schauspieler, der den Text nach eigenen Angaben in ein paar Minuten improvisiert hat. Der Film dazu mit dem Titel "3" soll im nächsten Jahr erscheinen. Wer mehr über das Lied, den Film, seine Macher, den Komponisten und den Sänger erfahren möchte, kann sich auf Wikipedia informieren. Es gibt tatsächlich schon einen ausführlichen Eintrag auf Deutsch. Ganz ehrlich aber, der Song ist ziemlich langweilig, vergleichbar mir einem deutschen Schnulzschlager der schlichteren Sorte. Die Melodie aber ist so eingängig, dass das Lied in Büros gesummt wird, es dröhnt aus Läden in den Einkaufsmeilen, Comedians machen sich darüber lustig - und Eltern Sorgen. Denn, und damit scheint eine moralische Grenze überschritten zu sein, auf Schulhöfen singen Heranwachsende "Why this Kolaveri di" tatsächlich ihren Mitschülerinnen vor. In den Pausen. Gefährdet das womöglich die Unschuld der jungen Frauen? Das war eine ernsthaft diskutierte Frage in indischen Zeitungen. Die Schulbehörde mahnte, dieses ungebührliche Verhalten müsse unterbunden werden. Unverantwortlich das Ganze. Aber es melden sich auch Stimmen der Vernunft: Hauptsache, so sagen sie, das Lied werde nicht auch noch im Unterricht gesungen. Indischer Pragmatismus!
Seit 14 Jahren lernen Kinder und Jugendliche im Unwind Center singen und Instrumente spielen. Die von einem aus den USA in seine Heimat zurückgekehrten Geschäftsmann gegründete Musikschule hat sich ein hübsches Motto gegeben: Lächle, das Leben ist wundervoll. Was man angesichts des oft gar nicht so wundervollen Lebens, das sich auf Chennais Straßen und daneben abspielt, als Zynismus verstehen könnte, wären die Unwind-Lehrer nicht auf eine sympathische Art beseelt von der Arbeit mit ihren Schülern. Zu besichtigen war das am ersten Sonnabend im Dezember. Weihnachtskonzert im Museum Theatre, einem kleinen schönen Konzertsaal mit richtiger Bühne. Darauf standen Jungs und Mädchen mit Nikolausmützen, umrahmt vom Unwind-Chor und einigen Lehrern, die Keyboard und Gitarre spielten. Im Publikum Eltern, Geschwister, Freunde, Bekannte, alle sehr gewillt, die jungen Musiker gebührend zu feiern. Die wiederum sangen mit großer Inbrunst "O Come al ye faithful", "Last Christmas" von Wham und etliches mehr, zwischendurch spielte ein Trio ein Medley aus moderner Rock- und Popmusik, zum Schluss sang der ganze Saal "Stille Nacht". Für den deutschen Gast, der gerade noch bei 30 Grad schwitzend durch einen lauten, versmogten und unchristlichen Stadtdschungel gelaufen war, bot das ein bisschen viel vorweihnachtliche Andacht. Der sympathisch unperfekte Auftritt der jungen Musiker, die am Ende glücklich ihren ersten Bühnenauftritt hinter sich gebracht hatten wischte die unguten Gedanken aber rasch wieder aus dem Sinn.
Um der lauten und heißen Stadt für eine kurze Weile zu entfliehen, ist die Terrasse des Goethe-Instituts nicht der schlechteste Ort. Am Sonntag erfrischen sich dort die Musiker des Stuttgarter Kammerorchesters mit Wein, Bier und südindischen Speisen nach einem Konzert, das sie kurz zuvor in der Sir Mutha Venkatasubba Rao Concert Hall (versuchen Sie mal, das schnell nachzusprechen) beendet haben. Das Publikum feierte sie dafür, wie sie an diesem Abend Werke von Corelli, Vivaldi, Bach, Mozart, Grieg und – als Zugabe – einen Marsch von Fritz Kreisler spielten. Die Kritikerin des Hindu schrieb später von einer glänzenden, strahlenden Aufführung. Vier Konzerte hat das Stuttgarter Streicherensemble während dieser Tournee, seiner dritten durch Indien, gegeben. Chennai liegt zum ersten Mal auf der Route. Von dort geht es noch in der Nacht zurück nach Deutschland. Die kleine Stärkung vor der langen Reise kommt den Musikern also gelegen. Mit den Kollegen vom Indischen Symphonieorchester aus Mumbai, die beim Konzert zuvor mitgewirkt haben, stehen sie beisammen und stoßen mit Wein auf den gelungenen Abend an. Europäische klassische Musik werde in Indien immer populärer, erzählt einer von ihnen. Die indischen Gäste, die mit den Künstlern hier auf der Terrasse ins Gespräch kommen, äußern sich begeistert über Bach und Mozart und die anderen. Das besonderes Interesse der Gäste erregt an diesem Abend der aus Ungarn stammender Cellist, an dessen beseeltem Spiel sich das Publikum sehr erfreut hat. Mit wunderbarem Akzent spricht er nun über Grieg und die Romantik, den Wiener Geiger Fritz Kreisler, der um die Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert ein gefeierter Violinvirtuose war, und über die Frage, warum das Spiel eines Cellos die Zuhörer immer so tief zu berühren vermag. Er lächelt dabei versonnen. Die laute, heiße Stadt ist in dem Moment sehr weit weg.
Um Viertel nach acht morgens sollte ich am Treffpunkt sein, hatte mich die Kollegin gebeten. Sie würde mich dann auf den Campus des Rukmini Devi College of Fine Arts begleiten. Das College ist die erste Adresse für südindischen Tanz und karnatische Musik, außerdem werden hier Malerei, Bildende Kunst und Design gelehrt. Um halb neun stehe ich unter einem Banyambaum neben rund hundert Schülern und einem Dutzend Lehrern, die hier ihre Morgenandacht abhalten und den Gott Shiva anrufen. Danach beginnt der Unterricht - zuerst Gesang, Percussion, indische Geige, später Tanz - in den auf dem weitläufigen Campus verteilten Klassenräumen. Aus dem fensterlosen kleinen Häuschen schallt Musik über das Gelände, die sich mit dem Gezwitscher der Vögel in den Bäumen vermischt.
Das College wird von der Kalakshetra Foundation unterhalten, die Tänzerin Rukmini Devi, 1904 in Madurai geboren, hat es einst gegründet. Heute durchlaufen etwa 500 Schülerinnen und Schüler das vierjährige Studium. Das alles erzählt mir Olena, eine in München aufgewachsene Ukrainerin, die gerade die Abschlussklasse besucht, Schwerpunkt südindischer Tanz, Bharatanatyam. Im April absolviert sie das Arangetram, was man vielleicht am ehesten mit Bühnenreife übersetzen kann. Das Arangetram ist der erste Solotanz einer Tänzerin. Anschließend darf sie auftreten und Unterricht erteilen.
Olena hat mich angesprochen, als ich auf einer Bank saß und dem Singen und Trommeln aus den Klassenräumen lauschte. Sie tanzt seit sie vier ist. Als Jugendliche erwachte das Interesse an Indien und dem indischen Tanz in ihr. Also kam sie, nach der Schule in Deutschland, vor bald vier Jahren her. Nach dem Abschluss will sie erst mal zurück nach München, anschließend aber wieder nach Indien, in den Norden, weiter lernen. Ihr Ziel: eine Tanz- und Musikschule ein bisschen in der Art des Rukmini Devi College in Deutschland. "Meinst Du, das kriege ich hin?", fragt sie. Ich weiß es nicht, aber ich werde ihr fest die Daumen drücken.
Ein heißer Vormittag in Chennai. Auf etwa halbem Weg vom Verlagshaus des Hindu an der Straße Anna Salai zum Marina Beach liegt inmitten kleiner Gassen der Parthasarathy-Tempel. Er ist dem Gott Vishnu, dem Alldurchdringenden, geweiht, genauer gesagt seiner Manifestation, Lord Krishna, der hier, um die Verwirrung komplett zu machen, Venkata Krishnan genannt wird. Hindus verehren Vishnu als den Bewahrer der Schöpfung. Krishna, der Schwarze, ist hinduistischem Glauben zufolge der achte von zehn Avataren, in deren Gestalt Vishnu auf der Erde erschien.
Der Parthasarathy-Tempel ist der älteste der Stadt, erbaut vor mehr als einem Dutzend Jahrhunderten. Zwei reich verzierte, kunstvoll gemeißelte Türme ragen in den Himmel, von weitem sichtbares Zeichen des heiligen Bezirks. Den dürfen Gläubige ebenso wie Besucher nur barfuß betreten. Sandalen und Schuhe stellen die meisten einfach vor dem Eingang ab. Für zehn Rupien kann man sein Schuhwerk aber auch in ein Regalfach legen. Dort wird es dann von einer alten Frau gut bewacht.
Der Steinboden vor dem Tempel glüht unter den Füßen. Mit schnellen Schritten geht es in den Tempel hinein. In den Höfen sitzen Menschen, manche dösen in der Hitze. Oder meditieren sie? Andere werfen sich vor eine dem Gott geweihten Statue auf den Boden. Ein paar Schritte weiter bohren Arbeiter ein Loch. Auf metallenen Schalen brennen Kerzen. Breite Gänge, den Seitenschiffen in Kirchen nicht unähnlich, führen um das Allerheiligste im Zentrum des Tempels herum, an Wände sind Steintafeln angebracht, auf denen in tamilischer Schrift Vishnu gepriesen wird.
In einer Nische steht eine große Waage mit Schalen, auf denen bequem Menschen Platz nehmen könnten. Sie dienen dazu, Spenden an Reis oder anderen Nahrungsmitteln zu wiegen. Wer etwa Unheil von seinem Kind oder seiner Gattin abwenden oder eine Krankheit besiegen will, ruft die Götter um Hilfe an und verspricht, für den Fall, dass sein Flehen erhört wird, eine Spende in Höhe des Gewichts des Kindes oder der Gattin. Dann kommt also die Tempelwaage zum Einsatz.
In einer Art Atrium kommt den Besuchern ein gerade vermähltes Paar entgegen. Zwei Musiker begleiten die festlich geschmückte Braut und ihren Bräutigam. Einer bläst die Nageshwaram, das traditionelle südindische Blasinstrument, der andere schlägt auf der Thavil den Rhythmus. Die Musik durchdringt den Lärm im Tempel leicht. Der Tempel bietet den Hochzeitsservice inklusive festlicher Kleidung zu guten Konditionen.
Brahmanische Priester eilen vorbei. Sie tragen den Dohti, jenes klassische Beinkleid des Mannes, das an einen Rock erinnert und das man noch oft auf den Strassen Chennais sieht, und ein schmales, weisses Band wie eine Schärpe über Brust und Bauch als Zeichen ihrer Zugehörigkeit zu Brahmanenkaste. Die Priester verbringen ihr gesamtes Leben im Tempel, junge und alte unter einem Dach.
Gleich beginnt der Einlass in das Allerheiligste, in dem Hindus Vishnu anbeten und von einem Priester den Segen empfangen. Der Vishnu-Tempel ist der einzige in Chennai, in dem auch Nicht-Hindus Zutritt dazu haben. Eine lange Schlange hat sich vor dem Eingang gebildet. Es ist heiß. Es wird gedrängelt. Etwas abseits hat sich eine weitere Reihe gebildet, sie ist kürzer, es ist die Fast Lane. Wer 50 Rupien zahlt, ist schneller bei Gott. Drinnen geht alles wie am Fließband. Frauen treiben die Gläubigen an.
Vor der Krishna-Statue in einem Schrein verbeugen sie sich, ein Priester nimmt Geldspenden entgegen, segnet mitgebrachte Tulsi-Zweige oder opfert sie der Gottheit. Das Tulsi-Kraut ist ein Verwandter des Basilikums. Es gilt in Indien als heilig. Es ist laut, es ist heiß und eng, Männer verhandeln mit dem Priester, wer welches Tulsi-Büschel wann bekommt. Für sie ist der Andrang der Gläubigen harte Arbeit. Ausgestreckte Hände. Winken, Rufe.
Mit dem gesegneten Kraut in der Hand geht es wieder hinaus, ans Licht, auf die Straße. Unter den Füßen glühen immer noch die Steine. Aber nach einem Blick in Lord Krishnas Augen fühlt es nicht mehr ganz so heiß an.
Der indische Staat fühlt sich bedroht. Von Pakistan einerseits, vom Terrorismus andererseits. Eine Reihe von Anschlägen in den vergangenen Jahren, zuletzt explodierten im Juli in Mumbai und im September in Neu Delhi Bomben, hat Angst und Schrecken verbreitet. Vor einigen Tagen erst gedachte die Nation der Opfer der verheerenden Angriffe auf Hotels in Mumbai im Jahr 2008. Erfolge gegen den Terror werden daher von der Polizei und auch den Medien groß gefeiert. Gestern handelte der Aufmacher in The Hindu von der Festnahme von sechs mutmaßlichen islamistischen Terroristen im Norden Indiens, die 2010 an Anschlägen beteiligt gewesen sein sollen.
Auch in Chennai ist die Angst vor dem Terror täglich greif- und erlebbar. In das Gebäude von The Hindu zum Beispiel am nördlichen Ende der Straße Anna Salai, der einstigen Mount Road, die Chennai in Nord-Süd-Richtung durchzieht, erhalten Gäste nur Eintritt, wenn sie an einem Wachposten ihren Namen, ihren Ansprechpartner sowie ihre Besuchsabsicht im Haus angeben und sich in eine Liste eintragen. In der ersten Woche musste auch ich das jeden Morgen tun. Dann erst ließ mich der Wachmann die Schranke passieren. Inzwischen kennen mich die drei, vier Posten, die dort in braunen, sehr akkuraten Uniformen ihren Dienst verrichten und lassen mich freundlich grüßend und lächelnd ein.
Andere Gebäude sind ebenso gut bewacht, naja, beinahe. Kaum ein Geschäft, schon gar nicht eine der zahlreichen Shoppingcenter, das man betreten darf, ohne vorher durch eine Sicherheitsschleuse, ähnlich jenen an Flughäfen zu spazieren. Manchmal stehen auch Wachleute daneben und kontrollieren den Besucher, wenn sie wirklich einmal Alarm schlägt.
Allerdings laufen die meisten Menschen einfach an der Schleuse vorbei, und niemand kümmert sich darum. Richtig ernst nehmen es die großen Hotels mit der Sicherheit. Am Eingang werden Taschen durch einen Scanner geschickt. Wachpersonal tastet die Besucher ab, das alles mit großer Freundlichkeit, aber auch sehr bestimmt. Vor den kleineren Hotels stehen in der Regel ein bis zwei Wachmänner, die die Nummern der Autos notieren, die vorfahren. Vor meinem tut das ein sehr fröhlicher, uniformierter Herr, der, wenn ihn die Sicherheit gerade nicht beansprucht, Gästen strahlend die Tür aufreißt.
Am Abend gehe sie mit Freunden zum Salsa tanzen, sagt die Kollegin. Ob ich auch tanze? Ein bisschen Walzer, entgegne ich, und einen ganz brauchbaren Foxtrott. Ich solle mitkommen, sagt sie, es werde lustig. Sie habe lang nicht mehr getanzt, ich würde schon sehen, alles ganz entspannt. Um acht treffen wir uns in einer Hotelbar, eine Freundin der Kollegin ist da, sie ist Filmemacherin, stammt aus Sri Lanka und kümmert sich mit einem Verein um Slumkinder und Flüchtlinge von der Insel vor Südostindien.
Wir reden beim Bier über Korruption und die Versuche der Regierung, sie einzudämmen. Es geht um die geringen Löhne von Beamten und Polizisten und um die eigene Einstellung. Seit langer Zeit schon wird im Parlament über ein Gesetz debattiert, das Lokpal, initiiert von der Bürgerbewegung des Antikorruptionskämpfers Anna Hazare. In der vergangenen Woche stand die Frage im Zentrum der politischen Verhandlungen, ob knapp 600.000 Beamte und Angestellte der unteren Verwaltung unter das Gesetz fallen sollen oder nicht.
Nach einigem Hin und Her lautet der jüngste Stand: sie sollen nicht. Ob es am Ende dabei bleibt? Keine Ahnung, sagt die Kollegin. Wer weiß schon, ob das Lokpal überhaupt irgendwann zustande kommt. Die Regierung könne noch so viele Gesetze verabschieden und Kommissionen einsetzen, meint die Filmemacherin, die Korruption fange bei den Leuten an. Doch wer vor der Wahl stehe, entweder eine vergleichsweise kleine Summe unter der Hand zu zahlen, um einen Stempel, eine Erlaubnis oder eben keinen Strafzettel zu bekommen, oder nicht zu zahlen und auf alles - Stempel, Erlaubnis und auch noch den Strafzettel - ewig zu warten: Was tue der wohl?!
Zeit zum Aufbruch. Es ist neun, Salsa-Zeit, ein anderes Hotel. Es geht eine Treppe hinunter in die Kellerbar. Schwarzlicht, Lederhocker, in einer Ecke der DJ, am Ende des Raums der Tresen, vorn die Tanzfläche, darauf und darum herum viele junge Leute, sehr viele. Salsa, so hat mir die Kollegin erzählt, ist seit ein paar Jahren äußerst angesagt. Sie selbst hat mit Freunden vor einiger Zeit einen Workshop in Bangalore besucht. Der Tanz ist ein leicht verruchtes Vergnügen, und deshalb im eher prüden Indien unter jungen Erwachsenen so beliebt. Ältere und Eltern rümpfen schon mal die Nase darüber.
Gut, dass sie nicht sehen, was sich da auf der Tanzfläche und daneben abspielt. Paare, eng umschlungen, die Hüften wiegend, Tänzer, die sich lasziv an ihre Partnerin schmiegen, die Bewegungen sind erotisch aufgeladen, es wird schnell und sehr gekonnt getanzt. Die Stimmung ist mit ausgelassen unzulänglich beschrieben, überall frohe und strahlende Gesichter. Abseits der Tanzfläche ist von erotischer Spannung dabei nichts zu spüren, niemand hält Händchen, wenn sich selbst hier ein Paar küsste, es wäre der Gossip des Abends. Andernorts wäre es sogar ein Skandal.
Meine Kollegin und ihre Freundin sind begehrte Tanzpartnerinnen. Ich verstehe sofort, warum. Sie tanzen Salsa, Merengue, Jive. In der Bar kennt man sich. Niemals würde ein indischer Mann auf die Idee kommen, eine ihm fremde Frau anzusprechen. Das ziemt sich nicht. Und könnte eine Menge Ärger heraufbeschwören. Freunde, Verwandte, selbst Kollegen wachen sehr über die Integrität ihrer weiblichen Begleitung. Wie es aussieht, bin ich der einzige, der Salsa und Co nicht beherrscht. Ich versuche ein paar Tanzschritte mit der Filmemacherin, sie hat sich erbarmt. Als sie sich zu drehen beginnt, komme ich aus dem Takt, sie lächelt. Und lässt sich von einem besseren Tänzer entführen.
Seit fünf Tagen regnet es nun schon. Zwischen Oktober und Dezember ist Monsun-Zeit in Tamil Nadu, doch die Heftigkeit der Schauer finden selbst die Kollegen von The Hindu bemerkenswert. Schuld ist ein Wirbelsturm über dem Indischen Ozean, der seinem Namen alle Ehre macht. Er wirbelt in regelmäßigen Rhythmus feuchte Luft an die Küste. Es regnet Katzen und Hunde, würden die Briten sagen, die hier in Chennai als Kolonialherren ja lange Zeit das Sagen hatten. An den Stadträndern sind Straßen unbefahrbar, Wege unterbrochen, Orte abgeschnitten. In den zentraler gelegenen Vierteln der Stadt ist der Verkehr noch möglich, wenn auch beschwerlich. Straßen stehen halb unter Wasser, wenn nicht, säumen Schlaglöcher den Weg. Mobile Einsatztrupps versuchen sie zu stopfen, indem sie Bauschutt und zertrümmerte Ziegelsteine hineinschaufeln.
Vor den Geschäften, Schulen und Hotels, den Wohnhäusern und Baracken aus einfachstem Gemäuer oder als Zeltkonstruktion, planen- oder strohbedeckt, die hier zum Straßenbild gehören, befreien Frauen die Wege mit schlichtem Reisbesen von Dreck und Schlamm. Die meisten Menschen stört der Regen kaum. Sie waten barfuß durch die Pfützen, Kinder spielen am Straßenrand, vor den mobilen Imbissständen warten Kunden geduldig. Nur wenige Fußgänger schützen sich mit einem Regenschirm. Mopedfahrer ziehen sich Plastiktüten über den Kopf – einen Helm trägt fast niemand – oder setzen Badekappen auf.
Eine Kollegin warnt mich, zu Fuß durch überschwemmte Straßen zu laufen. Nicht, dass ich das vorgehabt hätte! Sie sagt, dass die Behörden gelegentlich die Gullideckel entfernen, man also bei einem falschen Schritt in der Tiefe versinken könne. Einem Freund sei das passiert. Bis zu den Hüften habe er im Wasser gesteckt.
Das Feilschen um den Fahrpreis gehört in Chennai zum guten Ton. Rikschafahrer sind für Westeuropäer dabei die größte Herausforderung. Denn natürlich wollen sie von einem Ortsunkundigen, den sie darüber hinaus noch für einen wohlhabenden Wessi halten, mehr haben als von einem Einheimischen. Außerdem beeinflussen Klima, Verkehr und Tageszeit den Fahrpreis erheblich.
Das heißt: Wenn es regnet, wird es teurer, in der Rush Hour wird es teurer, abends wird es teurer. Alles andere ist der Fantasie des Rikschafahrers überlassen. Ich frage nun immer eine Kollegin, wie viel sie für eine bestimmte Strecke zahlen würde. Vom Hotel zum Buero in The Hindu sollten es nicht mehr als 80 Rupien sein (knapp 1,20 Euro für etwa acht Kilometer), vom Goethe-Institut zum Hotel 100, vom Buero zur nächsten Einkaufsmall 40, von dort zum Elliot’s Beach 150 Rupien.
Zur Taktik des Fahrgastes gehört es, die erste Forderung des Fahrers “It’s onefifty, Sir, come, come” (150 Rupien also) mit einem erstaunten Blick sowie einer wegwerfenden Handbewegung zu kommentieren und dann seinerseits einen Preis deutlich darunter anzubieten: “I’ll give you 60”. Um zu zeigen, was er davon hält, lacht der Fahrer daraufhin laut auf. Die Entfernung so weit, das Wetter so schlecht: “Onetwenty”. Nie im Leben, höchstens 80, no way. D
er Fahrer schwankt. Um ihm den Ernst der Lage zu verdeutlichen, wendet sich der potenzielle Fahrgast nun ab – auf der Suche nach der nächsten Rikscha. An besten, er winkt schon mal mit der Hand. Dann kann es passieren, dass der Fahrer einem “Okay, onehundred” hinterher ruft, und der Deal doch noch zustande kommt. Ohne Quittung, ohne Taxameter (die wenigsten haben einen funktionierenden), ohne Garantie.
Etwa 100.000 Autorikschas, eine inoffizielle Zahl, fahren durch Chennai. Autorikschafahrer ist für Männer aus unteren sozialen Schichten ein erstrebenswerter Job. Wer viel fährt und hart arbeitet, kann bis zu 25.000 Rupien im Monat damit verdienen, etwa 360 Euro, abzüglich der Kosten für Benzin, Wartung und eventuell Miete für das Auto.
Das Durchschnittseinkommen der Fahrer liege sicher bei über 10.000 Rupien, schätzt ein Kollege aus der Lokalredaktion des Hindu. Aber auch das ist inoffiziell. Manch einer gebe sich mit weniger zufrieden, dafuer wuerde er eben weniger fahren. Alkohol ein ein Problem.
Der Markt der Autorikschas ist nur schwach organisiert und kaum kontrolliert. Es gibt keine großen Unternehmen. Privatleute, zum Beispiel Polizisten, kaufen Fahrzeuge und vermieten sie an die Fahrer. Es ist ein Investment, manche besitzen vier, fünf Rikschas, kaum mehr, aber auch das ist inoffiziell. Seit einer Lockerung der Zulassungsregeln gehören immer mehr Rikschas den Fahrern selbst. Sie feilschen sozusagen auf eigene Rechnung.
Als Westeuropäer sollte man wissen, wann man verhandeln und wann man den Preis einfach akzeptieren sollte. An einem Abend, es regnete, stand ich abends nach einer Veranstaltung an der Straße und hielt Ausschau nach einer Rikscha. Die erste hielt, “Two hundred, Sir”, erklärte der Fahrer, nachdem ich ihm mein Ziel genannt hatte.
Ich ließ ihn ziehen. Der nächste forderte 150. Ich versuchte zu feilschen, er fuhr einfach weiter. Der nächste wollte – es kam kein nächster. Ein indischer Freund brachte mich schließlich mit seinem Moped bis an die Hauptstraße. Kaum war ich aufgesessen, öffneten sich die Schleusen. Es regnete wasserfallartig. An der Hauptstraße nahm ich durchnässt die erstbeste Rikscha – ich zahlte freiwillig150 Rupien für die Hälfte des verbliebenen Weges.
Alkohol und die Inflation sind große Themen in Indien. Alkohol, und zwar die Alkoholbeschaffung, schon länger, die Inflation erst seit kurzer Zeit. Ich las heute in einer der großen indischen Zeitungen (wobei hier fast alle Zeitungen groß sind), dass die Zentralbank drei Milliarden Rupien in den Markt gepumpt habe. Der Wechselkurs der Rupie fällt gegenüber dem Dollar, das Handelsdefizit tue sein übriges, die Preise steigen.
Die Eurokrise kommt auch in Indien an. Da muss halt jeder sehen, wo er bleibt. Und an dem Punkt kommt der Alkohol ins Spiel. Natürlich ist er auch keine Lösung, jedenfalls nicht für den, der ihn trinkt. Aber wer ihn verkauft ...
Tage der Abstinenz
In Indien gibt es Alkohol in den Permit Rooms, Räumen also, in denen der Verkauf alkoholischer Getränke gestattet ist. Ganz in der Nähe meines Hotels im Stadtteil T. Nagar habe ich einen dieser Rooms entdeckt. Nach Tagen der Abstinenz (und vor allem der Unkenntnis, wie und wo ich überhaupt eine Flasche King Fisher Bier bekommen könnte), bin ich zur Den-Bar gegangen.
Es regnete. Die Bar lag im Keller eines Restaurants und war für abends acht Uhr nicht wirklich gut besucht. Vier Kellner kamen auf einen Gast, mich. Ich fragte nach drei Flaschen King Fisher Bier. Die Kellner schauten sich an. Ich sagte, zum Mitnehmen ins Hotel. Sie schauten und wackelten mit den Köpfen. Einer sagte: Macht 140 pro Flasche. Etwa zwei Euro.
Lehrreich und gemütlich
Doch da setzte plötzlich die Inflation ein. 150 rief sein Kollege, der sich auf den Weg zum Kühlschrank machte. Ich überschlug schon die Summe, insgesamt also 450 Rupien, da erinnerte sich der dritte an den richtigen Preis, 160 Rupien. Ich fand das angemessen. Ich hatte etwas über Preissteigerung gelernt und außerdem einen gemütlichen Abend im Hotel - und das alles für sieben Euro. Wer will da von einer Krise sprechen.
Gegenüber meinem Hotel ist ein italienisches Restaurant. Es wird von gern jungen Leuten besucht, weil die Preise moderat sind und die Musik westlich ist. Es ist merkwürdig, in Chennai in der Bar Veneto zu sitzen und eine Minestrone zu essen. Sie schmeckt gut, um nicht zu sagen lecker. Zweimal bringt der Kellner Brot.
Die Bar liegt etwas von der Straße entfernt. In Berlin würde man Hinterhof sagen. Von hier sieht der Gast den Matsch, Schlamm und Dreck nicht, der sich nach Tagen des Regens auf und an der Straße breit macht. Ganz zu schweigen vom ganz normalen Müll. Obwohl es im Stadtteil T. Nagar diesbezüglich noch moderat zugeht, die Müllhaufen in der Regel also überschaubar sind.
Sie umkreisen den Versehrten
Nach der Minestrone spaziere ich ein wenig die Straße entlang. Nach den ersten Tagen habe ich mich daran gewöhnt, dass Autorikschas zentimetereng an mir vorbeibrausen, Radfahrer mich als Slalomstange ansehen und andere Fußgänger jede Lücke nutzen, um sich an mir vorbeizuschlängeln. So wenig sie mich dabei wahrzunehmen scheinen, scheinen sie die Bettler am Straßenrand zu bemerken.
Oder doch, schon, un- oder unterbewusst. Mit geübten Bewegungen umkreisen sie gerade einen Versehrten, der versucht, von einer Straßenseite auf die andere zu kommen, in dem er sich, gestützt auf die Arme, halb sitzend, halb hockend nach vorne robbt. So weit ich es sehen kann, sitzt sein rechter unterer Unterschenkel in einem sehr unnatürlichen Winkel am Rest seines Beines. Sein Oberkörper ist nackt.
Mehr nehme ich auch nicht wahr. Ich bin noch rasch an ihm vorbeigehuscht.
Vor dem indischen Essen hatten mich alle Kollegen und Freunde, die je auf dem Subkontinent waren, gewarnt. Einerseits vor der Schärfe, die dem europäischen Gaumen, so klang das in ihren Beschreibungen jedenfalls, Verbrennungen mindestens ersten Grades zufügen würde, anderseits wegen der, nun ja, problematischen Keime, die sich gelegentlich auf und in Getränken und Speisen breit machten. Mit beidem, der Schärfe und den Keimen, habe ich schon Bekanntschaft gemacht.
Was soll ich sagen: Ich habe es überlebt. Toi toi toi. Was in den Erzählungen der Kollegen keine Rolle spielte, ist eine weitere Besonderheit der indischen Küche: Man nimmt sie mit den Fingern zu sich. In der Kantine von The Hindu (in der ein Essen etwa eine Rupie kostet, weil der Verleger die Mahlzeiten großzügig bezuschusst) sitzen zur Mittagszeit die Kolleginnen und Kollegen vor ihren blechernen Tabletts, auf denen sie Reis mit Gemüse, Dal und Saucen aller Art kunstvoll vermischen und in kleinen Portionen mit der rechten Hand noch weitaus kunstvoller zum Mund führen.
Gemüse schubsen
Ich dagegen sitze und staune. Allerdings haben die Kollegen Mit- und Feingefühl. Damit ich nicht ungelenk wie ein Kleinkind in meinem Mahl herumpatsche, haben sie einen Löffel für mich organisiert - einen Teelöffel. Mit ihm schubse ich das Gemüse auf den Reis, mixe das das Ganze mit Saucen und brauche dafür doppelt so lange wie meine Tischgenossen mit der Hand.
Ein wenig lächerlich kommt man sich schon dabei vor. Die Steigerung erlebte ich allerdings auf einer Hochzeit. An langen Tafeln servierten Kellner Reis und Beilagen auf ausgebreiteten Palmblättern. Männer in Hemd und Krawatte, Frauen in festlichen Saris saßen um mich herum und aßen gut gelaunt und geschmeidig die klassischen südindischen Speisen.
Die Kellner lächelten
Dem Gast aus Deutschland hatte man zwei kleine Plastiklöffel neben das Palmblatt gelegt, mit denen ich die einzelnen Zutaten auf der grünen Bio-Unterlage hin und her schob, die Portionen von dem einen auf den anderen Löffel hebend. Die Kellner lächelten. Ich weiß nicht, vielleicht täusche ich mich ja: Aber ich glaube, in ihrem Lächeln lag eine ganze Menge Mitleid.
Es war schon eine merkwürdige Prozession, die da am Mittwochabend über Elliot's Beach in Chennai zog: drei junge Männer ruckelten eine vollbepackte Karre durch den noch warmen Sand, im Schlepptau mehrere Dutzend Menschen, lachend und redend, Kinder darunter, die aufgeregt um die Karre herumsprangen. Wurden die Strandbesucher etwa Zeugen eines neuen spirituellen Rituals? Nein, diesmal war es nicht die Religion, die die Menschen zusammenbrachte, sondern die Kunst.
Denn was die drei jungen Männer über Elliot's Beach schleppten war nichts anderes als ein mobiles Kino: ein Laptop, ein Beamer, zwei Lautsprecher. Von Zeit zu Zeit ließen die drei die Prozession stoppen und zeigten ein, zwei ihrer kurzen Filme, die sie dazu nacheinander auf Hauswände, das Schmidt Memorial, die Wand eines Sportclubs und auf eine selbst gebastelte Plane projizierten, die von zwei Latten gehalten wurde.
Verkehr und Vermüllung
"A wall is a screen" heißt das Projekt, das der aus Hamburg, Deutschland, stammende Künstler Peter Stein 2003 ins Leben gerufen hat und mit dem er seither um die Welt reist. "Die Idee dahinter ist, den öffentlichen Raum für die Menschen zurückzuerobern", erklärt Stein. Der werde allzu oft von Konsum und Business, Verkehr oder Vermüllung beherrscht.
Menschen würden daraus vertrieben oder müssten sich der vorgegebenen Nutzung anpassen. Ein gutes Beispiel dafür seien die Innenstädte westeuropäischer Großstädte, in denen die Menschen nur noch arbeiten und shoppen, aber nicht mehr leben.
An 135 Orten hat Stein bereits sein mobiles Kino aufgebaut, er war in Marokko, Litauen, Moldawien und Texas. "Aber an einem Strand habe ich noch nie Filme gezeigt", sagte Stein nach der Aufführung in Chennai. Es sei anstrengend gewesen, aber vor allem ein großer Spaß. Ihm und seinen Mitstreitern Thomas Baumgarten und Sven Schwarz stand der Schweiß auf der Stirn, wenn sie wieder einmal ihr schweres Gefährt an einen anderen Fleck am Elliot's Beach wuchteten.
Die Tour begann unmittelbar neben dem Skating Rink ganz im Süden des Strandes. Ein kurzer, kraftvoller Film aus Frankreich mit schnellen Schnitten bildete den Auftakt, zu sehen war auf der Wand des angrenzenden Gebäudes ein Mann in Sportbekleidung, der an verschiedenen Orten einer Stadt Gymnastik machte. Er vollführte Kniebeugen und Dehnübungen, "Stretching" hieß der Film denn auch. Laute Musik dröhnte in der Dunkelheit über die Verkaufsstände hinweg bis hin zur Promenade.
Von allen Seiten kamen, zunächst zögerlich, Menschen heran und schauten neugierig auf die Szenerie. Kinder hüpften vor der Hauswand, manche trachteten danach, den Lichtstrahl des Beamers zu erhaschen. Im zweiten Film kamen junge Leute zu Wort, die von ihrem Traum einer menschenfreundlichen Stadt berichteten, ein Projekt des Goethe Instituts zusammen mit Anja Schütze und Schülern sowie Studenten aus Chennai. Der Bann war gebrochen, als der dritte Film in einem richtigen Bollywood-Happyend gipfelte.
Resteverwertung
Filmischer Höhepunkt des Abends war aber das Stück "Prakash Travelling Cinema", für das die Chennaier Regisseurin Megha Lakhani zwei Männer in Kalkota begleitet hat, die ein fahrendes Kino für Kinder betreiben. Weil sie sich keine Bollywoodfilme leisten können, schneiden sie selbst all die Reste zu einem Film zusammen, die bei professionellen Produktionen abfallen. Wenn sie einmal nicht mehr sind, sagt einer beiden Filmvorführer, wird auch ihr kleines Kino sterben.
Neun Filme zeigen Peter Stein und seine Kollegen am Mittwochabend. Insgesamt haben sie 700 im Programm. Die Auswahl sei diesmal nicht so politisch gewesen wie sonst, sagte Stein. "Wir wollten die Menschen in Chennai einfach mit dieser Form des Films und der Filmvorführung bekannt machen." Mit der Resonanz ist er zufrieden. Halbe-halbe sei der Anteil der geladenen Gäste und der Passanten gewesen - eine gute Quote, sagte er.
Polizei am Strand
Insgesamt mögen es an diesem Abend rund hundert Zuschauer gewesen sein. 300 bis 500 sind in europäischen Städten keine Seltenheit. Der Auflauf am Elliot's Beach rief denn auch drei Mal die Polizei auf den Plan, auch für die Ordnungshüter war das Ereignis ungewöhnlich. Nachdem sie sich aber überzeugt hatten, dass alles seine Richtigkeit hat und genehmigt ist, ließen sie dem Treiben seinen Lauf.
Am Donnerstag haben Stein und sein Team die Tour am Elliot's Beach wiederholt. Es war ihr Abschied aus Indien, nachdem sie zuvor auf Einladung des Goethe-Institutes und im Rahmen des deutsch-indischen Jahres schon in Mumbai und Delhi aufgetreten waren. Für Stein und seine Mitstreiter ging es zurück nach Deutschland. An "A wall is a screen" werden sich aber bestimmt einige der Besucher des Elliot's Beach noch länger erinnern.
Trommeln, klatschen, singen, immer schneller, lauter, die hohen Töne überschlagen sich, der Rhythmus, Taka, bricht sich wie eine Welle über der Melodie, die Stimme versinkt im Rauschen, lässt sich treiben: so in etwa und doch immer noch völlig unzureichend lässt sich beschreiben, wie traditionelle karnatische Musik klingt.
Nur eine Handvoll Künstler braucht es dazu, sie sitzen auf dem Boden im Halbkreis, Trommler schlagen den Takt auf der Mridangam, der klassischen Doppelmembrantrommel, oder der Ghatam, einem Gefäss aus Ton, eine Stimme schwebt darüber oder die Laute einer indischen Geige. Hin und wieder wetteifern die Musiker im Konnakol, der Trommelsprache, wer die Silben im schnellsten Rhythmus singen kann - ein altertümlicher Rap oder Skat, nur schneller.
Santana, Abba und Michael Jackson
Takatitakatitaka. Die ältesten Überlieferungen der karnatischen Musik – Notationen auf Steintafeln - stammen aus dem 7. Jahrhundert nach Christus.
Karnatische Musik ist auch heute noch sehr populär in den südindischen Staaten, in Tamil Nadu zum Beispiel im Südosten, auch wenn sie im Alltag der meisten Menschen in den Metropolen keine Rolle mehr spielt. In Tamil Nadus Hauptstadt Chennai etwa, dem einstigen Madras, können Besucher der Restaurants, aber auch der Einkaufsmalls den Klängen von Santana, Abba und Michael Jackson nicht entgehen. Die Black Magic Woman verfolgt Notdürftige bis auf die Toilette, die Dancing Queen erwartet einen schon im Supermarkt.
Aber dann gibt es sie doch noch, diese besonderen Ereignisse, auf denen die traditionelle Trommelmusik gefeiert wird. Tatsächlich gefeiert. Von Jungen, Alten, ganzen Familien, Greisen und kleinen Kindern in festlichen Gewändern. So geschehen dieser Tage in Chennai, im Konzertsaal einer Privatschule mitten in dieser Fünf-Millionen-Metropole. Er ist, nebenbei, einer der besten der Stadt. Die Schulstifter haben ihn vor ein paar Jahren errichten, um mit den Einnahmen aus den Konzerten die Ausbildung der zu finanzieren, die Technik stammt zum Teil aus Deutschland.
Auf der Bühne sitzen vier der bekanntesten Karnata-Musiker Indiens, angeführt von T.A.S. Mani, so etwas wie der oberste Guru dieser Musik: Er hat vor 50 Jahren das Karnataka College of Percussion gegründet. Neben ihm seine Frau Ramamani, eine Sängerin, die etliche Stücke dieses Abends komponiert hat, und zwei weitere Trommler, Karthik Mani und Ramesh Shotham, der seit zwanzig Jahren in Köln lebt. Sie treten heute gemeinsam mit dem Bundesjugendjazzorchester BuJazzO auf, es ist eine Art Experiment.
Die Truppe von der Bühne wehen
Der Leiter, Mike Herting, hat die indische Musik, in der es keine Harmonien gibt und die sich den in Europa geläufigen Taktregeln entzieht, nach westlichem Muster für eine Big Band arrangiert. Eine Woche war Zeit für die Proben (nachdem das Projekt 2009 schon einmal gelaufen war), seit Mitte November ist das BuJazzO mit den indischen Künstlern nun schon auf Tournee. Das Goethe-Institut hat die Reise organisiert. Nach Chennai standen noch Konzerte in Pune, Kolkata und Hyderabat auf dem Programm.
Die Probe ist an diesem Sonnabend etwas knapp ausgefallen, die jungen Musiker und das Team sind erst mittags vom Konzert aus Delhi eingetroffen, sie haben kaum geschlafen. Von Müdigkeit dennoch keine Spur. Die Schlagzeuger und Percussionisten spielen hochkonzentriert und kraftvoll, die Bläser legen so viel Energie in ihr Spiel, als wollten sie den Rest der Truppe von der Bühne wehen.
Drei Sängerinnen und ein Sänger geben der karnatischen Musik ihre Stimmen, als hätten sie sie nie zu etwas anderem gebraucht. Dazu die indischen Trommeln und Ramamanis Gesang - ein Besucher spricht hinterher von magischen Momenten. Und einer der Musiker sagt am Tag danach, als das Orchester einen freien Tag genoss, es sei das Spirituelle dieser indischen Musik, dass ihre Besonderheit ausmache und die Spielweise sehr beeinflusse.
Die Musiker vom BuJazzO sind alle um die zwanzig und, so scheint es, begierig, neue Einflüsse aufzunehmen. Sie zählen zu den Besten ihrer Generation, studieren zum Teil im Ausland oder haben ihre Ausbildung bereits abgeschlossen.
Studium in Kopenhagen
In Flipflops und kurzen Hosen stehen sie am nächsten Morgen vor ihrem Hotel in Chennai, ein Tempel im Nachbarort soll besichtigt, anschließend soll am Strand gechillt werden (woraus zum Bedauern der meisten dann doch nichts wird). Auf der Fahrt im Bus singen sie, alles mögliche, was jungen Leuten halt so einfällt, die (abwesende) Mutter eines Mitreisenden erhält ein Geburtstagsständchen: "Fantasy", die Hymne von Earth, Wind and Fire kommt zu Ehren. Alles ganz unernst und unprätentiös.
Beim Mittagessen wird das einheimische Keyboard- und Gitarrenduo, das die Gäste bei Laune halten soll, mit Klatschen unterstützt, Flöten, auf einem Markt erworben, tönen durch die heiße Luft in Mahabalipuram, einer der Percussionisten kauft einem fliegenden Händler eine Trommel ab, er hat einen guten Preis ausgehandelt, sagt er. Während einer Rast erzählt der Pianist von seinem Studium in Kopenhagen, zu dem er nach er Indien-Tournee aufbricht, ein anderer von in Amsterdam und bereits gebuchten Auftritten. Fast alle spielen in Bands.
Erlösung vom irdischen Sein
Zwei Stunden musizieren sie an diesem Abend in Chennai. Das Publikum ist beseelt. Eine alte Dame im Sari einen Sitz weiter summt die Melodien laut mit und schlägt den Rhythmus der Lieder auf dem Rücken ihrer Enkelin. Maenner klatschen mit, indem sei abwechselnd mit der Handflaeche und dem Handruecken der einen Hand in die Innenseite der anderen schlagen. Die alten Lehrmeister der karnatischen Tradition glaubten, dass gute Musik zur Selbstfindung und damit zur Erlösung vom irdischen Sein beitragen kann. Nach diesem Konzert sollte niemand mehr daran zweifeln.

Der Mann und die Kinder waren über das Wochenende verreist, ich blieb allein zu Hause und fühlte mich wie vierzehn. Ich lag auf dem Teppich und hörte Musik, ich telefonierte, ich badete mitten am Tag, nähte und ließ, als ich keine Lust mehr hatte, alles liegen. mehr...
